Chipmangel bremst Hersteller aus

Wartezeiten für Neuwagen

Chipmangel 2021 Foto: firmenauto

Kleine Teile, große Wirkung: Weil die Nachfrage nach Mikrochips derzeit weit größer ist als die Verfügbarkeit, kommt die Pkw-Produktion immer häufiger ins Stocken. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Lieferfristen: Auf manche Modelle müssen Kunden über ein Jahr warten.

Die Halbleiterkrise geht weiter und nimmt sogar noch einmal Fahrt auf. Und das könnte schlimm werden. Denn ohne die kleinen Bauteile läuft nicht viel im Auto. Sie sind Hauptbestandteil von ­Mikrochips, die sich unter anderem in Steuergeräten verbergen. Schon seit Wochen bremsen Lieferengpässe Marken wie BMW, Mercedes und VW bei der Pkw-Produktion aus, was dazu führt, dass Schichten gekürzt, Bänder gestoppt und Mitarbeiter in Kurz­arbeit geschickt werden.

Auf der anderen Seite bleiben auch die Kunden von diesen Auswirkungen nicht verschont, wie ein Blick auf die Lieferfristen zeigt – die seit Wochen immer länger werden. Betroffen sind aber nicht alle Bau­reihen und Modelle. "Es wird gerade priorisiert, wo die Chips hingehen", sagt Philipp Sayler von Amende, Chef der Online-Neuwagenbörse carwow.de. "Vor allem margenträchtige Modelle bekommen sie."

Chipmangel Lieferfristen 2021 Foto: firmenauto

Darunter fallen natürlich volumenstarke Baureihen, aber auch E-Autos, um bei der CO2-Bilanz im grünen Bereich zu bleiben. Mit anderen Worten: Bei all diesen Modellen kommt es zu den üblichen ein bis zwei Monaten Wartezeit, bei anderen Fahrzeugen dagegen beträgt die Lieferfrist bis zu 14 Monate.

Besserung erst 2023 oder 2024 in Sicht

Diese Situation könnte noch eine Weile andauern, denn in der Zeit, als die Fahrzeugproduktion ruhte beziehungsweise runtergefahren wurde, stornierten oder drosselten die Marken zahlreiche Halbleiter-Bestellungen. In diese Nachfragelücke drängten vor allem Hersteller aus der Kommunikations- und Unterhaltungselektronik – deren Absatz schoss in Zeiten der Pandemie durch die Decke.

Drei Fragen an...

Leasing Mobility Dr. Hubertus Mersmann 2021 Foto: Deutsche Leasing
Dr. Hubertus Mersmann, Geschäftsführer Deutsche Leasing Mobility
Welche Auswirkungen hat der Chipmangel auf Ihr Geschäft und Ihre Kunden?

Beim Blick in unser offenes Orderbuch fällt auf, dass die Anzahl der noch nicht ausgelieferten Autos seit April kontinuierlich steigt. Der Mangel an Halbleitern hat sich schnell auf immer mehr Automobilhersteller ausgewirkt – hier allerdings unterschiedlich: Bei der Verwendung von baugleichen Teilen mit Halbleitern in verschiedenen Modellreihen nehmen wir eine Steuerung der Hersteller dahin gehend wahr, dass Modell­reihen von besonderer Bedeutung, zum Beispiel Oberklasse-Limousinen oder Markteinführungen, aktuell noch bessere Verfügbarkeiten aufweisen als andere Modellreihen. Komplizierter ist es bei bestimmten Ausstattungsvarianten wie zum Beispiel Infotainment-Systemen, Einparkhilfen oder Rückfahrkameras. Fehlen gängige Ausstattungen in einer bestimmten Fahrzeugklasse, wirkt sich das unmittelbar auf deren Restwert aus. Denn bei der Gebrauchtwagensuche werden die gewünschten Ausstattungsmerkmale vom ­Interessenten ausgewählt. Sind diese bei einem Fahrzeug nicht vorhanden, ergibt die Suche in vielen Fällen keinen Treffer.

Was empfehlen Sie bei Neuwagenbestellungen?

Wir empfehlen, keine allzu großen Kompromisse einzugehen, sondern eher ein vorhandenes Fahrzeug ein paar Monate länger zu nutzen. Auch Mietwagen können sich zur Überbrückung anbieten. Bei nach einer Bestellung auftretenden Lieferschwierigkeiten – und sei es nur in Bezug auf einzelne Ausstattungen – ist eine Abstimmung zwischen Hersteller, Händler, Kunde und Leasinggesellschaft unbedingt erforderlich.

Wie lange werden uns diese Lieferverzögerungen noch begleiten?

Die Automobilhersteller haben natürlich auf die Situation reagiert. Mit dem Abschluss von neuen und längerfristigen Lieferverträgen ebenso wie der Ankündigung, eigene Produktions­fazilitäten von Halbleitern zu prüfen. Das wird dazu beitragen, die Situation nach und nach zu stabilisieren. Soweit mir bekannt, ist der Höhepunkt der Lieferverzögerungen allerdings noch nicht erreicht. Er wird um den kommenden Jahreswechsel erwartet. Bis alle Modelle und alle Ausstattungen, die von dem Halbleitermangel betroffen sind, wieder verfügbar sein werden, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Das wird sich aller Voraussicht nach noch bis Ende 2022 hinziehen. So könnten letztendlich weltweit zwischen 4,5 und 6 Millionen Autos von dem Hableitermangel betroffen sein. Zum Vergleich: Coronabedingt wurden im Jahr 2020 weltweit schätzungsweise 13 Millionen Pkw weniger produziert. Das entspricht annähernd der Anzahl an Autos, die jährlich in Europa neu zugelassen werden. Die Auswirkungen werden also noch einige Zeit spürbar bleiben.

VW ID.3 Pure 2021 Foto: Thomas Küppers
VW ID.3 Pure erst wieder ab 2022: Aus Mangel an Halbleitern ist die günstige Einstiegsvariante Pure des 110 kW starken VW ID.3 derzeit nicht mehr mit dem 45-kWh-Akku konfigurierbar. Bereits georderte Fahrzeuge sollen noch ausgeliefert, doch Bestellungen erst wieder im nächsten Jahr angenommen werden. Bis dahin starten die Preise vor Abzug der Förderung bei 35.460 Euro (ID.3 Pro, 107 kW, 58 kWh) statt 31.960 Euro (Pure, 110 kW, 45 kWh).

Seit einigen Monaten zieht die Nachfrage nach Neuwagen wieder an. Doch die weltweite Halbleiterproduktion ist ausgelastet, die Halbleiterhersteller in Taiwan und andernorts haben ihre Produktion auf diese Chips umgestellt, die Autoindustrie steht mit ihren Anforderungen ganz hinten in der Schlange. "Hinzu kamen ein sehr kalter Winter im Süden der USA und ein Brand bei einem größeren Halbleiterhersteller in Japan, die zu weiteren Produktionsausfällen geführt haben", ergänzt Hubertus Mersmann von der Deutschen Leasing.

Bosch Mikrochip 2021 Hohe Nachfrage – wenig Produktion Chipmangel verteuert Autos

Unterm Strich sind negative Folgen auf die Erträge der Automobilbranche nicht mehr auszuschließen. Die Marktbeobachter von Alix Partners gehen davon aus, dass der Halbleitermangel 2021 zu einem Ausfall von rund vier Millionen Neuwagen führen wird – was einem Verlust von etwa 90 Milliarden Euro entspricht. Und die Analysten von Gartner haben errechnet, dass mit einer Erholung frühestens für die Jahre 2023 oder 2024 zu rechnen ist. Das trifft nicht nur viele Hersteller hart, sondern auch die Kunden, die mit steigenden Preisen rechnen müssen. Da Neuwagen knapp sind, geraten derzeit immer mehr junge Gebrauchte in den Fokus. "Die Nachfrage ist mittlerweile größer als das Angebot", resümiert Sayler von Amende. Gute Angebote sind somit seltener vertreten – ein Trend, der sich übrigens auch im Neuwagengeschäft bemerkbar macht. Denn nach Jahren hoher Nachlässe stagnieren derzeit die Rabatte oder werden sogar zurückgefahren.

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