40 Jahre Ford Sierra Vom Wind gebügelt

Ford Sierra Foto: Ford 13 Bilder

Der Sierra veränderte vor 40 Jahren die bis dahin konservative Mittelklasse, besonders in Verbindung mit Allradantrieb.

Kühn geformte Forschungsautos geben der Zukunft ein Gesicht, aber manchmal können die Menschen gar nicht glauben, wie schnell dieser Fortschritt zum neuen Normal wird. So ist es aktuell bei der E-Mobilität und so war es auf der IAA 1981, als die stromlinienförmige Studie Ford Probe III zeigte, dass die Zukunft des Designs in der Luft lag. Gute Aerodynamik für bestmögliche Effizienz wurde nach den Energiekrisen der 1970er wichtigstes Thema im Automobilbau, und Ford wies mit dem Probe III den Weg zum Serienmodell Sierra, das nur ein Jahr später die Mittelklasse revolutionierte.

Ford Sierra 1981 Foto: Ford
Dieser 1981 gefertigte Prototyp des Sierra trug noch den Taunus-Schriftzug.

So viel Mut hatte Ford anfangs nicht einmal die Fachwelt zugetraut, schließlich musste der in futuristische Linien gezeichnete Sierra auch die Käufer des nun abgelösten und millionenfach verkauften Taunus für sich gewinnen. Statt konservativer Kanten und steifen Stufenhecks setzte der neue Sierra auf eine windschnittige Stilistik, die mit cw-Werten von 0,32 bis 0,34 sogar die Stromlinie avantgardistischer Ikonen wie des Citroen CX schlug. Welten trennten die alten Ford-Typen Taunus und das britische Schwestermodell Cortina vom neuen Sierra im Aerodesign. Entsprechend gespalten waren die Reaktionen langjähriger Ford-Fahrer auf den Sierra, der unter dem zukunftsweisend geformten Blechkleid übrigens mit konservativem Hinterradantrieb überraschte, wenn auch in Kombination mit moderner Schräglenker-Hinterachse. Die Bestsellerkarriere des Sierra blockierte dies am Ende nicht, der von Designer Uwe Bahnsen entworfene Ford galt vielmehr als Meilenstein frischer Formen, der die gesamte Branche beeinflusste.

"Sierra Shock" titelt die Presse

"Sierra-Shock" titelte die britische Motorpresse zum Start des rundlichen Fastbacks, denn die Briten vermissten zunächst die vertrauten Konturen des eingestellten Ford Cortina, der über viele Jahre nationales Volksauto Nummer eins war. Entsprechend holprig verlief der Anlauf der rechtsgelenkten Sierra, erst die Einführung der heißblütigen Capri-Erben Sierra XR4i (ab 1983) sowie Cosworth (ab 1986) und des Sierra mit Stufenheck (ab 1987) machten die Ford-Mittelklasse auf der Insel zu einem Liebling der dienstwagenberechtigten Mittelschicht. Auf Pole fuhr der Sierra trotzdem nicht mehr, aber er sicherte sich immerhin Platz zwei in den Verkaufscharts seines größten Absatzmarktes – und er ließ junge kantige Konkurrenten wie Vauxhall Cavalier/Opel Ascona, VW Passat B2 oder Audi 80 B2 plötzlich alt aussehen.

Ford Sierra RS Cosworth 1985 Foto: Ford
1985 feierte der Ford Sierra RS Cosworth als Basisfahrzeug für Tourenwagen-Rennen sein Debüt.

Durchgestartet in Deutschland

In Deutschland hatte der Sierra allerdings von Beginn an leichtes Spiel, in der Mittelklasse zu neuen und ertragreichen Ufern zu fahren. Die Popularität des betagten und arg biederen Taunus hatte längst dramatisch nachgelassen und der visionär designte Sierra konnte die Talfahrt der Kölner Ford-Dependenz umgehend stoppen. Wie einst der stromlinienförmige, von Fans Badewanne genannte Taunus 17 M aus dem Jahr 1960 etablierten nun der Aerodynamiker Sierra und der 1985 folgende windschnittige Granada-Nachfolger Scorpio die Marke Ford als Design-Instanz. So viel Avantgarde veranlasste sogar Stammkunden von Premiumherstellern wie BMW und Audi zum Wechsel. Am Ende konstatierte Ford Köln zufrieden, dass jeder dritte Sierra-Käufer von anderen Marken kam.

Ford Sierra 1987 Foto: Ford
1987: In der Tourenwagenweltmeisterschaft erringt Ford den Konstrukteurstitel. Start-Ziel-Sieg beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring.

Zeitgleich zur ersten 4x4-Version debütierte 1985 der 204 PS entwickelnde Sierra Cosworth mit Vierventil-Technik und Turbo mit Ladeluftkühlung, zwei Jahre später folgte der nochmals stärkere Sierra RS500 mit 220 PS und schließlich 1989 ein 2,9-Liter-V6. "Ford Cossies" fahren bei Rennen die Konkurrenz in Grund und Boden, dieses Engagement wirkt sich auf den Verkauf der Familienmodelle belebend aus“, bestätigten deutsche Fachmagazine die Ford-Strategie.

Sierra als Millionen-Seller

Zwei Modellpflegen (1987 und 1990) genügten, um die Ford-Avantgarde aktuell zu halten. Nach zwölf Jahren wurde es dennoch Zeit für einen Neuanfang, zumal der Sierra technisch auf den längst altmodischen Hinterradantrieb vertraute. Mondeo hieß der 1993 lancierte Nachfolger mit nüchternen Linien und moderner Antriebstechnik, der sich in drei Generationen und fast 30 Jahren als feste Größe bei Dienstwagenfahrern und Familien etablierte. Bis sich Ford in diesem Frühjahr aus der traditionellen Mittelklasse verabschiedete, um mit modischen Crossover-Modellen wie Kuga und Mustang Mach-E frischem Zeitgeist zu folgen. Dem Strom voraus fuhren aber allein die Formen des Sierra, und so bleibt er der vorläufig letzte Kölner Design-Meilenstein für 2,7 Millionen Käufer.

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