Sicherheit auf langen Strecken Entspannt auf Tour

Mercedes S-Klasse 2022, Ablenkung, bedienung, Foto: Kar-Heinz Augustin

Wellbeing, Achtsamkeit, Me-Time: Begriffe, die auch in der Fahrzeugentwicklung angekommen sind. Letztlich zielt alles darauf, Langstreckenfahrten angenehmer und sicherer zu machen.

Wenn es früher hieß: "Der lebt in seinem Auto", dann war das meist abfällig gemeint und zielte auf die nachlässige Ordnungsliebe des Außendienstlers in den eigenen, rollenden vier Wänden ab. Bald könnte dieser Begriff eine Aufwertung erfahren. Autos sind dabei, sich vom reinen Teilzeittransportmittel weiterzuentwickeln zum Lebensraum, in dem man sich entspannt, wohlfühlt und neue Kraft schöpft.

Auf der letzten IAA in München war das auf dem Ford-Stand zu bewundern: Da thronte ein Kompakt-SUV des Typs Kuga, mit blau-violetten Mustern auf weißem Lackuntergrund verziert, in dessen Innerem es sehr ruhig zuging. Verdächtig ruhig: Regelmäßig schlummerten Messebesucher auf den hellen Sitzen ein. "Wir hatten Gäste, die haben ihre Ehepartner hergeschickt, damit sie hier ein Nickerchen machen konnten", erinnert sich Carsten Starke. Der Entwickler aus dem Ford-Forschungszentrum Aachen kennt die Qualitäten des "Mindfulness Car", des Achtsamkeits-Autos, aus eigener Anschauung.

Das Forschungsfahrzeug war erst ein Jahr zuvor konzipiert worden und soll die Fortschritte und Ausblicke für mehr Wohlbefinden an Bord darstellen. Dazu gehört auch eine Atmosphäre, die zur Meditation einlädt. "Wer meditieren will, merkt schnell: Ob nun zu Hause oder am Arbeitsplatz, immer wird man gestört", erläutert Starke, der nach eigener Darstellung erst im Wohlfühl-Kuga auf den Meditiergeschmack gekommen ist.

Ford Mindfulness 2021 Foto: Ford
Das Mindfulness Car von Ford sol den Fahrer anregen, nicht nur Pause zu machen, sondern sich dann auch zu bewegen. Ein paar Dehnübungen am Straßenrand, schon ist man wieder fit für die nächste Etappe.

Denn dieses Auto schottet die Außenwelt ab. Draußen kann der Verkehr toben, doch hier drin hat der Fahrer Zeit für sich. Natürlich meditiert niemand am Steuer. Aber viele Menschen genießen eine Pause im Auto als Ruhephase nach einer längeren Fahrt. Oder sie entspannen sich nach einer anstrengenden Sitzung mit einem Powernap, einem gezielten Nickerchen.

Ford Mindfulness 2021 Foto: Ford
Übers Bordmenü kann man unterschiedliche Entspannungsprogramme wählen, beispielsweise ein Yoga-Programm für die Fahrt

Das Wohlfühlauto von Ford hat dafür Sitze mit spezieller Nackenunterstützung und einer Massagefunktion, die sich an den Herztönen des Fahrers orientiert. Ein LED-Sternenhimmel samt akustischer Einschlafuntermalung soll den erquickenden Kurzschlaf einleiten.

Dennoch hält sich Ford mit aufwendigen Einbauten über­raschend zurück. "Da sind größere Lautsprecher drin, mehr aber auch nicht", so Starke. Die wesentliche Technik steckt im Digitalen: Zum Auto gibt es eine App, die Achtsamkeit lehrt, mit spielerischen Anleitungen zur Entspannung. "Es ist ein Stück weit Gamification", sagt Starke. Regnet es, reagiert die App ebenso wie auf die Tageszeit oder das Verkehrs­geschehen und passt das Wageninnere daran an.

Ford Mindfulness 2021 Foto: Ford
Warum nicht mal anhalten für ein kurzes Nickerchen. Die bequemen Sitze sind mit Massagefunktion ausgestattet, der Nacken wird beim Liegen gestützt.

Die App hat zudem Zugriff auf die High-End-Soundanlage. Je nach Situation inszeniert das Auto Klangräume. Die sollen unterschiedlichen Stimmungen gerecht werden und heißen Bright, Energetic und Relaxed. Hinzu kommen Yoga-Anleitungen und ein Escape-Room-Spiel. Dabei werden Fahrzeug und Umgebung in die Unterhaltung oder Rätsellösung einbezogen.

Über Lautsprecher erhält die Besatzung zum Beispiel Aufgaben, die sie lösen muss. Lichter, Sound­effekte und Klimaanlage setzt das System ein, um bestimmte Effekte zu erzielen oder beim Lösen der Aufgabe behilflich zu sein. "Es geht beispielsweise darum, die Zeit an der Ladesäule oder während der Fahrt zur Entspannung zu nutzen", sagt Starke.

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Die App fordert den Fahrer etwa auf, Verkehrszeichen zu zählen oder sich die Beschaffenheit der Landschaft vor Augen zu rufen. 15 Minuten dauern solche Meditationsprogramme maximal. "Das reicht, wir wollen ja niemanden ständig beschallen", sagt Starke. Das Ganze ist Teil eines neuen Ansatzes. Es geht nicht wie früher darum, den Kunden zu möglichst jeder Zeit anzusprechen und dabei möglichst viele Marketingbotschaften zu übertragen, sondern um Anregungen zum Abschalten.

Bewusstseinserweiterung dank Fernfahrt, wer hätte das gedacht? Die meisten Kunden dürften bereits zufrieden sein, nach etlichen Stunden auf der Autobahn halbwegs frisch aus dem Geschäftswagen zu steigen, ohne Rückenschmerzen und ohne von der Fahrt ausgelaugt zu sein.

Mercedes S-Klasse PHEV 2021
Foto: Mercedes
Auch Mercedes versucht, Vielfahrer nicht nur komfortabel, sondern auch entspannt ans Zierl bringen. Ziel sei, die Gesundheit zu erhalten und zu fördern, aber auf unterhaltsame Weise. Deshalb spricht Mercedes von Sitz-Enetrtainment, wenn man sich während der Fahrt den Rücken kneten lassen kann.

Wer die Tür des Achtsamkeits-Autos öffnet, wird begrüßt. Aber nicht mit dem immer gleichen stupiden Erkennungsgedudel. Vielmehr kann der Kunde seine Lieblingsmelodie aus 15 Willkommens-Messages wählen. Denn der Ingenieur weiß, dass Monotonie keine Achtsamkeit bewirkt, sondern Unaufmerksamkeit. Und letztlich sollen alle Funktionalitäten dafür sorgen, dass Autofahrer gesünder und sicherer unterwegs sind. Die App als Entspannungshilfe ist so angelegt, dass sie sich auch außerhalb des Fahrzeugs nutzen ließe. "Aber im Auto sind Sie ungestörter", sagt Starke.

Mercedes-Benz S-Klasse Foto: Karl-Heinz Augustin
Unter "Energizing Comfort" fasst die Mercedes S-Klasse diverse Komfortsysteme zusammen, die den Fahrer auf langen Strecken entlasten sollen.

Das meint auch Gudrun Schönherr, die als Psychologin und Physiotherapeutin für Mercedes im Bereich Fit & Healthy arbeitet (siehe Interview). "Die Zeit im Fahrzeug ist Me-Time. Da stört niemand, der Fahrer kann sich ganz auf sich konzentrieren." Dazu bietet Mercedes in E- und S-Klasse diverse Möglichkeiten zur Unterhaltung an. Im Mittelpunkt stehen Massagesitze mit einer Fülle von Programmen. "Das Ganze soll eben auch unterhalten", sagt die Psychologin. "Deswegen haben wir es am Anfang Sitz-Entertainment genannt."

Mercedes-Benz S-Klasse Foto: Karl-Heinz Augustin
Darunter die der Stimmung angepasste Innenraumbeleuchtung und unterschiedliche Massage­programme.

Ziel sei gewesen, die Gesundheit zu fördern und zu erhalten, aber auf unterhaltsame Weise. Besonders stolz ist die Psychologin auf die Hot-Stone-Massage der Oberklassemodelle. Dabei simulieren vier beheizte Blasen die Steine. Auf 40 Grad aufgeheizt, werden sie von einer ausgeklügelten Mechanik abwechselnd gegen Kreuzbein und Gesäß gedrückt. Die Massage unterstütze die aufrechte Sitzhaltung des Körpers, sagt Schönherr. "Die Kombi aus Sich-Aufrichten und tiefem Einatmen ist ein Impuls für mehr Gesundheit."

Zusätzlich sollen Sound- und Lichteffekte den Fahrer in eine entspannte Stimmung versetzen, aber nicht einschläfern. Der Fahrer könne sich aus allen Elementen sein eigenes Programm zusammenstellen und sich damit auch besser kennenlernen, glaubt die Psychologin.
Sich im Auto wohlfühlen, entspannen und sicher am Ziel ankommen – lauter Punkte, um die sich auch bei der Toyota-Tochter Lexus alles dreht. 1989 wurde die Luxusmarke gegründet, um im Oberklassesegment Mercedes und BMW etwas entgegenzusetzen. Bevor sie sich ans Werk gemacht hätten, hätten die Ingenieure monatelang Menschen in Kalifornien beobachtet, sagt Pressesprecherin Marie­luise Mammitzsch. Von Anfang an sei es darum gegangen, das Fahrerlebnis zu gestalten. "Das Wohlbefinden steht bei Lexus im Vordergrund."

Mercedes S-Klasse 2020 (W223) Fahrbericht
Lang, leise, lernfähig

So auch im jüngsten Modell der Marke, dem Kompakt-SUV NX. Dessen Cockpitlayout, so die Werbebotschaft, soll möglichst wenig ablenken, der gesamte Innenraum dagegen Gastfreundschaft vermitteln. Cockpit und Steuerungselemente seien so angelegt, dass der Fahrer weder seine Hände vom Steuer noch seine Augen von der Straße nehmen müsse. Und auch bei den Japanern kommt dem Sitz eine besondere Bedeutung zu. Beim Oberklassemodell ES etwa wurde drei Jahre an zahlreichen Prototypen gearbeitet mit dem Anspruch, den perfekten Sitz zu entwickeln.

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Dass Sitz nicht gleich Sitz ist, weiß jeder, der schon mal seinen Firmenwagen gewechselt hat. Härte des Polsters, Einstellmöglichkeit, Abstützung, Belüftung: All das hat Auswirkungen auf das Wohlbefinden auf langen Strecken und letztlich auf die Gesundheit des Fahrers.

Die Beispiele zeigen: Technik und Wohl­befinden zusammenbringen, ganz nebenbei etwas für Sicherheit und Gesundheit tun – es verwundert beinahe, dass das seit der Erfindung des Autos fast 150 Jahre gedauert hat. Die Digitalisierung allerdings treibt das Thema voran. Das intelligente Auto der Zukunft analysiert in Kombination mit Smartwatches Gesundheitsdaten wie Puls, Temperatur oder Herzwerte. Darauf kann die Fahrzeugelektronik reagieren und gezielt Entspannungsprogramme ausspielen – oder den Arzt rufen.

Gudrun Schönherr Foto: Mercdes-Benz
Gespräch mit Gudrun Schönherr, Expertin für Wellbeing bei Mercedes-Benz.

"Wir möchten Sie unterhalten – und etwas für Ihre Gesundheit tun"

Gibt’s Ihre Massagesitze auch auf Rezept?

Gudrun Schönherr (lacht): Wir arbeiten dran, aber noch nicht.

Ist die gesundheitsfördernde Wirkung erwiesen?

Ja. Bei Rückenschmerz allgemein nicht, weil das an sehr vielen Dingen hängt. Aber dass die Massagefunktion Bewegung in die Bandscheibe bringt, ist nachweisbar. Auch die Work-outs: Das eigene Gegenspannen bringt die Muskulatur in Arbeit. Und noch mehr: Der Sitz bewegt sich während der Fahrt ganz leicht. Der Druck im Körperschwerpunkt wird verlagert. Diese Muskelarbeit regt den Stoffwechsel in den Bandscheiben an.

Fahren ist sitzende Tätigkeit. Das ist doch eigentlich schlecht.

Ich sehe das eher positiv: Es ist eine tolle Zeit unterwegs, weil ich sie für mich nutzen kann. Ich kann ein Work-out wählen, eine Massage, eine Atemübung oder in der S-Klasse den High-End-Sound, um meine Stimmung zu modulieren. Ich kann schnelle Beats wählen oder entspannende Klangschalentöne. Ich nutze also alle Elemente, die mir das Fahrzeug bietet, mache damit mein eigenes Programm und lerne mich sogar besser kennen.

Lesen Sie auch Firmenporträt Who is Who PKW Automarken Mercedes-Benz / Smart Lässt sich die Lenkzeit damit verlängern?

Nein. Wenn Sie müde sind, ist der Körper müde, dann müssen Sie schlafen. Dafür haben wir den Attention Assist. Der erkennt die reduzierte Aufmerksamkeit und empfiehlt eine Pause. Dann können Sie ein kurzes Powernap machen. Im neuen EQE beispielsweise stellt das Kurzschlaf-Programm den Innenraum darauf um und sorgt für eine schlaffördernde Atmosphäre.

Wie muss man sich das vorstellen?

Das Programm unterstützt Einschlafen, Schlafen und Aufwachen und kann so die Leistungsfähigkeit des Fahrers wieder steigern. Und aktivierende Programme wie Vitality, Sitzkinetik oder Work-out helfen, sich auch in monotonen Fahrphasen eher wohlzufühlen. Das Freude-Programm oder auch eine Wellenmassage entspannen und verringern den Stress. Der Algorithmus des Autos empfiehlt situativ und individuell das passende Programm.

Lässt sich das mit dem Attention Assist koppeln?

Die Systeme sprechen bereits im Hintergrund miteinander. Dabei hat aber die Aufmerksamkeits­prüfung immer Priorität. Sie entscheidet, ob der Coach aktiv werden darf oder nicht.

Wäre es so möglich, einen Fahrer im Sekundenschlaf zu erkennen und zu wecken?

Mit der Fahrerkamera bieten wir solch ein System bereits in S-Klasse und EQS an. Es erkennt typische Merkmale, die auf akuten Sekundenschlaf hinweisen, und kann eine Warnmeldung ­ausgeben.

Was muss künftig noch ins Auto, um das Wohl­befinden zu steigern?

Ich glaube, wir haben schon sehr viel von dem, was wir brauchen. Es geht nur noch darum, dem Kunden zu sagen, dass er es hat, wie er es nutzen kann, und ihn im richtigen Moment daran zu erinnern. Selbst wer mit den Funktionen täglich unterwegs ist, den kann man noch überraschen. Einfach, weil sie unterhalten und im Hintergrund etwas für die Gesundheit tun.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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