7 Bilder Video Zoom

Fahrbericht Mercedes E-Klasse: Das Eine-Milliarde-Euro-Baby

Mercedes hat der E-Klasse die teuerste Modellpflege aller Zeiten gegönnt. In Sachen Sicherheit und Effizienz soll die Business-Limousine jetzt Audi und BMW die Rücklichter zeigen.

Uuuups, das hätte wirklich nicht passieren dürfen. Mit quietschenden Reifen kommt die E-Klasse zum Stehen. Nur leider ein paar Zentimeter zu spät. So aber begräbt sie den auf der Fahrbahn stehenden Dummy unter sich. „Das klappt sonst immer, glauben Sie mir“ versichert Hans-Werner Mohn.

Was der Entwicklungs-Ingenieur zeigen wollte: Die neue E-Klasse erkennt jetzt auch Fußgänger und rammt im Notfall bis 50 km/h selbstständig die Bremse rein. Zweiter Versuch. Mohn wendet, rast die Teststrecke runter und erklärt den Passagieren gestenreich die neue „Pre Safe Bremse“. Dabei kommt er leicht nach links ab über die Mittellinie. Wir befürchten Schlimmstes, doch wie von Geisterhand gezogen steuert die E-Klasse weg vom Gegenverkehr und zurück auf unsere Spur. „Aktiver Spurhalteassistent“, sagt Mohn nur, wendet und nimmt noch einmal den Dummy aufs Korn. Dieses Mal überlebt er.

Eine Milliarde Entwicklungskosten

Sicherheit steht im Mittelpunkt der teuersten Modellpflege, die Mercedes jemals einem Auto gegönnt hat. Gerüchten zufolge soll fast eine Milliarde in die Weiterentwicklung der E-Klasse geflossen sein. Sehen wird es der Kunde nicht. Das Facelift bringt zwar auch eine neue Optik, mit auffälligem, doppelt abgewinkeltem LED-Licht sowie wahlweise mit klassisch großem Kühler und Stern auf der Haube oder mit flacher Front und integriertem Stern.

Die wahre Evolution aber greift unterm Blech. „Die wesentlichen Investitionen flossen in die Aggregate und Assistenzsysteme“, sagt Produktmanager  Klaus Rehkugler. „In dieser Fahrzeugklasse ist der Konkurrenzkampf extrem groß. Da müssen wir weiter ganz vorne mitspielen.“

Assistenzsysteme wie in der neuen S-Klasse

Deshalb pflanzen die Schwaben ihrem wichtigsten Modell etliche der Assistenzsysteme ein, die eigentlich für die im Herbst neu kommende S-Klasse gedacht waren. „Das Auto soll immer wissen, was rundherum geschieht“, sagt Rehkugler. Dafür sind sämtliche Sicherheitssysteme miteinander vernetzt. Radarsensoren und die Frontkamera etwa arbeiten Hand in Hand. Letztere überwacht von der Windschutzscheibe aus die Straße vor dem Auto nun mit zwei Augen. So kann sie bis 500 Meter entfernte Objekte nicht nur erkennen, sondern auch ihre Bewegung räumlich einordnen. Vor allem aber reagiert sie auch auf Fußgänger oder den Querverkehr. Schießt also plötzlich ein Auto seitlich aus einer Ausfahrt, wird es von Kamera und Radar erfasst und der Fahrer gewarnt.

Pre Safe Plus dagegen beobachtet den nachfolgenden Verkehr. Droht ein Auffahrunfall, signalisiert die E-Klasse dem anderen Fahrer mit pulsierendem Warnblinker: Achtung, hier stehe ich. Lässt sich der Crash trotzdem nicht vermeiden, zieht der Mercedes die Gurte der Passagiere straff und legt bei stehendem Fahrzeug die Bremse an. So wird das Auto wenigstens nicht auch noch auf den Vordermann geschoben wird.

Assistenzsysteme kosten extra

In der Summe haben die Ingenieure ein ganzes Rundum-Sorglos-Paket geschnürt. Der Neue erkennt Tempolimits und Überholverbote, warnt, wenn man zum Geisterfahrer wird, parkt selbstständig ein und aus und passt ihr Licht ständig dem Verkehr an. Soviel Sicherheit gibt es nicht umsonst. Der Einstiegspreis in die E-Klasse-Welt beginnt bei 33.975 Euro netto, rund 340 Euro mehr als bisher. Dafür gibt es zwar etliche Helfer wie Auffahr- und Müdigkeitswarner serienmäßig, das meiste aber kostet extra.

Besitzer eines iPhones wenigstens können etwas Geld sparen. Denn wie bereits in der aktuellen A-Klasse vernetzt Mercedes Handy und Fahrzeug. Für rund 900 Euro netto bringt das Drive Kit Plus die schöne bunte App-Welt auf den 14,7 Zentimeter großen Farbbildschirm. Ob Google-Suche, Wetterinfos oder Facebook im Auto wirklich nötig sind, muss jeder selbst entscheiden. Doch die Bedienung über Apps hat schon was und geht vor allem einfach. Größter Vorteil jedoch ist die vollwertige Navigation, die sich der Fahrer am heimischen Rechner aufs Handy laden kann. Da die Software auf dem iPhone läuft, lassen sich so schnell und einfach Updates oder auch neue Apps aufspielen. Wer braucht da noch die netto 2.650 Euro teure und statische Festplattennavigation Comand?

Souverän und unauffällig

Die Frage stellt sich öfters: Braucht der Fahrer eines Firmenwagens all die technischen Helfer? Wir meinen: Jein. Am Ende entscheidet sowieso das Budget. Andererseits arbeiten die Systeme völlig unauffällig. Sie beschäftigen den Fahrer nicht, er nimmt sie einfach nur zur Kenntnis, wenn sie aktiv werden. Das macht das Fahren mit diesem Auto so souverän.

Vielfahrer schätzen diese Gelassenheit. Sie brauchen für die entspannte Fahrt zum Kunden auch keinen überzogen starken Motor. Deshalb haben die Schwaben ihre Aggregate auch eher auf Effizienz als auf Power überarbeitet. So kommt im Sommer wieder eine Erdgasvariante. Außerdem schaffen jetzt schon fünf der 14 Motorisierungen die ab 2015 verbindliche Abgasnorm Euro 6. Darunter der neue Zweiliter-Vierzylinder, der als E 200 mit 184 PS und als E 250 mit 211 PS den Einstieg in die Welt der Benziner bildet. Der Direkteinspritzer nutzt die gleiche Technik wie schon die Sechs- und Achtzylinder und kombiniert erstmals ein geschichtetes Magerbrennverfahren mit Turboaufladung und externer Abgasrückführung. 5,8 Liter/100 km und 135 g CO2 bescheren dem E 250 als einzigem Benziner in diesem Segment die Effizienzklasse A. Der geschmeidige und laufruhige Benziner ist keine schlechte Wahl. Im Vergleich zum alten E 250 mit 204 PS reagiert der neue Motor wesentlich spontaner aufs Gas und kommt vor allem aus niedrigen Drehzahlen schneller auf Touren. Knapp unter zehn Liter Verbrauch nach unserer Testrunde zeigen aber auch, wie alltagsfremd die Normangaben sind.

Unsere Testfahrt jedenfalls endet wieder mit quietschenden Reifen. Nicht vor einem Dummy, sondern auf endlosen Landstraßenkurven, durch die wir im E 63 AMG tänzeln. Die schnellste E-Klasse aller Zeiten mit bis zu 585 PS und Allradantrieb ist die derzeit teuerste, aber auch faszinierendste Art der Fortbewegung in einer Business-Limousine. Mindestens 86.000 Euro muss der Kunde dafür nach Affalterbach überweisen. Damit sich selbst weniger extrovertierte Geschäftskunden überzeugen lassen, bietet AMG sogar ein reduziertes Business-Paket. Dann verzichtet der Brachial-Benz auf sämtliche Spoiler, Schweller und farbige Bremssättel. Eines hat er aber weiterhin: Leistung im Überfluss.

Technische Daten Mercedes E-Klasse (Auswahl)
Mercedes E-Klasse (Auswahl) E 200 CDI E 300 Bluetec Hybrid E 300 Bluetec E 200 E 250
Hubraum (cm³) 2.143 2.143 2.987 1.991 1.991
Zylinder 4 4 6 4 4
Leistung kw (PS) 110 (136) 150 (204) + 20 (27) E-Motor 170 (231) 135 (184) 155 (211)
Drehmoment Nm/min 360/1.600 500/1.600 + 250 540/1.550 270/1.2000 350/1.200
0-100 km/h (s) 10,2 7,5 7,1 8,2 7,4
V-max (km/h) 210 242 250 233 243
NEFZ-Verbrauch (l/100km) 4,8 D 4,1 D 5,5 D 6,1 S 5,8 S
CO2 (g) 125 107 144 142 135
Kofferraum (l) 532 532 532 532 532
Zuladung 565 585 555 565 565
Netto-Preis (Euro) 33.975 44.075 43.675 35.225 39.475
Betriebskosten (ct/km)* 89,5/57,1 100,7/64,9 103,4/67,0 89,1/59,8 94,9/64,1
Effizienzklasse A A+ A B A

*) Bei 20.000/40.000 km pro Jahr, 60/36 Monate Laufzeit.
Quelle Betriebskosten: Dekra, Stand: Dezember 2012

Autor

Foto

Hersteller

Datum

8. Februar 2013
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Alle Tests +++
+++ Alle News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.

  • Alle Bereiche
  • Branche
  • Auto
  • Management
  • ecoFleet
  • Recht/Steuer
  • Service
  • Firmenauto des Jahres