Tankstellen in Deutschland

Aus für die Zapfsäule?

Verlassene Tankstelle Foto: Adobe Stock

Energiemakler statt Tankwart. Immer mehr Elektroautos in den Städten, immer weniger ­Menschen auf dem Land: Das Geschäftsmodell von Tankstellen wird sich ändern.

Die Mobilität der Zukunft wird eine völlig andere sein. Neue Antriebstechnologien, autonomes Fahren, Sharing-Modelle und die Vernetzung verschiedener Verkehrsmittel gewinnen an Bedeutung. Allerdings: Was in städtischen Ballungsräumen funktioniert, wird auf dem Land völlig anders aussehen. Davon geht auch die Studie "Tankstelle der Zukunft" aus, die das Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Auftrag von Aral erstellte.

Das DLR untersuchte, wie sich Fahrleistung, Fahrzeugflotten und deren Antriebsarten sowie das Mobilitätsverhalten in Deutschland bis 2040 verändern werden. Daraus wurden Szenarien für die Großstadt und den ländlichen Raum entwickelt. Immer weniger Menschen werden auf dem Land leben und so weniger Infrastruktur brauchen. Der private Pkw spielt aber weiterhin eine wichtige Rolle. Überall dort, wo Geschäfte schließen, könnten sich die Tankstellen zu einem sozialen Treffpunkt mit einem größeren Shopangebot und Paketdienstleistungen entwickeln. Ganz pfiffig ist die Idee eines kombinierten Personen- und Güterverkehrs: Handwerker oder Pflegedienste sammeln an der Paketstation der Tankstelle Lieferungen für ihre Kunden oder Patienten ein und nehmen Paketdienstleistern so Fahrten in entlegene Gebiete ab.

In der Großstadt soll sich die Tankstelle dagegen zu einer Mobilitätsdrehscheibe entwickeln. E-Bikes, autonome Sharing- und Pooling-Fahrzeuge sowie Lufttaxis stehen bereit und werden während ihrer Standzeit geladen oder gewartet. Kunden, so Aral-Chef Patrick Wendeler, könnten somit von einem kollektiven Fahrzeug ins nächste umsteigen. Geld verdienen will Aral an diesen Statio­nen in Zukunft mit ultraschnellen Ladesäulen, mit der Wartung autonomer Flotten und auch mit dem Verkauf konventioneller und alternativer Kraftstoffe.

Denn laut Studie werden auch im Jahr 2040 weit über 90 Prozent der Fahrzeuge, darunter mehr als die Hälfte Diesel- und Benzin-Hybrid-Autos, konventionellen Kraftstoff tanken, zunehmend kombiniert mit weiterentwickelten Biokomponenten und synthetischen Kraftstoffen. Ohne gesetzliche Vorgaben, die in der Studie ausdrücklich außen vor gelassen wurden, sollen damit auch im Jahr 2040 nur rund 3 Prozent der Pkw sowie 13 Prozent der Nutzfahrzeuge ausschließlich batterieelektrisch fahren.

Unbeantwortet bleibt die Frage, wie Umsteigeplätze für Lufttaxis, Parkplätze für autonome Fahrzeuge und Batterietauschautomaten für E-Bikes und E-Roller angesichts der Grundstückspreise in den boomenden Großstädten künftig genug Ertrag bringen können, um Teil eines erfolgreichen Geschäftsmodells zu sein.

Tankstellenshop, Tabakwaren, Kasse Foto: AndrÈ Sahorn
Für Tankstellen ist das Shopgeschäft beinahe wichtiger als der Verkauf von Sprit.

Shell stellt alles auf den Kopf und plant, weltweit größter Stromanbieter zu werden.

Während Aral noch darüber nachdenkt, wie sich Tankstellen weiterentwickeln lassen, plant Shell, der weltweit zweitgrößte Öl- und Gaskonzern, gleich den kompletten Umbau seines Geschäfts. Das Ziel: größter Stromversorger der Welt werden. In den kommenden zehn Jahren soll Strom neben der Öl- und Gasförderung und -verarbeitung ein Drittel zum Umsatz von derzeit rund 350 Milliarden Euro beisteuern. Daher hat Shell in den letzten Jahren den niederländischen E-Ladestationen-Betreiber New Motion und den Stromspeicherhersteller Sonnen aufgekauft.

In Holland ist Shell in den Bau von Windparks eingestiegen, und aktuell läuft das Bieterverfahren für den niederländischen Stromversorger Eneco, zu dem auch der größte deutsche Ökostromverkäufer Lichtblick gehört. Mit einem Angebot von der grünen Energieerzeugung über die Speicherung und den Vertrieb kann sich Shell zu einem dominanten Player auf dem Energiemarkt entwickeln.

Allerdings ist dies nicht der erste Versuch eines branchenfremden Unternehmens, mit der Energiewende Geld zu verdienen. Shell mit der Solarstadt Gelsenkirchen, Bosch mit Solarenergie oder das Wüstenprojekt Desertec: Bisher scheiterte noch jedes Projekt. Doch für Shell sind die Rahmenbedingungen diesmal günstig, und der Konzern hat zudem die Mittel, seine grünen Pläne umzusetzen.

Daneben versuchen Automobil- und Mineralölwirtschafts­industrie gemeinsam, den Blick auf einen potenziellen, aber bisher in der Öffentlichkeit wenig beachteten Energieträger der Zukunft zu lenken – die sogenannten E-Fuels, die aus Strom aus erneuerbaren Energien, Wasser und Kohlendioxid hergestellt werden können. E-Fuels haben zahlreiche Vorteile: Sie sind klimaneutral, lassen sich den fossilen Energieträgern problemlos beimischen und eignen sich für alle Verkehrsmittel. Zudem könnten sie mit der bestehenden Infrastruktur und Technologie genutzt werden und somit die Zukunft der Verbrennungsmotoren sichern. Der Nachteil: Die Herstellung ist teuer und aufwendig, der Wirkungsverlust hoch, und bisher gibt es nur Demonstrationsanlagen. Um die Entwicklung voranzubringen, so die Forderung der Wirtschaft, müsse die Politik verlässliche Rahmenbedingungen schaffen und die neue Technologie fördern. Eine Forderung, die bei der bisher überwiegend auf die Elektromobilität fixierten Politik wenig Gehör fand.

Völlig unbeeindruckt von den grünen Ambitionen der europäischen Konkurrenz agieren im Übrigen die Mineralölkonzerne auf der anderen Seite des Atlantiks. Unter der Regierung von Klimawandelleugner Trump können sich Branchenprimus Exxon und der kalifornische Chevron-Konzern über eine deutliche Lockerung der Umwelt- und Sicherheitsstandards und boomende Geschäfte freuen. Mit der Förderung von Schieferöl über die umstrittene Fracking-Methode sind die USA im vergangenen Jahr zum größten Ölproduzenten der Welt aufgestiegen – noch vor Saudi-Arabien. Dekarbonisierung und alternative Kraftstoffe sind für die amerikanische Ölindustrie damit aktuell kein Thema.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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