Kreuz am Straßenrand Zoom
Foto: Thomas Küppers

Verkehrssicherheit

Schnell, schneller, am schnellsten

Zu hohe Geschwindigkeit ist die Todesursache Nr. 1 auf Deutschlands Straßen. Verkehrsexperten fordern Tempolimits und eine bessere Verkehrsführung.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) steht seit 1969 im Dienst der Straßenverkehrs­sicher­heit. Zu seinen Aufgaben gehört es, Missstände im Verkehr anzusprechen. Aktuell knüpft sich der DVR die Temposünder vor. Zu hohe Geschwindigkeiten gepaart mit einem zu geringem Abstand stellen eine gefährliche Mischung dar. Und häufig trifft es bei einem Unfall nicht nur die daran beteiligten Fahrzeuginsassen, sondern überdies Fußgänger und Fahrradfahrer, die ungeschützt auf schnelle Autos treffen.

Rund 7.000 Unfälle nimmt die Polizei pro Tag auf

Druck im Job, Termine, es gibt viele Gründe, warum Berufsfahrer zu schnell unterwegs sind. Schon eine Verringerung der Durchschnittsgeschwindigkeit um fünf Prozent hätte zehn Prozent weniger Unfälle mit Verletzten zur Folge. Die Unfallzahlen mit tödlichem Ausgang sänken gar um 20 Prozent.

Doch Professor Bernhard Schlag sieht das nüchtern: "In jedem von uns steckt ein aggressiver Fahrer", glaubt der Verkehrspsychologe. Er spricht vom Territorialverhalten eines jeden Einzelnen, das weit über die Außenmaße des Autos hinausgehe. Der Ego-Raum wachse, je schneller man fahre. Wer drängelt, wolle damit eigentlich signalisieren, dass er "seinen" Raum erobern möchte. Besonders Vielfahrer seien schnell unterwegs, und Männer mehr als Frauen.

Alle acht Minuten wird ein Mensch im Straßenverkehr schwer verletzt

Stefan Pfeiffer von der Deutschen Polizeigewerkschaft weiß nur zu gut, wie schnell gefahren wird. Mit seinem Team kontrolliert er auch 400 Autobahn-Kilometer in Bayern. Deutschland sei weit entfernt vom EU-Ziel, von 2011 bis 2020 die Zahl der Verkehrstoten zu halbieren. "Bis 2015 haben wir erst einen Rückgang von 5,18 Prozent erzielt", sagt Pfeiffer. Deshalb plädiert er dafür, Fehlverhalten sofort zu bestrafen.

Die Sanktionen sollten auch für ausländische Fahrer gelten. "Manche Lkw bremsen noch nicht mal mehr vor einer Radarkontrolle", beklagt Pfeiffer. Vielfahrer und Berufskraft-fahrer kennen die Schwächen der deutschen Justiz. Oft genug werden Verstöße gar nicht erst verfolgt. "Bleibt jedoch Fehlverhalten im Straßenverkehr unentdeckt, findet ein sogenanntes Leben am System statt", erklärt Professor Dieter Müller vom Institut für Verkehrsrecht und Verkehrsverhalten, Bautzen. Ungeahndetes Fehlverhalten werde als neue, persönliche Norm pädagogisch antrainiert. Das kann nicht im Sinne der Gemeinschaft sein. Und selbst wenn eine Untat geahndet wird, haben die Strafen keine präventive Wirkung mehr. "Das Bußgeld-Niveau ist einfach zu niedrig", betont Müller.

Alle 13 Sekunden passiert ein Unfall

efürworter der Halterhaftung. Anders als in Deutschland, wo die Behörden erst umständlich den Fahrer ausfindig machen müssen, haftet in vielen Ländern grundsätzlich der Halter eines Autos. Kann bei uns der Fahrer nicht ermittelt werden, trifft die Strafe den Halter des Firmenwagens höchstens in Form einer Fahrtenbuchauflage. Allerdings, so Müller, werde in 96 Prozent aller Fälle ein Fahrtenbuch gar nicht erst beantragt. Das lädt zum Missbrauch ein. Deshalb will die Europäische Kommission die Halterhaftung in allen Mitgliedsstaaten einführen. Sie geht dann von einer Halbierung der Unfallzahlen aus.
Damit die Autofahrer gar nicht erst rasen, gibt es Menschen wie Professor Christian Lippold. Sein Lehrstuhl an der Technischen Universität Dresden befasst sich mit der Gestaltung von Straßenverkehrsanlangen. "Autobahnen", so der Fachmann, "kann man nicht künstlich verlangsamen. Sie sind so breit, wie sie sind". Die Autobahnen seien auf Geschwindigkeiten von 130 km/h bei nasser Fahrbahn ausgelegt. Beim Bau geht es um eine gestreckte Linienführung mit großen Sichtweiten.

Alle 19 Minuten verunglückt ein Kind unter 15 Jahren im Straßenverkehr

Doch für ihn liegt das Problem eher in den Landstraßen. Zwei Drittel aller Getöteten sterben dort, die Hälfte durch überhöhte Geschwindigkeit, jeder Vierte bei Überholvorgängen. Die Unfallopfer kommen auf Straßen ums Leben, die so gebaut wurden, dass ein Langholzfuhrwerk bequem abbiegen oder um die Kurve fahren kann. In den 1920er-Jahren war dies das Maß aller Dinge. Deshalb fordert Lippold, die Geschwindigkeit zu senken, die Überholvorgänge sicherer zu machen. "Überholen auf Straßen mit Gegenverkehr ist heute nicht mehr zeitgemäß", sagt er. Wo es geht, sollten Zusatzfahrstreifen abschnittsweise nachgerüstet werden. Wenn das nicht geht oder auf Straßen mit wenig Verkehr sollten Pkw nicht schneller als Lkw fahren dürfen. Das nehme den Druck, auf Teufel komm raus überholen zu wollen. Auf neueren, gut ausgebauten und sicheren Straßen könne man aber durchaus mit Tempo 100 fahren.

Alle 2,5 Stunden stirbt ein Mensch auf  Deutschlands Straßen

Natürlich arbeitet auch die Autoindustrie an Systemen, die Verkehrsteilnehmer besser schützen sollen. Viele Assistenzsysteme sind nun auch in kleineren Autos zu bekommen. Der nächste Golf fährt Anfang 2017 beispielsweise mit einem Stauassistent vor, der bis Tempo 60 immer den richtigen Abstand zum Vordermann hält.

Polizist Pfeiffer sieht die elektronischen Helfer aber skeptisch. Moderne Technik mache die Menschen unvorsichtiger. Gegen ein Feature hätte er jedoch nichts einzuwenden: "Der Unfalldatenspeicher hätte sicher eine hohe präventive Wirkung." Am liebsten würde er ihn serienmäßig in allen Fahrzeugen sehen. Doch im Moment habe Persönlichkeitsrecht Vorfahrt.

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Datum

27. Dezember 2016
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