Betriebssystem bei Volvo

Polestar setzt auf Android

Polestar 2 Foto: Polestar

Im E-Auto Polestar 2 verwendet Volvo ein Android-Betriebssystem. Was auf den ersten Blick nur für Spezialisten interessant scheint, könnte die Branche für immer verändern.

Es ist ein offenes Geheimnis: Das Thema Software zählt nicht zu den liebsten Kindern der Autohersteller und wurde lange vernachlässigt. Deshalb war es gängige Praxis, dass sich nur bekannte und vor allem vertraute Gesichter aus der Zulieferindustrie wie Bosch, Continental oder die Samsung-Tochter Harman darum kümmern durften, maßgeschneiderte Lösungen für ihre Kundschaft zu programmieren. Zu groß ist die Angst, die Hoheit über die Daten zu verlieren, wenn man neue Mitspieler ins Boot holt.

Aber genau das wird jetzt passieren, denn mit dem Polestar 2 wird im nächsten Jahr das erste Auto mit einem Android-Betriebssystem vom Band laufen. Das hat Mickey Kataria, der Leiter von Alphabets Automotive-Sparte, bei der hauseigenen Entwicklerkonferenz Google I/O verkündet. Android Automotive OS, so der Name des neuen Betriebssystems aus dem Google-Mutterkonzern in Mountain View, steuert das gesamte Infotainment. Dazu soll es mit einem eigenen Appstore, Sprachsteuerung und natürlich dem Karten- und Navigationsdienst Google Maps kommen. Allesamt Dinge, die Hersteller wie BMW und Mercedes derzeit mit ihren eigenen Infotainmentsystemen (OS 7.0 und MBUX) noch allein und mit individuellen Lösungen aufs Gleis zu heben versuchen.

Aber die Hersteller erkennen bereits, wie schwer es für sie ist, updatefähige Autosoftware auf den Markt zu bringen, denn die Updatezyklen und -umfänge, die ursprünglich geplant waren, sind kaum zu halten. Dabei handelte es sich bei Mercedes um zwei, bei BMW um drei jährliche Überarbeitungen des Offboard-Systems. Zum Vergleich: Google beliefert seine Smartphone-Kunden beinahe im Zweiwochenturnus mit kleineren und größeren Updates.

Polestar 2 2019 Foto: Polestar
Das Elektroauto Polestar 2 kommt im Frühjahr 2020 auf den Markt

Da ist der Schritt der noch jungen Volvo- und Geely-Tochter leicht nachvollziehbar, denn wer sich nicht die komplexe Softwareentwicklung ans Bein bindet, kann sich voll und ganz um die Hardware seines ­Elektroautos kümmern. Zumal das Automobil­betriebssystem des IT-Giganten wie auch das ­Android-Smartphone-OS als Open-Source-Software konzipiert sind. Dadurch ist es auch anderen Herstellern möglich, auf den Zug aufzuspringen und ­Android Automotive zu nutzen, was die Entwicklungskosten drückt. Zudem steigt die Attraktivität für Drittanbieter, zusätzliche autotaugliche Apps zu programmieren, die das System erst zu dem umfangreichen und flexiblen Angebot machen, das die Kunden vom Smartphone kennen.

Alle Dienste haben ein Ziel: Daten sammeln

Wirklich neu ist das Engagement des Tech-Unternehmens Alphabet nicht. Bereits 2005 war die Zusammenarbeit mit Volkswagen und Audi gestartet. Damals, um die Satellitenbilder aus Google Earth auf dem Navigationssystem anzuzeigen. Zehn Jahre später rollte Google Android Auto aus – ein System, mit dem ausgewählte Smartphone-Inhalte und -Dienste auf den Displays im Auto angezeigt und gesteuert werden können. Außerdem arbeitet der Konzern mit seiner Tochter Waymo seit Jahren am autonomen Fahren. Für Letzteres, aber auch Googles Hauptgeschäftszweig, den Verkauf personalisierter Anzeigen, ist eines elementar: Nutzerdaten – und die erhält man am besten, wenn sich möglichst viele Menschen möglichst lange und in möglichst vielen Lebensbereichen mit den Diensten des 140-Milliarden-US-Dollar-Konzerns beschäftigen.

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Egal, ob man nun die Suchmaschine, die Smartphone-Umgebungs-App, den Sprachassistenten oder eben das Android-Smartphone nutzt. Aus diesem Grund soll noch dieses Jahr Android Auto in die konzerneigene Sprachassistenten-App Google Assistant überführt werden, die einen Fahrmodus bekommt und das Angebot so noch engmaschiger macht. Ein noch größerer Motor für die Bestrebungen am Automotive-Betriebssystem ist aber wohl das Marktpotenzial: Der Mobilitätssektor zählt weltweit zu den umsatzstärksten Branchen. Für 2025 erwarten die Analysten von Frost & Sullivan einen Umsatz von knapp zwei Billiarden US-Dollar weltweit.

Wenn Android Automotive hier den gleichen Stellenwert erreicht wie sein Smartphone-Pendant, ist der Vorsprung kaum einholbar; Einzelentwicklungen der Autohersteller dürften zu Insellösungen verkümmern. Die Entwicklung beim Smartphone hat eines gezeigt: Die Kunden sind nicht bereit, zwischen verschiedenen Ökosystemen zu wechseln. So war es 2018 auch ein Leichtes für Google, von den Smartphone-Herstellern nach jahrelanger Gratispolitik eine Lizenzgebühr für sein Betriebssystem zu fordern. Und ist Google erst einmal ein Teil der Auto­architektur, wird es für die anderen Alphabet-Töchter nicht schwer sein, weitere Bereiche zu erobern. Dienste wie Waymo (selbstfahrende Autos) oder Sidewalk (Verkehrsmanagement) stehen schon bereit.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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