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Auto China in Peking: Der fremde Nabel der mobilen Welt

Die jetzt eröffnete Auto-Ausstellung in Peking wird von den deutschen Herstellern dominiert. Die allerdings zeigen außer einigen Zukunftsstudien nur Serienmodelle für den chinesischen Markt.

Die spannendste Begegnung auf dem Messe-Rundgang lieferte der erste außerhalb Deutschlands entwickelte Mercedes. Obwohl der elektrische Denza nie auf deutschen Straßen unterwegs sein wird.

Die gewaltigen Tragflächen tauchen vom strahlenden Himmelblau ab in ein trübes Graugelb, Sinkflug in den Pekinger Smog. Erst kurz vor dem Aufsetzen werden aus den runden Fenstern des Lufthansa-Airbus 380 Konturen von Landschaft, Häusern und Straßen erkennbar. Nach der Landung dann spürt man die Kälte. Gegen die Mischung aus Dunst und Staub hat die wärmende Ostersonne keine echte Chance. Alles ganz normal in der chinesischen Hauptstadt, auch am Vortag der "Auto China", der inzwischen wohl wichtigsten Automesse der Welt.

Der Denza ist der Öko-Star auf der "Auto China"

An den Luft-Problemen in vielen Megacitys des Riesenreiches wird auch die Premiere eines neuen Elektroautos namens Denza nichts ändern können. Der geräumige Fünfsitzer mit dem 460-Liter-Kofferraum ist der Öko-Star der "Auto China". Und er ist das Ergebnis einer Gemeinschaftsproduktion von Daimler und dem chinesischen Konzern BYD. Mit einer Reichweite von 300 Kilometern pro Batteriefüllung verspricht er mehr Alltagstauglichkeit als andere bisher erhältlichen Stromer. Je nach Leistung der Steckdose dauert das Aufladen zwischen einer und sieben Stunden. Als Spitze stehen 150 km/h im Datenblatt.

Mit umgerechnet rund 42.000 Euro ist der Denza zwar teuer, doch der Staat und manche Städte wie Shanghai oder Shenzhen zahlen mit: Unterm Strich kann ein künftiger Denza-Besitzer den Preis dank reichlicher Subventionen um fast 15.000 Euro drücken. Außerdem kann er die in vielen Städten bereits geltenden Zulassungsbeschränkungen mit einem E-Mobil umfahren, muss sich also keiner Versteigerung stellen oder auf Losglück hoffen. Das erste Auto, das von Mercedes außerhalb Deutschlands entwickelt wurde, wird China indes  auch nie verlassen.

Plug-in-Hybrid-Versionen von VW Golf und Audi A6 kommen demnächst

Natürlich will VW-General Martin Winterkorn dieses Feld nicht seinem schwäbischen Rivalen überlassen und kündigte seinerseits eine Elektrooffensive für China an. E-Up und E-Golf können schon bestellt werden, "Plug-In-Hybrid"-Versionen vom VW Golf oder Audi A6 kommen demnächst. Sie können an der Steckdose aufgeladen werden und schaffen rund 50 Kilometer im rein elektrischen Modus. Und sogar ein ähnlich konstruierter Bentley mit einem Doppelantrieb aus Benzinmotor und E-Triebwerk ist als Studie auf der „Auto China“ zu sehen.

VW ist mit seinen Marken traditionell die Nummer 1 in China, will diesen Platz auch in der neuen Elektrozeit behaupten. Winterkorns Loblied auf die seit 30 Jahren andauernde Zusammenarbeit mit chinesischen Firmen fiel allerdings reichlich pathetisch aus. Gut, dass dem Konzernchef aus Wolfsburg eine Erfahrung seines Daimler-Kollegen Dieter Zetsche erspart blieb. Ein einsamer Demonstrant in mönchähnlichem Outfit hielt am Mercedes-Stand ein Transparent in die vielen Kameras, deren Objektive auf die Premiere eines künftigen Serienmodells gerichtet waren. Der Ruf nach „Freiheit für Tibet“ wurde durch ein gutes Dutzend Militärpolizisten mit schwarzen Stahlhelmen schnell unterdrückt. Nach einem kurzen Moment der Betroffenheit gehörte die Aufmerksamkeit wieder dem hochbeinigen, wuchtigen Mercedes: Die Coupé-Version des SUV-Klassikers ML ist die Stuttgarter Antwort auf den ähnlich gestylten BMW X6. Die meisten Käufer dieser Art von Autos leben in den USA, aber auch in China. Auf unseren Straßen wird der wohl als MLC bezeichnete Riese ebenso wie sein bayerisches Vorbild eine Seltenheit bleiben.

Audi präsentiert das TT Offroad Concept

Umgekehrt denkt Audi: Sie wollen aus einem Sportcoupé ein SUV zaubern und präsentieren das TT Offroad Concept, das als Plug-in-Hybrid unterwegs sein soll. Entwicklungschef Ulrich Hackenberg spricht von einem "Ausblick darauf, wie wir uns ein neues Modell in einer künftigen TT‑Familie vorstellen können". Ein Zweiliter-Benziner mit 292 PS arbeitet mit zwei Elektromotoren zusammen, gemeinsam liefern die drei Herzen 408 PS. Da gut 50 Kilometer abgasfrei möglich sind, liegt der Normverbrauch des bis zu 250 km/h schnellen Audi bei nur 1,9 Litern auf 100 Kilometer. Das Besondere: Die 12 kWh-Lithium-Ionen-Batterie kann nicht nur per Kabel, sondern auch per Induktion aufgeladen werden - ähnlich wie beim Wasserkocher zu Hause. Dazu fährt der TT-Ableger auf eine Art Platte, deren magnetisches Feld zum Laden genutzt wird.

Audi, BMW und Co. präsentieren die auffälligsten Exponate

Deutsche Dominanz also auf der "Auto-China". Die auffälligsten Exponate stehen auf den aufwendig und sichtbar teuer gestalteten Messe-Arealen von Audi, BMW und Co. Zumeist aber eben nur Studien, Denkmodelle und in Blech oder Karbon geformte Rohentwürfe künftiger Autos. Wie der bildschöne BMW Vision Future Luxury, der einen Ausblick auf die 2016 kommende 9er-Reihe erlaubt. "Mit dieser Studie entwickeln wir unser Verständnis von modernem Luxus konsequent weiter – mit zukunftsweisenden Technologien sowie Präzision und Qualität in jedem Detail", erklärt Designchef Adrian van Hooydonk. Auffällig die gegenläufig öffnenden Seitentüren, das extrem edle Innenleben und die schlanken Laser-Scheinwerfer.

Lexus NX für jedermann

Und was ist mit den ganz normalen Serienautos für Jedermann? Von den Peking-Neuheiten wird wirklich nur der Lexus NX in nächster Zeit auf deutsche Straßen rollen. Er reiht sich in die Gilde der SUV ein und tritt zum Beispiel gegen einen Audi Q5 an. Markant das monströse Kühlergesicht im "teuflischen", Lexus-eigenen Diabolo-Stil. Auch eine Hybridversion wird zu haben sein. Alles andere, was auf den zahllosen Ständen zu sehen ist, bleibt in China. Ob die um acht Zentimeter verlängerte Mercedes C-Klasse mit 2,92 Meter langem Radstand, das kommende viertürige Coupé auf Basis des VW Jetta oder das schmucke SUV von Citroën, dass als DS6 WR unterwegs sein wird. Alle werden im Reich der Mitte für die autohungrigen Gutverdiener produziert. Gleiches gilt für die vielen, außerhalb des Landes zumeist unbekannten chinesischen Firmen. Nur die Marke Qoros plant mit einem Kompaktmodell im Golf-Format einen Export nach Europa.

Inzwischen hat sich die Sonne über dem am Rande der 20-Millionen-Stadt gelegenen Ausstellungsgelände gegen den Smog durchgesetzt, lockt Zehntausende von Neugierigen an. Drinnen in den Hallen umlagern Massen von Menschen die Neuheiten und müssen ab und zu dennoch Platz machen: Wenn sich wieder einmal eine 50-Mann starke Truppe von Uniformierten im Gleichschritt und Gänsemarsch zackig eine Gasse zwischen den Ständen bahnt. Soldaten, Polizisten oder beides? So eine "Auto China" ist eben doch etwas anders als unsere vertraute IAA.

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Spotpress

Datum

22. April 2014
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