Ford Transit, Mercedes Vito, VW T6 26 Bilder Zoom
Foto: Thomas Küppers

Transporter-Vergleichstest

Wer packt am meisten?

Ford Transit, Mercedes Vito und VW T6 sind die wichtigsten Vertreter der 3,5-Tonnen-Klasse. Der Vergleichstest sagt, mit welchem Sie am besten fahren.

Bei all den umfänglichen Messungen für diesen Vergleichstest beeindruckt eine Zahl aus der Statistik am meisten: Drei von vier Neuzulassungen in der Drei-Tonnen-Klasse (74,9 Prozent) gehen auf die Kappe von T6, Vito oder Transit Custom. Grund genug, die drei Verkaufsschlager zu einem Kräftemessen einzuladen. Die Vorgaben: Sie sollen in kompaktester Karosserievariante, mittelstarker Motorisierung und mit maximal 10.000 Euro an Sonderausstattung antreten. So bleiben sie unter der stadtfreundlichen Fünf-Meter-Marke und bringen mit 105 PS (Ford) beziehungsweise 114 PS (VW und Mercedes) genug Power mit, um das Testgewicht von 500 Kilo zu schleppen.

Transit: Dynamiker mit Gardemaß

Und ausgerechnet der vermeintlich Schwächs­te in der Runde müht sich mit der Last am wenigsten ab. Für einen Transporter wuselt der Transit Custom überraschend agil durchs Stadtgetümmel. Die 105 PS auf dem Papier nimmt man ihm kaum ab. Des Rätsels Lösung ist das satte Drehmoment des neuen Zweiliter-Ecoblue-Dieselmotors. 360 Nm zerren ab frühen 1.375 Touren vehement an der Vorderachse. Auf rutschigem Boden ist der Transit damit etwas überfordert, zupft ab und zu cholerisch am Lenkrad und sucht nach Halt. Das ESP regelt spät, greift zu ruppig ein. Bei 2.000 Umdrehungen flacht das maximale Drehmoment deutlich ab, auf der Autobahnauffahrt trabt er wieder brav mit den anderen mit.

Dennoch: Wenn man bei kantigen Kastenwagen überhaupt davon sprechen darf, dann ist der Ford der Spaßmacher unter den Dreien. Harte Federung, sportlich direkte Lenkung, knackige Schaltung und Turbobums: Alles zusammen zieht Handwerkern, die auf hohen Fahrkomfort pfeifen, die Mundwinkel höher. Nur das Turbozischen dringt leise in die bestens gedämmte Fahrerkabine vor. Die ist großzügig geschnitten, drei Personen kommen ohne Ellenbogen-Gerangel unter. Die Sechsgangschaltung hat Ford weit oben angebracht, auf Höhe der Lenkradspeiche. Für den Fahrer ist das angenehm und die Person in der Mitte muss keine Druckstellen am Knie befürchten.

Ablagen gibt es genug: ein großes Fach unter der Doppelbank, aus der Mittelsitzlehne klappt eine Schreib-Arbeitsfläche hervor. Teilweise sind sie aber nicht optimal platziert, wie die große Getränkehalterung auf Kniehöhe. Eine offene Dokumentenablage fehlt. Externe Geräte stöpselt der Fahrer im geschlossenen Fach auf dem Armaturenträger vor dem Lenkrad ein. Die Sitze sind hart gepolstert, dafür lässt sich der Fahrersitz am weitreichendsten verstellen. Von der Lordosenstütze ist nichts zu spüren, selbst wenn man das fummelige kleine Einstellkreuz bis zum Anschlag dreht.

Tasten und Knöpfe am Armaturenträger fehlt es an logischer Struktur, teilweise liegen sie versteckt hinterm Lenkrad. Im Vergleich zu Mercedes und VW, die ihre Transporter mit Pkw-Bauteilen, Chrom und Klavierlack pimpen, wirkt der Transit etwas altbacken. Positiv ist der Fehlbetankungsschutz. Negativ: Zum Öffnen der Motorhaube benötigt man den Fahrzeugschlüssel, die Suche nach dem winzigen Widerhaken unter der Haube kostet Nerven und Zeit.

Bei Antrieb und Komfort spielt der Ford mit Vito und T6 in einer Liga. Das Nachsehen hat der Testwagen in puncto Laderaum und Sicherheit, trotz der umfangreichsten Assistenzsysteme und trotz bester Rundumsicht dank Weitwinkelspiegel. Außer den acht Ösen am Boden hat der Transit an Verzurrmöglichkeiten nichts zu bieten. Und er braucht die meisten Meter bis zum Stillstand, sackt bei Vollbremsungen etwas instabil in die Knie.
Die entscheidenden Punkte gehen am Ende aber wegen der niedrigen Nutzlast verloren. Der Testwagen (270 L1) trägt nur 645 Kilogramm. Als 310 L1 mit bis zu 1.200 Kilo Nutzlast stünde er hier deutlich besser da. Dafür wäre beim Grundpreis aber ein Tausender mehr fällig geworden, was wiederum im Kostenkapitel ein paar Punkte gekostet hätte. Das nur nebenbei. Dass der Ford den geräumigsten Laderaum und die größten Türausschnitte mitbringt, kann die Nutzlast-Schwäche nicht ausbügeln

Vito: starker Typ mit Ladehemmung

Den Titel Strongest Man fährt der Mercedes Vito ein. 1.135 Kilo Nutzlast sind eine Ansage und bringen ordentlich Punkte im Kapitel Laderaum und Gewichte. Das hat er nötig, weil er sich ansonsten viel selbst verbaut. Stehen die Flügeltüren beispielsweise im 90-Grad-Winkel offen, verdecken sie die Heckleuchten und das Auto wird bei Dunkelheit zum unsichtbaren Hindernis. Arretierungen an den Türen fehlen ganz. Unachtsame Verlader könnten mit dem Ellenbogen oder den Staplergabeln an der Tür hängen bleiben und diese ungewollt auf die Straße oder den Gehweg aufstoßen.

Wegen der schmalen Schiebetür wird die seitliche Beladung einer Eurogitterbox zur Herausforderung, die stark nach hinten gewölbte Trennwand macht es dann fast unmöglich. Die Punkte für den längsten Laderaum ermogelt sich der Mercedes nur durch die am Boden tief in die Fahrerkabine gewölbte Trennwand. Was dennoch praktisch ist für sehr lange, dünne Gegenstände. Beim Ladevolumen ist er das Schlusslicht. Im fensterlosen Vito Kastenwagen spendet nur eine kleine schummrige Deckenlampe Licht. Zurrschienen am Boden und den Seitenwänden bieten dafür genügend Befestigungs-möglichkeiten, was ihm wichtige Punkte in der Sicherheitswertung einbringt.

Auf dem Vito-Kühlergrill prangt zwar ein Mercedes-Stern, dahinter verbirgt sich im 111 CDI aber ein 1,6-Liter-Turbodiesel von Renault. Die deutsch-französische Partnerschaft ist weder der große Wurf noch eine Fehlbesetzung. Der Motor verzeiht schaltfaules untertouriges Fahren und beschleunigt den Vito rund und gleichmäßig. Einen spürbaren Turbopunch packt er nie so richtig aus. Macht nichts. Der Vito ist so komfortabel gefedert, dass man eh lieber gemütlich dahinschlendert. Ob beladen oder leer, über die Landstraße fegt er fast so gediegen wie eine C-Klasse. Eine Start-Stopp-Automatik bietet Mercedes für den Fronttriebler nicht an. Auf unserer Verbrauchsrunde gönnt er sich wie der Transit 7,4  Liter/100  km. Aber sein ­kleiner 57-Liter-Dieseltank zwingt ihn alle 770 Kilometer zum Zwischenstopp an die Tankstelle.

Im Vito fühlt sich der Fahrer fast wie im Pkw. Die Sitzposition ist tief, das Dach tiefgaragentaugliche 1,91 Meter niedrig. Auch dank seiner geschwindigkeitsabhängigen elektromechanischen Servolenkung hat der Mercedes beim Handling die Nase vorn. Trotz des großen Wendekreises.

Als Einziger im Feld hat er einen aktiven Parkassistenten im Programm. Einmal auf die Lenkradtaste gedrückt, kurbelt der Vito von selbst in engste Parktaschen. Und auch mit den kleinen Außenspiegel ohne Weitwinkelsegment (hat nur der Transit) kann man leben, solange der Totwinkelwarner zuverlässig Fahrzeuge im seitlichen Windschatten meldet. Nur die Berganfahrhilfe nervt, weil sie nicht immer zuverlässig greift.

An den Sitzen gibt es außer der knappen Sitzfläche nichts auszusetzen. Bequeme Polster, guter Seitenhalt, ausgeprägte Lordosenstütze, griffiges Lenkrad bringen Punkte in der Komfortwertung. Haltungsschäden gibt es allenfalls für den in der Mitte sitzenden Beifahrer, der wegen der tiefen Schaltkonsole die Beine verknoten muss. Das dicke Lederlenkrad und das ansprechende Instrumentenfeld stechen in dem kargen Cockpit hervor. Das grobpixelige Becker-Navi wirkt veraltet, der Mini-Drehregler für das Infotainment verschwindet in den Pratzen mancher Handwerker

T6: altbewährt und topmodern

Ob die mit dem Touchscreen des großen VW-Navis Discover Media besser zurechtkommen, sei dahingestellt. Im Volkswagen klappt es dafür mit vollumfänglicher Spracheingabe auf anderem Weg. In Sachen Multimedia spielt der Transporter in einer anderen Liga als seine beiden Konkurrenten. Smartphone-Inhalte lassen sich spiegeln, das Navi hilft mit Echtzeitverkehrsinformationen und wenn erwünscht, dient der VW als WiFi-Hotspot. Alles wie im VW Passat. Es sind die vielen gut gelösten Details, mit denen der T6 fleißig Punkte sammelt: barrierefreier Einstieg, robuste Sitzbezüge, durchdachte Ablagen, klar strukturiertes Cockpit und, und, und.

Zum Test tritt VW mit der 114-PS-Variante des 2.0 TDI an, die erst zur IAA
ins Programm aufgenommen wurde. Damit schließt VW die Lücke zwischen den Versionen mit 102 und 150 PS, was viele Kunden seit der Einführung der neuen Euro-6-Motoren forderten. Vito und Transit laufen mit einer Sechsgangschaltung auf, der VW Transporter muss mit fünf Gängen auskommen. Das wirkt sich negativ auf den Verbrauch aus: Schon ab Tempo 70 passt der fünfte Gang, sodass die Drehzahlnadel bei 130 km/h bei hohen 3.000 Touren klebt.

Nicht nur der Verbrauch steigt auf Autobahnetappen merklich an, auch der Lärmpegel. Wobei der VW-Diesel schon im Stand am lautesten nagelt und dröhnt und den Wagen leicht vibrieren lässt. Im gemischten Streckenprofil kommt die Gang-Abstufung besser zurecht: Auf unserer eher zurückhaltend gefahrenen Normrunde begnügt sich der T6 mit 6,7  Litern/100  km, weniger als die beiden anderen Transporter.

Punktabzüge gibt es beim Federungskomfort. Mit seiner fürs Spritsparen tiefergelegten Karosse und den roll­wider­stand­opti­mier­ten 17-Zöllern poltert der VW unbeholfen über Schlaglöcher. Die 500-Kilo-Last drückt sichtlich auf die Hinterachse.

Weder Parkassistent noch Weitwinkelspiegel unterstützen den Fahrer im Stadtverkehr. Schlanke A-Säulen gewähren dafür einen weiten Einblick in Kurven. Im VW ist Gefühl gefragt, Pedale sind schneller durchgedrückt und der Schalthebel flutscht leichtgängig durch die Gassen. Gewöhnungssache eben. Und seine bei langsamem Stadtverkehr noch schön straffe Lenkung wird bei höherem Tempo aber zunehmend gefühlloser und schwammiger. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

Wenn überhaupt ist der VW Transporter in manchen Einzeldisziplinen in Nuancen schlechter als Vito und Transit, streicht in fast allen Kategorien die höchste Punktzahl ein. Erfolg drückt sich zumindest in diesem Fall in Zahlen aus: Mehr als ein Drittel aller neu zugelassenen Midsize-Vans (42 Prozent) gehen auf das Konto des VW T6

  1. VW Transporter
    Sparsamer Motor, bestes Infotainment, standfeste Bremsen: Der T6 stellt seine Konkurrenten in vielen Punkten in den Schatten. Dass er nur mit Fünfgang-Schaltung antritt und am schlechtesten gedämmt ist, wirkt sich daher in der Gesamtwertung kaum negativ aus. Ein verdienter Sieger in diesem Vergleich.
  2. Mercedes Vito
    Wer einen Transporter mit Pkw-Genen sucht, ist beim Vito richtig. Sitzkomfort, Federung und Handling sind top. An wichtigen Stellen wie den Laderaumabmessungen zeigt der Vito große Schwächen. Die höheren Kosten bringen am Ende sogar Platz zwei in Gefahr.
  3. Ford Transit Custom
    Im Grunde macht der Transit nichts falsch: flotter Motor, größter Laderaum, größte Türausschnitte und niedrigste Betriebskosten. Er verliert seine Punkte vor allem, weil er mit minimaler Nutzlast antritt. Ford muss sich deshalb über den dritten Rang ärgern.

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Datum

27. Dezember 2016
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