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Foto: Dino Eisele

Ganzjahresreifen im Test

Welcher Allrounder ist der beste?

Immer mehr Unternehmen rüsten ihre Flotten mit Ganz­jahresreifen aus. Zu Recht? Der Vergleichstest von vier All-Season-Reifen (215/60 R 17) mit Sommer- und Winterreifen klärt, wie die Firmenwagen am sichersten unterwegs sind. Die Testergebnisse finden Sie als PDF am Ende des Artikels.

Der Wechsel von Sommer- auf Winterreifen ist für Flotten­betrei­ber deutlich teurer geworden. Wer für die Firmenwagen gleich ganze Winter-Komplettradsätze anschaffen muss, bekommt das erst recht zu spüren. Denn mit Ausnahme weniger Autohersteller, die wie der VW-Konzern auf indirekte Luftdruckmessung über den Abrollumfang der Reifen via ABS-Sensorik setzen, statten viele ihre Fahrzeuge mit den oft genaueren, direkt messenden Reifendruck-Kontrollsystemen aus. Die kleinen Sensoren in jedem Rad, die ja auch für jedes Winterrad gebraucht werden, können bei einem Radsatz schnell mit 400 Euro und mehr zu Buche schlagen.

M+S-Zeichen genügt, aber Schneeflockensymbol ist besser

Muss man aber überhaupt noch auf echte Winterreifen wechseln? Schließlich sind Allwetterreifen mindestens mit dem M+S-Symbol gekennzeichnet. Das genügt aus gesetzlicher Sicht, um als Winterreifen anerkannt zu werden, bescheinigt dem Reifen aber nicht mehr als lediglich ein etwas gröberes Profil. Gute Allwetterreifen hingegen sind mit dem höherwertigen Schneeflocken-Label ausgestattet, das dem Reifen entgegen der M+S Kennzeichnung ein bestimmtes Maß an Winterqualitäten attestiert, was auch durch Vergleiche mit einem Referenzreifen für jedes Modell nachgewiesen werden muss. Nicht ohne Grund soll in Zukunft die De­finition von Winterreifen an nachprüfbaren Eigenschaften, bescheinigt durch das Schneeflockensymbol, festgemacht werden. Welche Reifeneigenschaften in Extremsituationen wirklich weiterhelfen und ob die Universalgreifer an die Performance von Sommer- oder Winterspezialisten heranreichen, klären wir in diesem Vergleichstest (Testergebnisse zum Download am Ende des Artikels)

Die Frage, ob der Allwetterreifen eher fürs Fahren in kalten oder in warmen Jahreszeiten ausgelegt sein soll, stellt die Entwickler vor einen Zielkonflikt. Für gute Winter-eigenschaften braucht man weiche Gummimischungen und viele Lamellen (schmale Einschnitte) in den Profilblöcken. Für kurze Bremswege auf nasser und trockener Straße im Sommer sind eine weiche Mischung, tiefes Profil und Lamellen eher kontraproduktiv.

Wie also der Allwetterreifen ausgelegt wird, hängt stark von der Philosophie seiner Entwickler ab. Michelin etwa verzichtet offiziell auf den Anspruch ultimativer Wintertauglichkeit und verkauft den neuen Cross Climate als Sommerreifen mit Schneeflocken-Winterkennzeichnung. Obendrein versprechen die Franzosen überdurchschnittliche Lebensdauer des Reifens. Eine Aussage, die wir zwar im Test nicht nachprüfen, aus Erfahrung aber bestätigen können.

3D-Lamellen sorgen für mehr Stabilität

All-Season-Pionier Goodyear hat mit dem Vector 4Seasons bereits langjährige Erfahrung. Die zweite Generation kommt, wie auch der Michelin, mit einem laufrichtungs-gebundenen, pfeilförmigen Profil und kräftigen 3D-Lamellen. Im Gegensatz zu klassischen Lamellen, die durch ihre glatten Einschnitte den Profilblock schwächen, verzahnt sich die 3D-Variante und erhält so zumindest einen Teil der Blockstabilität.

Weatherproof – wetterfest – heißt der Allwetterreifen von No­kian. Auch die Winterspezialisten aus Finnland setzen auf Laufrichtungsbindung, grob profilierte Schultern und einen kräftig lamellierten Laufstreifen.

Als einziger nicht laufrichtungsgebundener Reifen startet der Vredestein Quatrac 5. Die Holländer setzen auf Asymmetrie und teilen die Lauffläche in eine Sommer- und eine Winterseite. Der Theorie nach soll so im Sommer, wenn hohe Seitenführungs- und Bremskräfte zu erwarten sind, vornehmlich die äußere, eher geschlossene Schulter Kräfte übertragen. Im Winter, wenn die Fahrbahnen glatter werden, sollen die Lamellen der inneren Laufstreifenhälfte für guten Grip auf Schnee und Eis sorgen

Wie gut funktionieren die Konzepte?

Um das herauszufinden, müssen die vier gegen je einen Winter- und Sommerreifen antreten. Beide stammen von Continental und zählen derzeit zu den besten ihrer Klasse. Gegen den Winterprofi Conti TS 850 P und den Sommerspezialisten Premium Contact 5 sind die Ganz­jahres­reifen zwar chancenlos, weshalb die beiden Contis außer Wertung und ohne Endnote in der Tabelle geführt werden. Dennoch markieren sie in den einzelnen Disziplinen das technisch Machbare und zeigen so die Kompromisse auf, die für die Konzeption eines Allwetterreifens nötig sind. Ein "sehr gut", die Top-Bewertung bei dem Reifentest, wird ein All-Season-Produkt auf diese Weise kaum erreichen können.

Sehr deutlich zeigt sich das bei den Wintertests. Während der winterbereifte Opel Mokka auf der schneebedeckten Fahrbahn aus Tempo 50 schon nach 23 Metern zum Stillstand kommt, braucht er mit den schneeorientierten All-Season-Reifen von Goodyear und Nokian um 24, mit den sommeroptimierten Reifen von Michelin und Vre­destein um 26,5 Meter. Wer dasselbe mit Sommerreifen versucht, sollte hoffen, dass die Straße für mindestens 41 Meter frei von Hindernissen ist. Auch in der Traktion erreichen die Allwetterprodukte ein ernst zu nehmendes Niveau. Dies jedoch mit adäquater Seitenführung auf Schnee zu kombinieren, gelingt nicht allen.

Guten Längs- und Kurvengrip bieten Good­year, Michelin und Nokian. Vredestein überzeugt zwar mit guter Traktion, reagiert aber extrem unwillig auf Lenkbefehle, sodass der Mokka unerwartet haltlos über die Vorderachse rutscht. Eine Empfehlung für gelegentliche Schneeaus­flüge gibt’s somit für Good-year und No­kian, Michelin kann nur mit Abstand folgen, für Vredestein-Fahrer gilt auf Schnee: besser Fuß vom Gas.

Wie schneidet der Vredestein-Reifen auf nasser Fahrbahn ab?

Kann’s der Vredestein dafür auf nasser Fahrbahn? Negativ. Auch hier sind die Bremswege zu lang, die Aqua­planing­­empfindlichkeit zu ausgeprägt. Besser schlagen sich Goodyear, Michelin und Nokian, mit denen sich der Opel bei Nässe bis auf rund einen Meter an die Topwerte des Sommerreifens heranbremst. Die Mi­chelin-Reifen schwimmen bei Nässe recht früh auf und der Good­year erlaubt nicht die hohen Kur­ven­geschwin­dig­kei­ten der Konkurrenten. So fährt der Nokian die Spitzenposition des Nässekönigs heraus. Und der reine Winterreifen? Ist auf Schnee natürlich nicht zu schlagen, selbst auf nassen Straßen könnte er locker mithalten.

Auf trockener Fahrbahn sieht die Sache anders aus: Hier hat der Winterprofi klar das Nachsehen, vor allem bei höheren Temperaturen. 48 Meter Bremsweg braucht unser SUV bei Vollbremsung aus 100 km/h, das sind ganze elf Meter mehr als mit  Referenz-Sommerreifen. Können wenigstens die Allwetterreifen hier überzeugen? Nicht alle. Bremsen auf nasser Straße etwa trifft den wunden Punkt des Goodyear Vector 4: Rund 47 Meter Bremsweg sind im Sommer einfach zu lang. Auch Vredesteins Quatrac 5 verbeißt sich nicht so richtig mit der trockenen Fahrbahn: 46 Meter. Mit 44,5 Metern Bremsweg schafft erst der Nokian einen deutlichen Abstand zum Winterreifen, den der neue Michelin Cross Climate nochmals um starke vier Meter toppt. Fünf Meter Abstand zum Sommerreifen bleiben trotzdem

Warum für den Testsieger kein »sehr gut« vergeben wird? Weil, das zeigen die Einzelwertungen in aller Deutlichkeit, ein Allwetterreifen im­mer Kompromisse fordert. Während sich Goodyear und Nokian beste Schnee- und Nässewerte mit Defiziten auf trockener Bahn erkaufen, gibt der drittplatzierte Michelin, der nur um Haaresbreite an einer Top-Platzierung vorbeischrammt, dafür die Winter­eigenschaften dran. Ob man sich für die Flotte mit gelegent­lichem Schneekontakt eher für Good­year oder Nokian oder bei fast schneefreiem Flachland eher für den Michelin entscheidet, der Allwetterreifen ist und bleibt ein Kompromiss. Für beste Performance und höchstmögliche Sicherheit zur entsprechenden Jahreszeit sind Sommer- oder Winterspezialisten die bessere Wahl.

Wer bei seinen Firmenwagen also auf maximale Sicherheit zu jeder Jahreszeit setzt, wechselt im Herbst und Frühjahr. Mit Ausnahme des sommerorientierteren Michelin Cross Climate sind die Produkte, und das sollte jedem Käufer stets bewusst sein, in ihren Eigenschaften eher Winter- als Sommerreifen, mit den entsprechenden Defiziten auf trockenem Asphalt. Für Wenigfahrer aber, bei überwiegend innerstädtischem Verkehr im Flachland, sind die Allwetterprofis eine ernst zu nehmende Alternative.

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Datum

17. Februar 2017
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