Stromversorgung in Deutschland Zu viele Elektroautos?

Stromnetz, Stromversorgung, Energie, Elektromobilität, E-Autos, Strommasten Foto: Adobe Stock/Petair; Kfjgalore - Montage: ETM

Eine Million E-Autos sind angepeilt. Kritiker warnen aber: Hängen alle E-Autos gleichzeitig am Netz, könnte das die Stromversorgung in die Knie zwingen. Doch die Netzbetreiber sorgen vor.

Die Zahl der Elektroautos steigt. Deutschlandweit sind bereits eine Million E-Autos unterwegs. Bis zu 15 Millionen sollen es im Jahr 2030 sein. Die Hälfte der Deutschen will Umfragen des Energiekonzerns Eon zufolge künftig auf Elektro­antriebe umsteigen. Flotten- und Facilitymanager müssen also reagieren. "90 Prozent der Befragten wünschen sich von Unternehmen, die Dienstwagen stellen, dass sie Mitarbeitenden auch Elektrofahrzeuge und entsprechende Lademöglichkeiten anbieten", sagt Christoph Ebert, der bei Eon für Mobilitätslösungen für Geschäftskunden verantwortlich ist.

Viele Flottenmanager lässt die lückenhafte Ladeinfrastruktur jedoch zögern, ihre Fuhrparks zu elektrifizieren. Während in Deutschland monatlich 55.000 Stromer verkauft werden, kommen nur etwa 1.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte hinzu, bilanziert der VDA. Mitte 2021 mussten sich im Schnitt 13 E-Autos einen öffentlich zugänglichen Ladepunkt teilen. Ende 2021 waren es sogar 21.

Badenova Laden 2022 Foto: Badenova
In einem Feldversuch von BN Netze und Fraunhofer ISE erzeugte ein Algorithmus Ladepläne für 20 Ladestationen der Mitarbeiter. Dabei wurde unter anderem die gewünschte Abfahrtszeit berücksichtigt.



Rechnerisch wären rund 2.000 neue Ladepunkte pro Woche nötig, damit E-Auto-Fahrer nicht an besetzten Ladesäulen stranden. »Wir brauchen mehr Lademöglichkeiten im privaten Bereich, am Arbeitsplatz und im Handel. Überall brauchen wir mehr Tempo«, fordert VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

Das ist nicht immer ganz einfach. Zumindest für Schnellladestationen mit höherer Leistung muss der Energieversorger erst um Erlaubnis gefragt werden. Denn nicht überall sind die Verteilnetze für den Hochlauf der Elektromobilität ausgelegt. Immer wieder macht das Schreckgespenst vom Zusammenbruch des Stromsystems Schlagzeilen. Meist, wenn es um den Ausbau der erneuerbaren Energien geht.

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Bislang halten die auf drei Spannungsebenen organisierten Stromnetze die zunehmende Flexibilisierung von Strom­einspeisung und -entnahme aus. "Die bisher niedrigste Ausfallzeit des Jahres 2019 konnte im Jahr 2020 erneut unterboten werden", berichtet Jochen Homann, ­Präsident der Bundesnetzagentur. Im Durchschnitt auf alle angeschlossenen Letzt­verbraucher gerechnet, ist die Unterbrechungsdauer zuletzt auf 10,73 Minuten gesunken – der geringste Wert seit Beginn der Ausfall­statistik im Jahr 2006.

Doch während Energiewende und Ausbau der Netze nur langsam vorankommen, steigt der Strombedarf. Die Ampelkoalitionäre wollen zudem den Ausbau der Ladeinfrastruktur massiv beschleunigen. Eine Million öffentliche Ladepunkte, vor allem für schnelles Laden, sollen bis 2035 an den Straßen stehen. Droht am Ende dann doch ein Blackout, wenn die vielen Stromer am Netz hängen?

Prognosen sehen vor allem die Gleichzeitigkeit als Problem an. 60 bis 85 Prozent aller Ladevorgänge finden zu Hause oder am Arbeitsplatz statt, schätzt die Nationale Leitstelle für Ladeinfrastruktur. Experten beschreiben das Szenario so: In einem Ortsnetz mit 120 Haushalten würden schon 36 Elektroautos, die gleichzeitig aufladen, das Netz überlasten. Hochgerechnet könnte es schon in den nächsten Jahren ab einer E-Auto-Quote von 30 Prozent zu Engpässen bei der Stromversorgung kommen, glaubt die Strategieberatung Oliver Wyman.

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Von einem Totalausfall kann dennoch nicht die Rede sein. Damit die Netze nicht zum Flaschenhals der Elektromobilität werden, tüfteln Energieversorger und Netzbetreiber neben dem Netz­ausbau an Lösungen zur Flexibilisierung der Ladevorgänge. Ihr Ziel: die langen Standzeiten für das Laden nutzen, und zwar netzdienlich gesteuert, um Lastspitzen abzufedern. Das bedeutet: Wenn zu viele Autos gleichzeitig laden, wollen die Energieversorger die Leistung verringern und Ladevorgänge zeitlich verteilen. EnBW etwa will so sicherstellen, dass jede neue Ladesäule ans Netz gehen kann.

Wie das Laden intelligent wird, erprobt das Unternehmen in verschiedenen Reallaboren vor Ort. ­"Kundenfreundlich umgesetzt, kann das ­Lademanagement helfen, die Aufnahmekapazität des bestehenden Netzes für Ladestationen zu erhöhen, auch dort, wo Netzausbau notwendig ist", erklärt Markus Wunsch, Leiter Netzintegration Elektro­mobilität bei der EnBW-Tochter Netze BW.

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Dass das auch tagsüber auf dem Firmenparkplatz funktioniert, beweist ein Feldversuch der Badenova-Tochter BN Netze in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-­Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Um die 20 Ladestationen für die Mitarbeitenden des Freiburger Instituts zu überwachen, erzeugt ein Algorithmus Ladepläne, die neben Lastprognosen auch Nutzeranforderungen wie die gewünschte Abfahrtszeit berücksichtigen. Wird die Lastgrenze erreicht, wird die Ladeleistung automatisch gedrosselt und gleichmäßiger über den Tag verteilt. So nutzen die Elektro­autos die Netzkapazitäten effizienter aus.

Bevor das Licht ausgeht, werden erst Großabnehmer abgeschaltet

Blackout-Ängste hält auch Eon für verfehlt. Wären zehn Millionen Elektroautos unterwegs, würde der Stromverbrauch nur um vier bis fünf ­Prozent steigen. Das hat der Netzbetreiber in einem Stresstest errechnet. "Das wäre für Eon ohne Überlastung machbar, weil unsere Infrastruktur immer effizienter wird", teilt das Unternehmen mit. Mögliche pauschale Beschränkungen der Stromzufuhr für Elektroautos, wie kürzlich in Großbritannien angekündigt, seien hierzulande ohne akuten Anlass weder notwendig noch sinnvoll, sagt die Bundesnetzagentur auf Anfrage. Um den Hochlauf der Elektromobilität zu ­stemmen und Netz­kapazitäten effizienter auszulasten, setzt sie auf die flexible Verbrauchssteuerung mit Kommunikations- und Steuerungstechnik durch die Netzbetreiber. "Wir sprechen hier aber von einer bedarfsgerechten, zeitlich begrenzten Leistungsreduktion – keinem Ausschalten oder Verbot zum Laden", betont Wunsch von Netze BW. Zudem hat die Politik in Deutschland einen Schutz der Verteilnetze vorgeschaltet: Bevor das Licht ausgeht, können die Übertragungsnetz­betreiber zuerst Großabnehmer abschalten, die dafür Geld bekommen.

Geförderte Ladepunkte

Zwei Drittel aller neuen Pkw sind Dienstfahrzeuge. 85 Prozent aller Ladevorgänge finden zu Hause statt. Deshalb fördert die Bundesregierung den Aufbau von Lademöglichkeiten auf Mitarbeiter- und Kundenparkplätzen von Unternehmen und Kommunen mit 350 Millionen Euro. Der Zuschuss beträgt pauschal 900 Euro pro Ladepunkt, darf aber 70 Prozent der förderfähigen Ausgaben nicht überschreiten. Es werden Ladepunkte mit einer Ladeleistung von bis zu 22 kW gefördert. Anträge können über das Förderportal der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gestellt werden.

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