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Unfalldatenspeicher: Gesicherte Beweise

Sie sorgen in Flotten für Rechtssicherheit und eine rücksichtsvollere Fahrweise: Trotzdem kommen Unfalldatenspeicher selten zum Einsatz.

Ein typischer Unfall: Beim rückwärts Ausparken auf dem Parkplatz kracht der Fahrer in die Beifahrertür eines Kombis, dessen Besitzer einen Parkplatz sucht. Die Blech- und Lackschäden an beiden Fahrzeugen summieren sich auf rund 2.000 Euro.

Weil beide Fahrer den jeweils anderen bezichtigen, zu schnell gewesen zu sein, müssen Gerichte oder Sachverständige klären, wer für den Schaden aufkommt. Viel Aufwand für eine Lappalie: »Allein meine Kosten übersteigen in solchen Fällen den Aufwand für den Schaden, ganz zu schweigen von den anfallenden Gerichts und Anwaltskosten«, sagt Michael Weyde, promovierter forensischer Sachverständiger für Verkehrsunfälle und Geschäftsführer des Ingenieurbüros Priester & Weyde in Berlin.

Ein Unfalldatenspeicher (UDS) könnte Kosten und Bürokratie begrenzen, außerdem falsche Vorwürfe widerlegen, Zeugenaussagen präzisieren und den Unfallhergang dokumentieren: Dieses Gerät speichert die Fahrdaten vor und nach dem Unfall.

Vorausschauendere Fahrweise

»UDS helfen, Unfälle besser aufzuklären«, erläutert Markus Schäpe, Verkehrsrechtler beim ADAC: »Sie zeigen bei ständig wechselnden Fahrern auch auf, wer einen Schaden verursacht hat. «Der Bundesverband Fuhrpark Management stellt in seinem Online-Nachschlagewerk FuhrparkCockpit fest: »Der UDS bietet Fuhrparkverantwortlichen und Dienstwagenfahrern in Unfallsituationen ein Höchstmaß an Rechtssicherheit und senkt Betriebskosten durch Schadensersatzansprüche.«

Der schwarze Kasten soll zudem für eine vorausschauende Fahrweise sorgen: »In Flotten dient der UDS dazu, die schnellen und rasanten Fahrer zu erziehen«, wirbt Walter Gerlach, Produktmanager bei Kienzle Argo, für sein Produkt. Immer wieder wird mehr oder minder engagiert diskutiert, den UDS zum Ausstattungsstandard zu erheben.

Dennoch schafften es die Geräte bisher nicht in die Lastenhefte der Hersteller. Zwar liefert die Fahrzeugelektronik viele verwertbare Daten, doch ein einheitlicher Speicher wird nicht installiert. Die Hersteller verweisen auf Mehrkosten und Probleme mit der Datenerfassung. »Viele Fahrer wollen keinen Datenschreiber im Auto, weil sie bei Fahrfehlern nicht erwischt werden wollen«, ergänzt Weyde Widerstände.

Selbst die Versicherungen – sie wären eigentlich Nutznießer von eindeutig geklärten Schuldfragen – stehen nicht vereint hinter dem Datenschreiber: Zwar belohnen einige Assekuranzen gerade den Einsatz in Flotten, doch der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) lässt wissen: »Es besteht weder seitens der Kfz-Nutzer noch der Versicherungswirtschaft ein signikanter Bedarf für derartige Blackbox-Systeme, zumal die ganz überwiegende Mehrzahl aller Unfälle mit Kfz-Beteiligung außergerichtlich geklärt und abgewickelt wird.«

UDS zeichnen Fahrdaten auf

So konnte sich der UDS bislang nicht durchsetzen: Schätzungen zufolge sind in Europa lediglich rund 50.000 Fahrzeuge mit einem solchen Gerät ausgestattet, die Continental-Tochter Kienzle Argo, Anbieter des UDS 2.0 Fleet Line, setzt weltweit 7.000 bis 10.000 Geräte pro Jahr ab – vorzugsweise an Polizei, Sanitäter und Feuerwehren sowie an die Manager von Lastwagen- und Serviceflotten.

Zunehmend fahren die schwarzen Kästen auch in Taxis und Mietwagen mit. »UDS sind Ringspeicher, die laufend Fahrdaten aufzeichnen«, erklärt Gerlach. »Sie sichern die Daten der 30 Sekunden vor und 15 Sekunden nach einem Unfall.« Die Boxen sind etwa so groß wie CD-Player, werden meist unter dem Sitz mit der Elektronik verkabelt und kosten inklusive Einbau zwischen 600 und 1.000 Euro.

Einige Hersteller liefern zusätzlich Kameras für den Innenraum mit, zudem gehört eine Software zum Auslesen der Daten und zur Überprüfung von Fahrzeugen in Flotten zum Paket. In Zehntelsekunden registrieren die Geräte Lenk- und Bremsbewegungen, die Beschleunigung, aber auch das Zuschalten von Licht, Blinkern und anderen Fahrerassistenzen.

So wird ersichtlich, wann gebremst wurde, wie schnell der Wagen unterwegs war und ob die Spur gewechselt wurde. Die Daten sind hilfreich nach Verkehrsunfällen, aber auch bei kleineren Blechschäden: Fahrer von Dienstwagen können mit Hilfe der Blackbox nachweisen, dass eine Delle tatsächlich am parkenden Auto entstanden ist und nicht von ihnen selbst verursacht wurde.

Es gibt inzwischen den spurenfreien Unfall

Gerade Assistenzsysteme wie ABS und ESP hinterlassen auf Straßen keine oder nur noch schlecht auswertbare Brems- und andere Spuren, bei Regen und Schnee fehlen diese ebenfalls. »Es gibt inzwischen den spurenfreien Unfall«, berichtet Gutachter Weyde.

In diesen Fällen schließen Fachleute nur grob aus den Schäden an Fahrzeugen aufs Unfallgeschehen und leiten daraus ab, wer zur Verantwortung gezogen wird. In der Regel sind das beide Parteien. Gerecht ist das nicht: Gerade wenn ein versierter Fahrer seinen Wagen vor einem Auffahrunfall stoppen konnte, aber vom Nachfolger auf die kollidierten Fahrzeuge geschoben wurde.

Ohne UDS kann er seine Umsicht nicht beweisen. Bei den Fuhrparkverantwortlichen staatlicher Institutionen ist diese Einsicht längst angekommen. Bayern und die Schweiz etwa schreiben für Polizei- und Rettungsfahrzeuge Datenschreiber seit einigen Jahren vor. Baden-Württemberg und Sachsen fördern zudem den Einbau von UDS in Bussen des öffentlichen Nahverkehrs.

Die Blackbox beeinflusst die Unfallzahl

So kann herausgefunden werden, ob Polizisten und Sanitäter bei einer Kollision mit Blaulicht unterwegs waren oder ob ein Fahrgast im Bus stürzte, weil der Fahrer abrupt bremste. Doch nicht nur das: Die Blackbox beeinflusst die Unfallzahl.

So registrierte die Freiburger SBG, eine Busgesellschaft mit 50 Fahrzeugen, nach dem Einbau von UDS einen Rückgang der selbst verschuldeten Unfälle um 18 Prozent. Die Kosten für Reparaturen, Standzeiten und Versicherungen sanken folglich um knapp 60 Prozent. Ähnlich verläuft die Entwick- lung bei der Berliner Polizei: Dort wurde im ersten Jahr jeder fünfte Unfall vermieden und 25 Prozent der Kosten konnten durch den UDS-Einsatz eingespart werden.

Die Europäische Union ließ diesen Effekt in 850 Fahrzeugen von neun unterschiedlichen Flotten aus den Niederlanden, Belgien und Großbritannien erforschen und kam zu vergleichbaren Ergebnissen: Im Schnitt sank die Unfallrate um knapp 30 Prozent, der Aufwand für Schäden indes um 40 Prozent: »Der Datenspeicher sensibilisiert Fahrer offenbar für ein höheres Sicherheitsmaß im Straßenverkehr und damit für eine vorausschauende Fahrweise«, schließt der Bundesverband Fuhrparkmanagement aus diesen Studien.

UDS helfen rücksichtslose Fahrer zu entlarven

»Mit Hilfe des UDS kann festgestellt werden, wie Fahrer mit dem Firmenwagen umgehen.« Wer weiß, dass ein Kontrollmechanismus aktiv ist, fährt offensichtlich defensiver und angepasster. Ob diese Wirkung allerdings auch langfristig anhält, ist bisher noch nicht erwiesen: »Die meisten Fahrer vergessen doch auf Dauer, dass sie mit UDS unterwegs sind«, sagt ADAC Rechtsexperte Schäpe.

Trotzdem gewähren Versicherungen wie die Winterthur oder VDK Rabatte bis zu 30 Prozent, wenn in der Flotte UDS zum Einsatz kommen. Bleiben zudem die Unfall- und Schadenszahlen niedrig, können Flottenmanager zusätzlich mit günstigen Prämien und einem Wechsel in günstigere Schadensklassen rechnen.

Nicht zuletzt sinken im Schadensfall Aufwand und Ärger für Sachverständige und Anwälte. »Wären alle Wagen mit der Blackbox ausgerüstet«, sagt Gutachter Weyde, »wären die Entscheidungen im Streitfall gerechter. Es gibt nur wenige Menschen, die rücksichtslos fahren, UDS helfen diese Fahrer zu entlarven.«

Alles, was recht ist

  • Die Daten aus Unfalldatenschreibern werden vor Gericht anerkannt.
  • Daten können, müssen aber nach einem Unfall nicht weitergegeben werden.
  • Bei regulärer Fahrt werden die Daten alle 45 Sekunden überschrieben. Sie können auch manuell gelöscht werden.
  • Unterstützung finden die Systeme, wenn Mitarbeiter über die Hintergründe ihrer Einführung informiert werden.
  • UDS und Logbuchdaten helfen strittige Schadensfälle zu klären. So können Mitarbeiter an der Schadensregulierung beteiligt werden.
  • Der Sicherheitseffekt wird mit Schulungen zur Verkehrssicherheit und zum effizienten Fahren weiter verstärkt.


Während die Unfalldatenspeicher-Systeme vom Hersteller oder von autorisierten Händlern verkauft werden, gibt es Kamerasysteme auch im Internet und bei Elektonikmärkten. Sie sind meist günstiger, eine Software zur Auswertung der Daten wird seltener mitgeliefert.

Unfalldatenspeicher und Kamerasysteme
Hersteller System Funktionsweise Preis*
Kienzle Argo VDO UDS 2.0 Blackbox/DS 546 Euro
Awatek Crashlog Blackbox/DS auf Anfrage
HD Auto CarDVR Blackbox Video/DS 159 Euro
Duramaxx Miniguard 12V Video 42 Euro
Electronic Star Auto-Unfallkamera Video 134 Euro
NavGear Full HD-DVR MDV 2250 Video 50 Euro
ACME CarCam One HD 720p Video 84 Euro
ACME CarCam One + GPS Video/GPS 84 Euro
Visiondrive KFZ Kamera plus GPS Video/GPS 167 Euro
Conrad GPS-Video-Aufzeichn. Video/GPS 142 Euro

*alle Preise ohne Einbauten, DS = Datenspeicher

Autor

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GordonGrand - Fotolia

Datum

8. November 2012
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