Verkehrssoziologe Alfred Fuhr

"Pendeln kann krank machen"

Alfred Fuhr. Foto: Florence-Anne Kälble

Millionen Menschen quälen sich täglich auf langen ­Strecken zum Arbeitsplatz. Der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr erklärt, welche Auswirkungen Pendeln hat.

Herr Fuhr, wie hat sich das Pendeln über die Jahre hinweg entwickelt?

Statistiker unterscheiden zwischen Kurz- oder Nahstreckenpendlern sowie zwischen Menschen, die mittlere oder lange Distanzen zurücklegen müssen. Interessant ist, dass die Zahl der Kurzpendler zurückgeht. Relevant sind vor allem die Distanzen zwischen acht und zehn Kilometern. Dort verzeichnen wir die stärksten Anstiege.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Ja, Männer überbrücken zwischen Wohnung und Arbeitsplatz im Schnitt 12,5, Frauen nur 8,8 Kilometer. Die Zahl der Fernpendler mit 50 und mehr Kilometern einfachen Arbeitswegs steigt aber auch.

Pendeln Akademiker häufiger als die Arbeitnehmer mit niedrigerem Bildungsstatus?

Es gibt tatsächlich einen Bildungsunterschied bei den Distanzen: Menschen mit Hochschulabschluss pendeln mit 14,5 Kilometern am weitesten. Den längsten Weg zur Arbeit haben laut der IAB-Studie Ingenieure: Sie sind im Schnitt 18 Kilometer unterwegs.

Welche Auswirkungen hat das auf den Menschen?

Eine ganze Reihe von Studien stellt fest, dass Pendeln Schäden bei den Menschen selbst, aber auch bei der Familie sowie bei Freunden und Bekannten hinterlässt. Da wegen Staus und Bahnausfällen sowie bei großen Distanzen auch die Pünktlichkeit abnimmt, verzichten viele Pendler auf Freizeit. Oder ihre Familie kann unter der Woche nicht mit ihnen rechnen. Alle Experten sind sich einig: Die täglich langen Reisezeiten können zu gesundheitlichen Problemen und Erschöpfung führen. Und je länger der Weg zur Arbeit ist, desto unzufriedener sind Berufstätige mit ihrer Work-Life-Balance.

Aber man könnte die Reisezeit doch auch sinnvoll nutzen?

Das Fatale ist, dass sich die Menschen zunächst selbst täuschen: "So schlimm kann es doch nicht sein." Sie entwickeln daher Strategien, mit denen sie die Situation schönreden oder umdeuten. So nehmen sie beispielsweise Arbeit mit in den Zug, lernen eine Fremdsprache oder versuchen, Freundschaften mit anderen Pendlern zu schließen.

Was im Pkw nicht funktioniert.

Nein. Wer aber von seinem verkehrstechnisch schlecht angebundenen Umland ins Ballungszentrum zum Job fährt, nimmt meist das Auto. Diese Menschen werden schon durch den Verkehr doppelt gestresst. Unter ihnen ist der Anteil derer, die ihre Freizeit schlecht planen können und damit kaum einen Ausgleich für das Berufsleben haben, nochmals höher.

Rund 60 Prozent der Deutschen wohnen weit weg vom Arbeitsplatz. Warum so viele?

Die Menschen reisen offenbar attraktiven Jobs hinterher. Die befinden sich aber immer weiter von ihren Wohnorten entfernt. Schlechte Internetverbindung und Infrastruktur verhindern, dass sich Unternehmen auf dem Land ansiedeln. Schnelle und enorm hohe Mietsteigerungen in Städten wie Frankfurt, Berlin, Stuttgart und München dagegen verhindern, dass Arbeitnehmer dort wohnen. Doch in den Metropolen gibt es die meisten, vielseitigsten und bestbezahlten Jobs. Dort werden zukunfts­fähige Technologien entwickelt, und es herrscht ein Mangel an Facharbeitern und Servicekräften. Das ist weltweiter Mega­trend. Auf der anderen Seite erhöhen deutlich verbesserte und schnellere Bahnverbindungen die Bereitschaft, für den Beruf deutlich weiter zu pendeln.

Sind die Menschen heute weniger verwurzelt?

Viele Menschen brechen bereits fürs Studium ihre Zelte in der Heimat ab. Sie haben daher keine so starke Bindung an einen bestimmten Ort. Es ist also normal und gelernt, zur Arbeit zu reisen. Vor allem, wenn man Fernbeziehungen führt oder gar mehrere Arbeitsorte hat.

Und dann sind sie womöglich auch noch berufsbedingt unterwegs.

Genau. Viele Jobs verlangen, zu reisen. Das gilt speziell für Besserverdiener. Da sie nie lange genug an einem Ort bleiben, lohnt sich keine Zweitwohnung. Solche Mobilitätspioniere sind deutlich länger und mehr unterwegs, als dass sie an einem festen Ort arbeiten. Dieser Trend wird sich noch verstärken. Da ändern selbst Skype-Konferenzen oder mobiles Arbeiten nichts. Für wichtige Meetings wird man sich immer irgendwo treffen müssen. Die Idee, durch Digitalisierung an Infrastruktur zu sparen, lässt sich nicht halten.

Gehört also ein mobiler Lebensstil einfach zur modernen Arbeitswelt?

Beruflich viel unterwegs zu sein, zu pendeln, ist in einem bestimmten Milieu mit einem hohen Imagefaktor belegt. Wer mobil ist, gilt als modern, reich und vor allem flexibel. Wer dagegen an seinem Ort bei Kind und Haus festhängt, wird als provinziell und unflexibel belächelt. Gleichzeitig wächst mit dem Einkommen die Möglichkeit, beides zu haben – die ruhige und schöne Wohnung etwa im Taunus und die schnelle Anbindung nach Frankfurt.

Setzen Arbeitgeber also lange Anfahrtswege voraus?

Pendeln zu können, ist eine wichtige Station auf dem Weg in die Berufskarriere. Wer pendelt, gilt als motiviert, leistungsbereit und flexibel. In vielen Stellenanzeigen für Führungskräfte wird dies vorausgesetzt. Doch auch der Staat setzt mit den 30 Cent pro Entfernungskilometer, die Arbeitnehmer steuerlich ansetzen können, falsche Anreize. Nur so können sich viele Normalverdiener ihr Haus im Grünen leisten. Und natürlich profitiert auch der stärkste und mächtigste Industrieverband in Deutschland – die Fahrzeugindustrie. Denn selbst dort, wo die Verbindung gut ist, braucht eine Familie ein Auto.

Geschäftsmann hängt an Baloon Mobilität im Unternehmen Auch Pendeln ist Reisen

So helfen Unternehmen Pendlern

• Gestalten Sie Arbeitszeiten flexibel: Es ist wenig sinnvoll, alle Arbeitnehmer um Punkt 7.30 Uhr mit der Arbeit beginnen und Punkt 16.30 Uhr aufhören zu lassen.

• Fördern Sie Heimarbeit: Die Vertrauensarbeit ist in vielen Bürojobs möglich.

• Firmenwagen als Incentive: Mit einem Geschäftswagen schmerzt die weite Anreise zumindest finanziell weniger. Prüfen Sie, ob nicht sogar ein Plug-in Hybride oder ein Elektroauto passen könnte. Dann fällt nur die halbe Dienstwagensteuer an.

• Schaffen Sie Diensträder an: Die kosten das Unternehmen kaum etwas, und falls der Mitarbeiter das Rad als Bonus zum Gehalt bekommt, muss er es nicht versteuern.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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