Dekra-Vorstand Clemens Klinke im Interview

Dekra will Risiko bei Abbiegen von Lkw senken

Foto: DEKRA

Radfahrer sollen nicht mehr in die Gefahrenzone rechts vom Lkw geraten. Dekra-Vorstandsmitglied Clemens Klinke fordert dazu im Interview mit der Fachzeitschrift trans aktuell eine Korrektur der StVO.

trans aktuell: Herr Klinke, alternative Antriebe, vernetztes Fahren, neue Mobilitätskonzepte – die Nutzfahrzeugbranche ist im Umbruch. Wie erleben Sie als Dekra-Vorstand diesen Wandel?

Klinke: Es ist eine spannende Zeit für alle, die sich mit dieser Branche beschäftigen. Für mich persönlich hat das Nutzfahrzeug immer schon eine besondere Bedeutung. In dem Bereich habe ich meine Lehre gemacht. Während des Studiums bin ich im nationalen und internationalen Fernverkehr Tankwagen gefahren. In meinen ersten Stationen bei Dekra habe ich Berufskraftfahrer ausgebildet, später angehende Nutzfahrzeug-Ingenieure. Ich war oft mit der technischen Untersuchung von Lkw-Unfällen betraut. Was man angesichts der Vielzahl an Themen, die die Branche zurzeit beschäftigen, hervorheben muss, sind die immensen Fortschritte bei der Verkehrssicherheit. Die Ausstattung der heutigen Lkw lässt sich nicht mit der vor 30 Jahren vergleichen. Abseits von Sicherheitssystemen ist das Fahren durch Automatikgetriebe, bessere Fahrerhäuser, Klimaanlage, Standheizung und Luftfederung auch komfortabler geworden.

Erinnern Sie sich noch an den einen oder anderen Fall aus Ihrer Zeit in der Unfallanalyse?

Mir sind einige Fälle in guter Erinnerung, ebenso die Unfallursachen. Häufig hatten wir es mit Ablenkung zu tun – ein Thema, das uns im Zeitalter von Smartphones und Tablets weiterhin stark beschäftigt. Vielfach waren die Unfälle auch auf technische Mängel zurückzuführen. Damals gab es im Nutzfahrzeug nur Trommelbremsen. Waren sie nicht richtig eingestellt, nahmen sie insbesondere bei Überhitzung rapide in der Bremsleistung ab. Heute finden wir nahezu ausschließlich nur noch Scheibenbremsen im Nutzfahrzeug. Eine Trommelbremse sehe ich nur noch im historischen Lkw wie zum Beispiel meinem Büssing, Baujahr 1969. Mit dem restaurierten 240-PS-Fahrzeug nehme ich in Kürze an der 16. Deutschlandfahrt für historische Nutzfahrzeuge teil, die der ETM Verlag gemeinsam mit der Spedition Fehrenkötter ausrichtet. Dieses Jahr führt die Reise nach Schweden.

Das klingt nach Fernfahrer-Romantik und Nostalgie. Doch der Beruf hat heutzutage damit nicht mehr viel zu tun. Wie beurteilen Sie die heutige Situation für Fahrer?

Termine mussten auch früher schon eingehalten werden, solche Stresssituationen sind nicht neu. Doch hat sich das Ganze verschärft. Was früher am nächsten Tag geliefert werden musste, muss heute stunden- oder sequenzgenau eintreffen. Auch der Stress bei der Parkplatzsuche hat zugenommen. Ich kann mich nicht daran erinnern, einen Rasthof angesteuert und keinen Stellplatz gefunden zu haben. Das ist die Folge des immensen Verkehrs- und, Lkw-Zuwachses in den vergangenen Jahren. Hinzu kommen die veränderten Sozialvorschriften in Kombination mit neuen Schichtzeiten – mit ein Auslöser für die montäglichen Staus. Staus stellen übrigens ein erhebliches Unfallrisiko dar, was nicht selten zu schlimmen Lkw-Auffahrunfällen führt.

Unfälle, die eigentlich vermeidbar sind, oder?

Wir haben es immer wieder mit denselben Unfallursachen zu tun: Ermüdung, Abkommen von der Fahrbahn oder Auffahren auf den Vordermann. Es gibt Sicherheitssysteme, die all diese Unfälle verhindern können. Doch diese Systeme werden häufig entweder leider gar nicht geordert oder von den Fahrenden nicht angewandt. Die Abschaltung der Systeme erfolgt häufig aus Unkenntnis. Um das zu verhindern, müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit leisten.

Was die Vermeidung von Lkw-Abbiegeunfällen angeht, ist das Angebot an Systemen leider sehr überschaubar. Woran liegt es?

Ich kenne den aktuellen Entwicklungsstand der Lkw-Hersteller nicht. Ich weiß nur, dass Hersteller schon vor Jahren Systeme entwickelt hatten. Sie wurden aber – vielleicht weil sie noch nicht ausgereift genug waren oder die Technologie sich geändert hat – nicht in den Markt gebracht. Ich begrüße dieses Verhalten. Systeme sollten nur in den Markt kommen, wenn sie hundertprozentig verlässlich arbeiten – also weder zu viel noch zu wenig warnen. Dies ist insbesondere bei bewegten Objekten anspruchsvoll. Dabei muss man berücksichtigen, dass Lkw Fahrende vor allem im Stadtverkehr einer Informationsüberflutung ausgesetzt ist. Der Abbiegeassistent ist ohne Frage hilfreich, muss aber mit weiteren Dingen gekoppelt werden.

Nämlich?

Es braucht noch viel mehr Aufklärungsarbeit für alle Verkehrsteilnehmer. Rad Fahrende müssen wissen, dass sie nicht mehr rechts am Lkw vorbei fahren sollen. Fahren beide gerade aus, bleibt rechts kein Platz mehr für Rad Fahrende. Leider erlaubt die Straßenverkehrsordnung in Paragraph 5, Satz 8 dies: „Ist ausreichender Raum vorhanden, dürfen Rad Fahrende und Mofa Fahrende die Fahrzeuge, die auf dem rechten Fahrstreifen warten, mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht rechts überholen.“ Das Tragische ist, dass der ausreichende Raum auf der rechten Seite erst dann entsteht, wenn der Lkw rechts abbiegen will, und sich daher etwas weiter links eingeordnet hat, um um die Kurve zu fahren. Wir sind der Meinung, dass Paragraph 5, Satz 8 gestrichen werden sollte. Das fordern wir schon seit 15 Jahren.

Wie ist diese Vorschrift zu erklären?

Das Warten auf dem rechten Seitenstreifen und das Überholen mit mäßiger Geschwindigkeit rechts hatte man früher unterstützt, weil man Rad Fahrenden nicht zumuten wollte, im Abgasstrom zu warten. Das hat sich erledigt, da sich das Abgasverhalten moderner Lkw deutlich verbessert hat und sich das Abgasendrohr links befindet. Hier muss man ansetzen. Es gibt Situationen im Stadtverkehr, bei denen Rad Fahrende den Lkw an jeder Ampel überholen – immer und immer wieder. Jeder Vorgang birgt erneute Gefahren. Hier gilt es dringend, einen Riegel vorzuschieben. Denn im Duell des Schwächsten gegen den Stärksten verliert immer der Schwächste, sprich: Rad Fahrende oder zu Fuß Gehende. Am besten geeignet sind von der Fahrbahn getrennte Fahrwege mit entsprechend sicher gestalteten Knotenpunkten.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer setzt auf Nachrüstung und eine Kennzeichnung am Lkw mit dem #IchHabDenAssi-Aufkleber. Ist die Markierung des Lkw sinnvoll?

Natürlich muss man für die Verbreitung der Abbiegeassistenten Werbung machen. Insofern sind Hinweisschilder sinnvoll. Sie sollten sich aber nicht am Heck des Fahrzeugs befinden und Rad Fahrende dazu animieren, rechts vorbeizufahren. Am Heck der Lkw beziehungsweise der Anhänger sollten Schilder, die auf die Gefahr hinweisen, angebracht sein. Dies ist in vielen Ländern sehr verbreitet. Mitblinkende Seitenmarkierungsleuchten sind eine weitere gute Maßnahme und vom Gesetzgeber erlaubt. Aber bei allen technischen Ausrüstungen, Schulungen und Hinweisen darf man eines nicht vergessen: Auch Rad Fahrende haben eine Verantwortung im Straßenverkehr. Ohne ein größeres Verständnis füreinander und eine verstärkte gegenseitige Rücksichtnahme werden wir nicht die gewünschten Fortschritte bei der Verkehrssicherheit erzielen. Zum Verständnis füreinander gehört auch, dass man Lkw Fahrende nach einem Unfall ebenfalls als Opfer ansieht. Lkw Fahrende nehmen Abbiegeunfälle nicht leichtfertig in Kauf. Aus unserer Unfallforschung wissen wir, mit welchen Folgen sie zu kämpfen haben und dass einige gar nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren können.

Fahrradverbände warnen aber davor, die Schuld nur bei den Radfahrern zu suchen …

Das ist gar nicht meine Absicht. Ich bin selbst leidenschaftlicher Radfahrer. Ich fahre im Stadtverkehr aber nicht rechts am Lkw vorbei. Im Übrigen müssen wir Rad Fahrende allein schon deshalb stärker sensibilisieren, weil Pedelecs und Lastenräder stark im Kommen sind und die Unfallrisiken im Stadtverkehr sich damit erhöhen. Nicht selten werden Pedelecs von älteren Menschen genutzt, deren Reaktionsfähigkeit bereits etwas eingeschränkt ist und die sich bei einem Unfall tendenziell schwerer verletzen. Uns ist ein Lkw-Abbiegeunfall mit Beteiligung eines Pedelecs bekannt, bei dem der Lkw das Rad schon deutlich vor der Kreuzung überholt hatte und der Pedelec-Fahrer trotzdem seitlich in den Lkw hinein fuhr. Dass sich solche Unfälle ereignen, liegt daran, dass dieser Lkw beim Abbiegen seine Geschwindigkeit stark reduziert, während der Rad Fahrende gleichzeitig aufholt, weil er mit unverminderter Geschwindigkeit weiterfährt. Ob in dieser speziellen Konstellation der Abbiegeassistent geholfen hätte, ist fraglich. Der Abbiegeassistent ist nur ein weiteres Hilfsmittel.

Inwiefern wird Dekra sich noch stärker im Kampf gegen Lkw-Abbiegeunfälle engagieren?

Die Verkehrssicherheit ist unser satzungsgemäßer Auftrag. Wir glauben an die Vision Zero und sehen bereits, dass einige namhafte große Städte seit Jahren keinen Verkehrstoten mehr zu beklagen haben. Wir sind im Rahmen der Aktion Abbiegeassistent eine Sicherheitspartnerschaft mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer eingegangen. In dem Zusammenhang unterstützen wir Dekra-Mitglieder, die ihre Fahrzeuge seit Jahren freiwillig und aus Überzeugung mit Kameras und Sicherheitssystemen ausstatten. Diesem Thema widmen wir uns seit Jahren. Schon 2015 hat Dekra Edeka Südwest als Safety Champion mit dem Dekra Award ausgezeichnet und damit den freiwilligen Einbau von Systemen zur Vermeidung von Abbiegeunfällen honoriert. Wir rüsten unsere eigenen Nutzfahrzeuge ebenfalls entsprechend aus.

Zur Person

  • Clemens Klinke (61) ist seit 34 Jahren in unterschiedlichen Funktionen bei Dekra tätig
  • Seit 2010 ist der Diplom-Ingenieur Mitglied des Vorstands der Dekra SE, bereits seit 2006 verantwortet er die Sparte Dekra Automotive
  • Klinke stammt aus Paderborn. Nach einer Kfz-Lehre absolvierte er ein Maschinenbaustudium an der FH in Köln in der Fachrichtung Fahrzeug-Technik
  • Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und fährt in seiner Freizeit gerne Fahrrad
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