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Renault Twizy: Isetta Reloaded

Mit dem Twizy macht Renault vieles anders. Was zeigt, dass Elektromobilität spaßig ist. Nicht spießig.

Was hat vier Räder und ein Lenkrad? Ein Auto, richtig. Ein solches aber will der Renault Twizy nicht sein, eher eine trendige Mischung aus Roller und Kleinstwagen. Die teutonische Rechtsordnung stuft ihn als „Kraftradähnliches Vierradkraftfahrzeug in verschiedenen Fahrzeug- und Aufbauarten“ ein. Was früher Gerätschaften vom Schlage einer BMW Isetta traf, gilt heute für Quads. Dem Twizy beschert das erstens eine mäßige Kfz-Steuer von 22 Euro. Zweitens einen echten Sonderstatus. Denn während die meisten Autobauer versuchen, Elektrofahrzeuge an konventionellen zu orientieren, hat Renault beim Twizy mit dieser Denkweise radikal gebrochen.

Wer den ersten Schreck über die futuristisch geratene Kunststoffhülle überwunden hat, stellt subjektiv betrachtet eine gewisse Coolness fest. Daher schnell zu den objektiven Werksangaben: Elektromotor mit 18 PS, Lithium-Ionen-Akku mit 6,1 kWh, 100 km Reichweite, 80 km/h Spitze, Ladezeit 3,5 Stunden. Noch Fragen? Ja. Zum Beispiel, warum die Türen nicht Serie sind, sondern die offenen Varianten. Dabei vermitteln erst die halb hohen, im unteren Bereich transparenten und nach oben öffnenden Türen gefühlte Sicherheit. Seitlich gänzlich entblößt neben einem 40-Tonner zu düsen, ist schließlich nicht Jedermanns Sache. Unser Tipp: Den Twizy mit Türen bestellen! Sie kosten netto 496 Euro, machen ihn aber doch zu einer Art Auto und bieten den Vorteil besser platzierter Rückspiegel.

Kunststoffsitz mit wenig Komfort

Der Kunststoffsitz ist kein Erbstück französischer Komforttradition. Flächen-, Lehnen- und Kopfpolster müssen reichen, dafür ist das Gestühl in Längsrichtung verstellbar. Auch Großgewachsene dürften auf dem Vordersitz klarkommen, zumal nach oben 88 Zentimeter verbleiben. Der hintere Sitz ist eher was für pubertierende Sprösslinge, die sich mal eben von Mutti zum Sport bringen lassen. Wem das Gemaule zu viel wird, kann statt dem Nachwuchs auch eine spezielle Tasche (50 Liter Inhalt) auf den hinteren Sitz schnallen. Zusammen mit dem Heckfach und weiteren Staufächern vorne ergeben sich so fast 90 Liter Stauraum.

Wir wollen es jetzt wissen: Fuß auf die Bremse, Schlüssel drehen, Handbremse lösen. Ein Piepston und ein „Go“ im übersichtlichen Display fordern zum Druck auf den Richtungsknopf. „D“ für Vorwärts, „R“ für Rückwärts, schön einfach. 57 Nm liegen gleich beim Tippen aufs Fahrpedal an und schieben das 562 Kilo leichte Mobil vehement nach vorne. Die erste Kehre in der Altstadt zeigt eine wahre Stärke des Twizy: 6,8 Meter Wendekreisdurchmesser sind ein Spitzenwert. Große Komfortansprüche sind nicht drin. Die Dreieckslenker und Drehstabfedern leiten Stöße zwar ab. Leider aber direkt in den Allerwertesten, wenn man vor Bodenwellen, Bahnübergängen und ähnlichen Spaßblockern das Bremsen vergisst.

Gewöhnungsbedürftige Akustik

Luftig, nicht zugig, geht es zu. Eine Helmpflicht besteht nicht. So vernehmen beide Ohren ungefiltert ein eigenartiges Fahrgeräusch bei höherem Tempo. Das kommt weniger von den extra für dieses Fahrzeug entwickelten 125er Conti-Reifen (vorne), als von der konstanten Untersetzung der getriebefreien Kraftübertragung. Das Ergebnis ist ein Summen, ähnlich wie das eines Transformators. Die Akustik ist gewöhnungsbedürftig, die Bedienung dagegen nicht. Geht der Fuß vom Fahrpedal oder auf die Bremse, wird der E-Motor zum Generator und speist die Batterie. Die Anzeige im Zentraldisplay quittiert diese Rekuperation mit einem Pfeil, der in Richtung Akku zeigt. Wandert der Fuß wieder aufs Fahrpedal, dreht sich die Pfeilrichtung von der Batterie weg. Balken zeigen deren Restladestand an. Ein kleiner Bordcomputer gibt Auskunft über verbleibende Strecke und Zeit.

Womit wir beim Thema Verbrauch und Kosten sind. Der Grundpreis für den Twizy beträgt 5.798 Euro netto. In Deutschland dürfte der Gegenwert einer Vollladung Strom derzeit 1,50 Euro betragen. Monatlich sind zudem 42 Euro netto als Miete für die Batterie fällig. Nur bleibt die Frage, mit was man den Twizy denn überhaupt vergleichen soll. Und wie hoch der Faktor Spaß zu bewerten ist. Ein schönes Ei hat Renault uns da ins Nest gelegt. Wurde auch Zeit.

Autor

Foto

Alex Mannschatz

Datum

4. April 2012
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