Alles über E-Call
Feuerwehr bei Verkehrsunfall Zoom

Automatische Notrufsysteme: Jede Minute zählt

Schneller vor Ort: Öffentliche Versicherer kommen mit einem eigenen automatischen Notrettungssystem E-Call auf den Markt. Noch läuft der Absatz schleppend, doch günstige Prämien sollen dies ändern.

Während das automatische Notrettungssystem E-Call der Europäischen Union erst 2015 in Neuwagen Pflicht werden soll, bieten die meisten öffentlichen Kfz-Versicherungen bereits heute ein Nachrüst-System für jedes Fahrzeug an. "Mit Ausnahme des Münsterlandes, Kiel und Hamburg ist Deutschland fast abgedeckt", sagt Sven Klein vom Verband der Öffentlichen Versicherer. Oftmals müsse mühselige Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Außerdem gibt es das Notrettungssystem nicht umsonst. Pro Monat kostet es knapp 26 Euro. Wer hingegen dem Versicherer die dreijährige Treue schwört, bekommt das System für knapp 10 Euro pro Monat. Doch der Aufwand reduziert sich möglicherweise durch bessere Konditionen bei der Versicherung. So gewährt etwa die Provinzial Rheinland für alle Copilot-Besitzer zehn Prozent Nachlass in der Kaskoversicherung. Die Öffentliche Versicherung Sachsen-Anhalt verspricht eine dreijährige Beitragsgarantie. Gerade diese kann derzeit im Flottengeschäft äußerst interessant sein. Nach Einschätzung des internationalen Versicherungsmaklers Aon aus Hamburg könnten die Prämien hier in den nächsten Jahren deutlich steigen.

E-Call soll die Erstversorgung nach einem Unfall deutlich beschleunigen

Doch nicht nur die Kosten sollten bei der Entscheidung ausschlaggebend sein. Schließlich soll das Notrufsystem Leben retten. Immerhin gibt es bundesweit jährlich über 370.000 Verunglückte im Straßenverkehr. Deutschlandweit ereignet sich alle 14 Sekunden ein Unfall; alle zwei Stunden stirbt ein Mensch durch einen Verkehrsunfall. "Wesentlich mehr Personen könnten gerettet werden, wenn die Rettungskräfte rechtzeitig und schnell alle Informationen bekommen würden. Dann könnten die Rettungsmaßnahmen nach Verkehrsunfällen beschleunigt werden", sagt Robert Heene, Vorstand der Versicherungskammer Bayern.

Nach Schätzung der EU könnte mit einer europaweiten Verbreitung von E-Call-Systemen jährlich rund 2.500 Menschen gerettet werden. Natürlich würden zudem viele schwere Verletzungen deutlich gemindert und oft lebenslange Invalidität verhindert. Die ersten Minuten nach einem Unfall sind oft entscheidend für die Schwere der Verletzungsfolgen. Der E-Call geht an die Notrufleitstelle der Deutschen Assistance Telematik. Sie ist ein Tochterunternehmen der ÖRAG Service, des Service-Partners der Öffentlichen Versicherer. "Selbst bei bereits durch andere Verkehrsteilnehmer gemeldeten Unfällen, wird die Rettung aufgrund der absolut präzisen Ortsangaben, die durch das System übermittelt werden, in der Regel deutlich beschleunigt", betonte Peter Slawik, Vorstand der Provinzial Rheinland.

Übermittelt werden Uhrzeit des Unfalls, Ort, Fahrtrichtung sowie Fahrzeugbeschreibung. Die Notrufleiststelle informiert sofort den nächsten Rettungsdienst, so dass das Unfallopfer unverzüglich erstversorgt wird. "Stellt das System nur einen leichten Crash fest, versucht die Notrufleitstelle zunächst telefonischen Kontakt zum Fahrer aufzunehmen", erläutert Heene. Hierfür kann der Fahrer zwei Rufnummern hinterlegen. Gibt es keinen Kontakt, gilt wieder Alarmstufe rot und die Rettungskräfte werden alarmiert.

Eine schnellere Schadenregulierung birgt auch Tücken

Die Aktion der Versicherer, der EU-Initiative technisch ebenbürtig, ist ihr aber weit voraus. Grund für die Eile sind wirtschaftliche Gründe. So gibt es einen starken Wettbewerb unter den Autoversicherern. Außerdem treibt die Versicherungen ein zweites Problem um: Nothilfe-Systeme, ob vom Hersteller oder als E-Call-Pflicht vom Staat, könnten dem Versicherer den schnellen Zugriff auf Schäden erschweren. Daher machen die Öffentlichen Versicherer keinen Hehl daraus, dass das System für die Schadenregulierung hilfreich sein kann. "Der direkte Kontakt zu uns ist ein Zusatzeffekt", betont Slawik. Eine schnelle Schadenregulierung hat für die Öffentlichen Versicherer einen großen Reiz. Je schneller das Auto in die Werkstatt kommt, desto geringer fallen die Kosten aus.

Doch diese Maxime gilt gleichfalls für Flottenchefs. Je schneller der Wagen repariert wird, desto eher kann der Mitarbeiter wieder mit seinem gewohnten Dienstwagen fahren. Auch die Nebenkosten durch Miet- oder Ersatzwagen reduzieren sich. Achten sollte man jedoch gerade bei unverschuldeten Unfällen darauf, dass eine Schnellregulierung, nicht zur Schlechtregulierung mutiert, wie Jörg Elsner, Vorsitzender der Verkehrsanwälte im Deutschen Anwaltverein (DAV) warnt. Ohne Schadengutachten könnte es vorkommen, dass manche Versicherer schnell eine Position, etwa die Wertminderung, vergessen. Nach einem Verkehrsunfall darf beispielsweise ein Anwalt mit der Durchsetzung der Entschädigung beauftragt werden. Geht alles ganz schnell, fehlt er. Dabei muss dessen Kosten der gegnerische Versicherer zahlen.

E-Call kann auch zur Diebstahlortung dienen

Doch aktuell wird der neue Copilot der Öffentlichen Versicherer erst einmal zur Rettung von Menschleben eingesetzt. Daher könnte sein Einsatz für Unternehmen auch mit der Fürsorgepflicht gegenüber der Belegschaft begründet werden. Gerade bei Mitarbeitern, die viel auf dem Land und in der Nacht unterwegs sind, können Unternehmen dann mit sozialem Engagement punkten, wenn diese das Rettungssystem erhalten. Damit wird die besondere Wertschätzung dokumentiert.

Zudem: Zwar überwacht der E-Call den Fahrer noch nicht direkt, es wird erst aktiv, wenn es einen Unfall feststellt. Trotzdem dürfte der unsichtbare Begleiter das Fahrverhalten positiv beeinflussen. Geringe Schadenquoten sind bei Prämienverhandlungen immer ein gutes Argument. Gleichwohl kann das Notrettungs-System zur Diebstahlortung eingesetzt werden. Dafür genügen eine Diebstahlanzeige bei der Polizei und ein Anruf bei der Deutschen Assistance Telematik. Auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden wird die Blackbox aktiviert und die Position des Fahrzeugs ermittelt. "Diese Daten stellt die Notrufzentrale anschließend ausschließlich der Polizei zur Verfügung, die das Auto so sicherstellen kann", erläutert Heene.

Trotzdem könnte das System vielleicht in Zukunft noch ganz anders genutzt werden: Nämlich zu Preisgestaltung für den Versicherungsschutz. Das Zauberwort heißt Pay-as-you-drive. Bisher hat nur die Kölner Axa Versicherung im gewerblichen Bereich solche Systeme im Einsatz. Während bisher das Risiko von Autofahrern immer nur indirekt errechnet wird, könnten die Datensysteme im Auto das persönliche Gefahrenpotential besser bestimmen. Ein klarer Wettbewerbsvorteil. "Tatsächlich wäre für jeden Kunden ein noch individuellerer Tarif möglich. Fraglich ist aber, ob die Kunden wirklich wollen, dass die Versicherer so viele persönliche Daten erhalten", heißt es bei der Münchener Allianz.

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Datum

22. Februar 2012
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