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Abgasmessung: Stinkern geht es an den Kragen

Der Abgasskandal zeigt: Deutsche Ingenieurskunst ist fehlbar. Jetzt werden Forderungen nach intensiveren Abgasuntersuchungen lauter, auch von Dekra.  

Den Anwohnern am Neckartor stinkt es gewaltig. Seit Jahren ist die Kreuzung im Stuttgarter Talkessel Deutschlands abgasverseuchteste Straßenecke. Dabei müssen Autos immer niedrigere Grenzwerte einhalten, um die vorgegeben Euro-Normen zu schaffen. Wie passt das zusammen? Mittlerweile weiß man, dass der VW-Konzern die strengen Abgaswerte im Fahralltag nicht einhalten konnte oder wollte. Selten hat ein Skandal die automobile Welt so ins Wanken gebracht wie dieser. Jetzt ist der Aufklärungsprozess in vollem Gang, und nicht mehr nur VW um Schadensbekämpfung bemüht.

Mit Forderungen und Vorschlägen zur Abgasmessung bringt sich nun auch die Sachverständigenorganisation Dekra in die Diskussion ein. „Wie bei der Sicherheit von Kraftfahrzeugen sollten wir auch beim Emissionsverhalten auf das System aus Kombination von Typgenehmigung, periodischer Fahrzeugüberwachung und Kontrollen auf der Straße setzen“, schlägt Dekra-Vorstand Clemens Klinke vor.

Typzulassung sollte ausgelagert werden

Stichwort Typzulassung: Die benötigt jedes neu entwickelte Auto, bevor es auf die Straße darf. Ist es fahrsicher, genügt es allen gesetzlichen Anforderungen? Diese Untersuchung findet meist an einem Prototypen direkt beim Hersteller statt. Dabei werden auch die Emissionen und der Verbrauch gemessen, und zwar nach dem Neuen europäischen Fahrzyklus, kurz NEFZ. Der wurde in den 1990ern eingeführt, um die Verbräuche der Autos miteinander vergleichen zu können. „Fakt ist aber, dass der NEFZ mit den tatsächlichen Fahrbedingungen zu wenig zu tun hat“, sagt Klinke.

Schon deshalb befürwortet auch die Dekra die Einführung des Worldwide harmonized Light vehicle Testing Procedure (WLTP), der voraussichtlich im September 2017 in Kraft tritt. Der verbietet beispielsweise, bei dem Auto für den Verbrauchstest Sicken und Fugen abzukleben, um es windschlüpfriger zu machen. Oder die Reifen übermäßig aufzupumpen, damit sie leichter rollen. Außerdem kommt beim WLPT kein leergeräumtes, sondern ein beladenes Fahrzeug samt Zusatzausstattung auf den Prüfstand. Ein Auto eben, wie es auf der Straße zu finden ist. „Aus unserer Sicht spricht viel dafür, beim WLPT die Prüfstände der Technischen Dienste zu nutzen und nicht die des Fahrzeugherstellers“, sagt Ingenieur Klinke.

Messung im Straßenverkehr

Zusätzlich sollen künftig auch Serienfahrzeuge im realen Verkehr einen Abgastest absolvieren. Mit Hilfe eines Portablen Emissionsmesssystems (PEMS) will der Gesetzgeber durchsetzen, dass Autos in der Praxis halten, was sie auf dem Prüfstand versprechen. Dabei werden die Abgase über einen Schlauch vom Auspuff in das Gerät geleitet, welches sämtliche Emissionen misst. Für Eric Pellmann, Abgasexperte der Dekra, liegen die Vorteile auf der Hand: „Auch hier gibt es einheitliche Randbedingungen, beispielsweise was die gefahrenen Geschwindigkeiten angeht oder auch das Streckenprofil.“ Wichtig: Besteht ein Auto den RDE-Test nicht, verliert es die Typgenehmigung. Bei Nutzfahrzeugen ist die Messung der Emissionen im realen Betrieb übrigens seit 2013 Standard.

Dass zwischen Wunsch (WLPT) und Wirklichkeit (RDE) wohl immer noch Welten liegen werden, weiß man schon jetzt. Denn laut der eben erst verabschiedeten EU-Gesetzgebung dürfen neue Modelle die Abgase CO2 und Stickstoffoxide unter Fahrbedingungen auf der Straße die Grenzwerte um den Faktor 2,1 überscheiten. Vermutlich erst Mitte 2019 tritt eine weitere Verschärfung auf den Faktor 1,5 in Kraft.

Dekra fordert neue Messmethoden

Doch zurück ins Heute. Schon länger fordert Dekra, die im Rahmen der Hauptuntersuchung anfallende Abgasmessung zu verschärfen. „Sie sollte nicht auf die On-Board-Diagnose (OBD) beschränkt bleiben“, sagt Klinke. Statt nur auf die fahrzeugeigenen Messwerte zu vertrauen, sollte direkt am Endrohr nachgemessen werden. Nach dem Motto: Es gilt, was hinten raus kommt. Außerdem sollten weitere Schadstoffe beziehungsweise neue Messmethoden in die Abgasuntersuchung einbezogen werden. „Stickoxide kommen bei der AU bisher nicht vor, ebenso wie das Thema Rußpartikel bei Benzinern“, sagt Klinke.

Doch Stinker und Dreckschleudern sollten seiner Meinung nach nicht nur bei den periodischen Untersuchungen entdeckt werden. Der Chef der Dekra Automobil plädiert für Kontrollen am Straßenrand. Bereits heute stehen in etlichen US-amerikanischen Bundesstaaten grüne Kästen der Firma Opus am Straßenrand. Sie messen mit Hilfe von Infrarottechnik die Abgase vorbeifahrender Autos. Gleichzeitig wird das Kennzeichen des Autos erfasst. Opus gleicht die Daten mit der Zulassungsstelle ab, ermittelt den Fahrzeugtyp und filtert so die Abgassünder heraus. Deren Halter werden angeschrieben und aufgefordert, ihre Autos reparieren zu lassen.

„Mit dieser Prüfmethode, deren Genauigkeit sicherlich nicht mit der Abgasuntersuchung vergleichbar ist, könnten zumindest die größten Ausreißer in Sachen Emissionen aufgespürt werden“, betont Klinke. Für die Anwohner am Neckartor in Stuttgart wären das trotzdem gute Aussichten. Möglicherweise können sie irgendwann wieder durchatmen.

Autor

Foto

Thomas Küppers

Datum

2. Dezember 2015
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