Schließen

Geländetaugliche SUV

Wer ist wirklich offroadtauglich?

Landrover Defender 2020 Foto: Land Rover 6 Bilder

Gärtner, Forstwirtschaft, Baugewerbe: Sie alle brauchen richtig geländegängige Fahrzeuge. Doch die Auswahl wird immer kleiner.

Sanddünen bis zum Horizont, steinige Passstraßen im rauen Fels, ausgetrocknete Flussbetten und meilenweit durch den Matsch - als Land Rover vor ein paar Wochen zur ersten Fahrt mit dem neuen Defender gebeten hat, haben die Briten den lang ersehnten Nachfolger der Offroad-Legende nicht geschont und die Jungfernfahrt in Namibia inszeniert. "Denn der Defender gehört nach Afrika", sagt Projektleiter Nick Collins und erinnert an Hunderte von Buschdoktoren, Wildschützern und Filmstars, die den Geländewagen zur Legende gemacht haben.

Schon richtig. Doch genau so, wie kaum jemand heute noch seinen Porsche selbst über die Nordschleife prügelt, geht auch fast niemand mehr mit einem Allradler ins Gelände - und macht sich erst recht nicht auf den Weg nach Afrika. Wenn schon Abenteuer, dann findet das meist auf Asphalt statt, als Dschungel ist die Großstadt wild genug. Statt der Pampa kümmern sich die Fahrer eher um Pampers.

BAAinBw Mercedes-Benz G 300 CDI Bundeswehr ordert 700 G-Klassen

Und der Defender ist mit diesem Rollenwechsel nicht allein. Auch Ikonen wie der Jeep Wrangler und vor allem die Mercedes G-Klasse haben das bereits durch. Beide ursprünglich für die Armee entwickelt, stehen sie bei Mittelstand und Millionären längst höher im Kurs als bei den Militärs und bedienen beide vor allem Selbstdarsteller und Freizeit-Freunde. Und wo der Wrangler zumindest daheim in Amerika noch zum Camping oder in die Canyons fahren mag, ist die G-Klasse längst ein Luxuslaster für die Reichen und Schönen und so etwas wie die coole Alternative zu S-Klasse & Co. Nicht umsonst ist der Vierkant aus Graz das Mercedes-Modell mit dem mit Abstand höchsten AMG-Anteil.

Selbst wenn sie dort wahrscheinlich weiterkommen, als der versiertesten Fahrer, hat keiner aus diesem martialischen Trio noch etwas in Matsch und Modder zu suchen. Und erst recht nicht auf Expeditionen ans Ende der Welt. Denn wo Wrangler, Defender und G in ihren ersten Tagen noch von jedem besseren Dorfschmied repariert werden konnten, braucht es jetzt statt eines Hammers und einer Zange eben doch ein Diagnosegerät, einen Computer und jede Menge Spezialwerkzeug.

Land Rover Discovery 30 Jahre Land Rover Discovery Der günstigere Range Rover

Für Weltenbummler und Expeditionsveranstalter Dag Rogge sind Autos wie der Defender zwar ebenfalls eine Ikone, die seit mittlerweile 70 Jahre das Bild vom Geländewagen geprägt haben und die in ihren technischen Fähigkeiten über alle Zweifel erhaben sind. "Wenn es ein Auto gibt, das wirklich durch dick und dünn kommt, dann ist es der Defender." Und freut sich auf den neuen Defender, mit dem er schon die nächste Expedition plant. “ Der alte Land Rover musste weichen, da er die Fussgängerschutzauflagen nicht mehr erzielte, sagt er. Bis zu seinem Produktionsschluss in 2016 war er in Deutschland beliebt. Mit dem neuen Defender läutet Land Rover jetzt das 21. Jahrhundert ein. Manche würden sich zwar etwas weniger Elektronik wünschen, aber "So romantisch wir alle das Lagerfeuer finden mögen, kochen tun wir doch am liebsten an unserem Ceranfeld.", sagt Dag Rogge.

Mercedes G-Klasse 40 Jahre Mercedes G-Modell Gebaut für die Ewigkeit

Mit dem Defender durch Namibia, mit dem Wrangler durch die Moab Mountains und mit der G-Klasse über den legendären Schöckl am Horizont hinter Graz - um ihre Geländelegenden richtig zu positionieren, scheuen die Hersteller keinen Aufwand. Und natürlich muss ein Geländewagen all diese Abenteuer bestehen, damit er glaubwürdig bleibt. Denn ein Gutteil des riesigen Erfolgs in diesem Genre fußt auf dem Wissen, zu können, wenn man nur wollte. Doch im Spagat zwischen Steppe und Stadt sind selbst Legenden wie der Defender, der Wrangler und zwei Preisklassen darüber auch die G-Klasse vom Werkzeug zum Spielzeug verkommen, hoffnungslos überqualifizierte und gerne auch ein wenig überteuerte Lifestyle-Laster für Großstädter, die sich allenfalls durch akute Landlust und Phantasiefluchten von Tiguan und GLE-Fahrern unterscheiden.

Das mag die Hipster in London genauso wenig stören wie die Scheichs in Dubai oder die Besserverdiener im Berlin. Doch wer es ernst meint mit dem Abenteuer oder seinen Lebensunterhalt tatsächlich mit Dreckarbeit verdient, der sucht händeringend nach Alternativen und tut sich damit zunehmend schwer.

Das weiß niemand besser als Jim Ratcliffe. Der Brite ist selbst eingefleischter Abenteurer und Defender-Fan, hat in der Chemie-Industrie Milliarden gemacht und hängt so sehr an dem Arbeitstier, dass er unter dem Projektnamen Grenadier jetzt einen eigenen, besonders rustikalen Geländewagen plant. Und spätestens, seitdem er bei BMW eine fünfstellige Zahl von Benzin- und Dieselmotoren dafür bestellt hat, zweifelt kaum mehr einer daran, dass Ratcliffe es bitterernst meint mit seinen Plänen.

Bis der Grenadier ins Rollen kommt, entwickelt sich ein anderer Fahrzeuggattung zunehmend zur Alternative: Der Pick-Up. Autos wie der VW Amarok und die glücklose Mercedes X-Klasse buhlen um Firmenchefs und Freizeitabenteurer und niemand spielt diese Karte so geschickt wie Ford mit dem Ranger - erst recht, seit es den Raptor gibt.

Ford Raptor
Pick-ups wie der Ford Raptor sind heute die wahren Offroad-Helden.

Bis dato vor allem ein Praktiker für Handel, Handwerk und Gewerbe gebaut, wird aus dem Laster mit ein bisschen Tuning ein abenteuertaugliches Lifestyle-Auto: Denn mit dicken Backen und stark modifiziertem Fahrwerk gibt die nach einem Saurier benannte Power-Pritsche den Sportler unter den Pick-Ups und fährt damit absolut außer Konkurrenz. Selbst wenn Autos wie der VW Amarok oder Mercedes X-Klasse stärker sind und schneller fahren, gibt es bei uns keinen andern Pick-Up, der es so ernst meint mit dem Spaß am Steuer. Dabei gibt das Dickschiff die absolute Dreckschleuder und ist auch noch stolz darauf. Schließlich ist er der kleine Bruder des F-150 Raptor, der bei den legendären Baja-Rennen zum Helden geworden ist und in USA einen ähnlichen Ruf hat wie der Porsche 911 bei uns. Genau wie dieser XXL-Pick-Up ist auch der europäische Raptor deshalb vor allem für Schmutz und Schmodder gemacht und schlägt sich in der Kiesgrube genauso gut wie am Sandstrand, auf dem Waldweg oder in einem Steinbruch.

Toyota Land Cruser 2018 Foto: Toyota
Am Land Cruiser lässt sich der Wandel des Segments ablesen.

Aber auch unter den Geländewagen gibt es noch ein paar von altem Schrot und Korn. Am oberen Ende der Skala ist das vor allem der Toyota Land Cruiser, der unter den Legenden gerne vergessen wird - obwohl er gerade zumzehnmillionsten Mal produziert wurde und damit auf eine größere Stückzahl kommt als Defender, Wrangler und G-klasse zusammen - und dem Trio im Dreck in nichts nachsteht. Doch während bei der Konkurrenz längst das Marketing die Kontrolle übernommen und die Geländewagen auf den Legenden-Sockel gestellt hätte, gehe es Toyota bis heute nicht um den Ruhm, sondern allein darum, dass der Land Cruiser immer und überall seinen Job mache: "Ein Nutzfahrzeug durch und durch, eher Werkzeug als Spielzeug und ganz sicher kein Lifestyle-Objekt", sagt Modell-Experte und Buchautor Alexander Wohlfarth.

Und am unteren Ende ist das der Suzuki Jimny, der sich als G-Klasse des kleinen Mannes trotz seines kleinen Formats gerade einen großen Freundeskreis geschaffen hat – ein Auto, für das SUV eine Beleidigung ist und der beim besten Willen nicht nur spielen will. Und das mittlerweile so begehrt ist, dass man darauf fast so lange warten muss wie auf eine G-Klasse.

Zwar ist der Jimny meilenweit davon entfernt, ein Lifestyle-Objekt zu sein und als authentischer Geländewagen über jede Kritik erhaben. Und mit seinem asthmatischen Vierzylinder und einer knappen Tonne Gewicht wird ihn auch niemand des Überflusses bezichtigen. Doch ausgerechnet dieser kleine Dreckspatz ist zu schmutzig – und wird seine Karriere in Europa bald beenden: Weil die CO2-Vorgaben so nicht zu halten sind, nimmt Suzuki den kultigen Kraxler vom Markt – und für die Dreckarbeit müssen dann wieder andere herhalten.

Vergleichstest Große SUV
Das haben Sie verdient
Neues Heft
Kostenloser Newsletter
Element Teaser firmenauto Newsletter Früher wissen, was firmenauto bewegt.

Bestellen Sie Ihren kostenlosen Newsletter.

Who is Who Pkw
Who is Who Pkw Element Teaser Who is Who Flottenmarkt

Das Nachschlagewerk für alle Flottenmanager.

Beliebte Artikel Mazda CX-5 (2021) Aufgepeppt Audi Q4 Sportback e-Tron 2020 Audi Q4 Sportback e-Tron Zwei neue Stromer
E-Mobilität Testdrives
E-Mobilität Testdrives Hier geht´s zur Anmeldung

Sichern Sie sich Ihre kostenlose Teilnahme.

Terminübersicht
firmenauto Terminkalender Flottentermine

Finden Sie Veranstaltungen, Seminare, Messen und Trucksport-Events in Ihrer Region.

firmenauto 04_05_2020_Titel
04-05/2020 22. Mai 2020 Inhalt zeigen