50 Jahre Mercedes-Benz S-Klasse (W116) Für Staats- und Konzernlenker

Mercedes S-Klasse W116 Foto: Mercedes 11 Bilder

Die Baureihe W116 brillierte mit mächtigen V8, monumentalen Formen und neuen Sicherheitstechniken. Vor allem schmückte sie sich als erster Mercedes offiziell mit dem Prädikat S-Klasse.

Vor 50 Jahren debütierte die erstmals offiziell S-Klasse genannte Mercedes-Benz-Baureihe W116 und die Medien feierten den Premieren-Stern am Premiumhimmel prompt als "bestes Auto der Welt mit modernster Technik und feinsten Materialien in perfekter Verarbeitungsqualität".

So viele Vorschusslorbeeren bekamen nicht einmal Rolls-Royce Silver Shadow und Mercedes 600 Pullman. Vielleicht, weil die erste S-Klasse mit einem bis dahin beispiellos breiten Modellprogramm vorfuhr, vom gerade noch bezahlbaren Sechszylinder-Vergaser-Typ 280 S bis zum ultraluxuriösen 450 SEL 6.9 mit mehr Leistung als der Mercedes 600. Sogar ein taxitauglicher Diesel stand bereit.

Damit passte die Baureihe W116 perfekt zum politischen Claim von Bundeskanzler Willy Brandt für die 1970er. "Mehr Demokratie wagen", das demonstrierte die S-Klasse als gutbürgerliche Alternative zu BMW E3 und Opel Diplomat und damit als Zugfahrzeug von Wohnwagen, in Langversion aber als favorisiertes Fahrzeug von Konzernchefs, Kanzlern und Majestäten. Ob Kanzler Helmut Schmidt, der Papst, Königshäuser aus der ganzen Welt und die von linken Terroristen verfolgten Vertreter des wirtschaftlichen Establishments wie Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, oder Ölbarone in TV-Serien wie Dallas: Die S-Klasse W116 war für Entscheider die automobile Machtzentrale des Jahrzehnts – und mit 473.000 verkauften Einheiten erfolgreichster Luxusliner ihrer Epoche.

50 Jahre Mercedes S-Klasse 3.5 V8
Acht Zylinder für den Kanzler

Schon im Fond der bis 1972 gebauten Mercedes 280 S bis 300 SEL 6.3 (W108/W109) wurde regiert, repräsentiert oder von Show-Größen komponiert, zum Tempel futuristischer Technik in wahrlich feudalen Abmessungen avancierte aber erst die nachfolgende Baureihe W116. 2,87 Meter Radstand und damit zwölf Zentimeter mehr als sein bot bereits der neue Basistyp 280 S. Dagegen übertrafen die um 11 Zentimeter auf 5,06 Meter Außenlänge gestreckten XL-Lounges 280 SEL bis 450 SEL alle Limousinen unterhalb von Rolls-Royce und Mercedes 600 (W100).

Aber sogar diese in Handarbeit gefertigten Giganten fanden im nobelsten Vertreter des W116 ihren Meister: Als 450 SEL 6.9 betörte die S-Klasse mit dem monumentalen Motor des Mercedes 600, dies aber mit kräftigem Leistungsplus dank auf fast 6,9 Liter vergrößerten Hubraums und einer im Motorsport erprobten Trockensumpfschmierung.

Mercedes S-Klasse W116 Foto: Mercedes
Wegen der Ölkrise von 1973/74 wurde die Einführung des „Sechsneuner“ auf September 1975 verschoben.

Wegen der Ölkrise von 1973/74 wurde die Einführung des "Sechsneuner" auf September 1975 verschoben, und doch wurde der Mut der Mercedes-Strategen belohnt. Obwohl der voluminöse V8 fast 70.000 Mark kostete und damit etwa die Hälfte mehr als ein Jaguar V12, fanden 7.380 Einheiten dieses über 230 km/h schnellen und 286 PS starken viertürigen Sportwagens begeisterte Fans. Flüsterton bei Vmax und fast schwebender Fahrkomfort dank hydropneumatischer Federung inklusive Niveauregulierung, dazu optional elektrisch verstellbare Fondsitze, das war damals einzigartig. Aber diese Qualitäten durften nicht allzu offensichtlich erkennbar sein in den von Sozialneid erfüllten 1970ern. Meistgeorderte Option war deshalb die Sonderausstattung 261: Wegfall der Chromziffern 6.9 auf dem Kofferraumdeckel.

Dann zeigten die Stuttgarter Zivilcourage, wie Zeitungen kommentierten, und der als "colossus" gefeierte V8 eroberte umgehend die Reviere der High Society von New York bis Hollywood. Dazu durchbrach der Autobahnjet nach nur sechs Sekunden die damalige Highway-Schallmauer von legalen 55 Meilen (88 km/h) und dieser Wert qualifizierte den Benz bereits als Herausforderer von Ferrari in US-Spezifikation. Teuerstes und dennoch populäres elektronisches Einzelextra im 450 SEL 6.9 war übrigens die Telefonanlage für rund 18.000 Mark – dafür gab es alternativ bereits einen Mercedes 280 (Stricht-Acht). Das Beste für den Boss, nach diesem Credo fuhr das V8-Topmodell 1978 auch mit der ersten serienmäßigen europäischen ABS-Bremsanlage voran und ein früher Tempomat durfte ebenfalls nicht fehlen.

30 Jahre Mercedes S-Klasse (W 140)
Seiner Zeit voraus

Benzin sparen und dennoch schnell fahren ließ sich mit dem 280 SE, der dank Direkteinspritzung 185 PS entwickelte und als bis heute meistverkaufter S-Klasse-Typ Geschichte schrieb. Ganz anders der Achtzylinder im 350 SE, der kaum temperamentvoller war, dafür eine turbinenartige Laufkultur entfaltete, die an den C111 erinnerte. Nachteilig waren jedoch Testverbrauchswerte von bis zu 24 Litern. Trotzdem mit dem europäischen Medienpreis "Auto des Jahres 1973" und in den USA mit der Trophy "Best Sedan" ausgezeichnet wurde der 450 SE mit 225 PS kräftigem V8, der – Ironie der Geschichte – passgenau zur ersten Ölkrise seinen Marktstart feierte.

Mercedes S-Klasse W116 Foto: Mercedes
Der 300 SD war die weltweit erste Oberklasselimousine mit Turbodieselmotor.

Und noch ein Motor sorgte im schwäbischen Spitzenmodell für Furore: 1978 debütierte der 300 SD als weltweit erste Oberklasselimousine mit Fünfzylinder-Selbstzünder. Mit dieser, ausschließlich in Nordamerika verkauften Dieselversion, gelang es Mercedes, die von der US-Regierung eingeführten Grenzwerte des sogenannten Flottenverbrauchs leicht zu erfüllen, denn der Fünfzylinder begnügte sich mit 12 Litern Diesel auf 100 Kilometer.

Vor allem aber war es ein damals einzigartiger Mix aus innovativer Technik, klassischen Karosseriekonturen und Solidität, der die Sternenträger bis 1980 unwiderstehlich machte. So konterte Mercedes das Debüt des ersten BMW 7er selbstsicher mit dem Slogan: "Auch 1977 war es nicht möglich, ein noch besseres Automobil zu bauen." Ernste Qualitätsmängel kannte die schwäbische Sonderklasse nicht, stabil wie eine Burg schien der Mercedes den Stürmen der Zeit zu trotzen, so dass auch noch Helmut Kohl ab 1982 auf diese Kanzlerlimousine vertraute. Da war der Nachfolger W126 schon drei Jahre im Dienst, aber am Thron des W116 ließ sich anfangs kaum rütteln, zumal der Chrompanzer auch nach Laufleistungen von über einer halben Million Kilometer meist keine Altersmüdigkeit zeigte.

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