Adblue für Diesel Riesige Preisunterschiede

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Moderne Diesel brauchen Adblue. Das rechnen die meisten Firmenwagen­fahrer einfach über die Tankkarte ab. Doch die Harnstofflösung kostet im ­Kanister deutlich mehr als an der Säule.

Damit die Abgasnachbehandlung des SCR-Kats richtig funktioniert, muss jeder aktuelle Firmenwagen mit Dieselantrieb Adblue tanken. Der Bedarf nach dem Harnstoff stieg über die Jahre kräftig, mit jeder neuen Abgasnorm. Ein Sprecher des französischen PSA-Konzerns bestätigt: "Von 2013 bis heute haben wir ungefähr eine Zunahme von 50 Prozent beim Adblue-Verbrauch." Das erklärt, warum Besitzer älterer Euro-5- und Euro-6-Autos im Diesel-Skandal nach den Software-Updates von den Herstellern Adblue-Gutscheine erhielten.

Dabei fallen die Tank­volumina unterschiedlich aus, von 11 bis 24 Liter. Denn bei der Konstruktion der Autos zählt jedes Gramm, um Sprit und somit auch CO2 einzusparen. BMW etwa bemisst die Tanks für eine Reichweite von 15.000 km. Firmenwagenfahrer müssen also nur einmal zwischen den Ölservice-Intervallen nachtanken. Doch für viele andere Vielfahrer geht diese Rechnung nicht auf.

Etwa für Renault-Fahrer. Die Franzosen halten eine durchschnittliche Reichweite von lediglich 7.000 km für ausreichend. Prinzipiell werden Diesel-Fahrer ab 2.400 Kilometer Restreichweite das erste Mal gewarnt. Danach folgen je nach Hersteller in ­unterschiedlichen Kaskaden mehr oder minder intensive Warnanzeigen und akustische Signale. Muss Adblue nachgefüllt werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht nur umständlich, sondern auch teuer wird. Zwar gibt es an so gut wie jeder stark frequentierten Tankstelle eine Harnstoff-Zapfsäule, aber nur für Last­wagen. Pkw können sie wegen des höheren Fülldrucks und des größeren Stutzens nicht nutzen.

Erstaunlicherweise sieht kein Autohersteller darin ein Sicherheitsproblem. Die Modelle von BMW haben sogar einen extra dafür eingebauten Ringmagnet, der das Lkw-Zapfventil freischaltet. Auch Audi sieht keine Bedenken. Alle aktuellen neuen TDI könnten auch an Lkw-Zapfsäulen betankt werden.

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Mittlerweile gibt es hier zwar mehrere Hundert Adblue-Zapfsäulen, doch nur rund 500 für Pkw – 60 stellt allein Shell, 121 Total. Dort kostet der Liter 73 Cent. Lkw-Fahrer zahlen weniger, im Schnitt nur zwischen 50 und 60 Cent pro Liter. Ob deshalb das französische Ölunternehmen nicht möchte, dass Pkw an den günstigeren Lkw-Säulen tanken?

Bei Shell liegt der Preis mit 99 Cent pro Liter deutlich höher. Wenigstens bezahlen Pkw- und Lastkraftwagen-Fahrer seit Januar 2020 das Gleiche. Aral und Esso bieten Pkw-Säulen gar nicht erst an. Aral erklärt: "Adblue ist wie Motoröl ein Betriebsstoff, dessen Bedarf in Diesel-Pkw zu niedrig ist, um ihn per Zapfsäule wirtschaftlich anbieten zu können." Zudem gebe es noch andere Erwerbsmöglichkeiten.

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Gemeint sind Gebinde und Flaschen. Außendienstler und andere Geschäftswagenfahrer können die in umweltschädliches Plastik abgefüllte Flüssigkeit zwar über die Tankkarte bezahlen. Doch der Abgaskiller ist im Kleingebinde deutlich teurer, wie unser Schnelltest beweist: Bei der Tankstelle um die Ecke kostet der 10-Liter-Kanister 15 Euro. Ein 5-Liter-Gebinde kommt auf 11,99 Euro, das entspricht 2,40 Euro pro Liter. Alternativ gibt es 1,89-Liter-Flaschen für 10,99 Euro – macht sogar 5,81 Euro pro Liter. Zum Vergleich noch mal: An der Lkw-Zapfsäule beträgt der Preis pro Liter maximal 99 Cent.

Esso begründet die enormen Preisunterschiede wie folgt: "Konfektionierung, Verpackung, Logistik, Lagerung und Handling für Kanister und damit kleinere Mengen sind deutlich aufwendiger und daher kostenintensiver." Außerdem sind Kanister schlecht für die Umwelt. Abgesehen davon gehöre der Verkauf von Adblue zum Eigengeschäft und werde vom Pächter individuell kalkuliert.

Optional bleibt der Baumarkt: Bei Hagebau kostet ein 5-Liter-Kanister mit Schlauch 7,99 Euro, bei Obi in etwa das Gleiche. Hornbach bietet im Onlineshop das 10-Liter-Pendant für 6,77 Euro an – jedoch ohne Adapter und zuzüglich 4,48 Euro Versand. Wer privat einen Diesel besitzt, nimmt den Umweg in Kauf. Fürs Flottenmanagement sind solche Einzelabrechnungen undenkbar.

Warum der ganze Aufwand? Anfangs gingen viele Hersteller davon aus, dass der Harnstoff nur bei den Wartungsterminen in der Werkstatt aufgefüllt werden müsse – ein Trugschluss. Auch deshalb versteckt sich bei zahlreichen älteren Modellen der Einfüllstutzen im Koffer- oder Motorraum. Die Hersteller haben inzwischen reagiert und platzieren ihn nun meist von außen gut zugänglich neben das Diesel-Pendant.

Dennoch gibt es Ausnahmen, auch bei aktuellen Modellen. Beim VW Sharan sitzt der Füllstutzen im Kofferraum. Das erschwert dem Fahrer das Nachfüllen, und er ist damit oftmals überfordert. Unsichere Fahrer überlassen die Arbeit gerne der Werkstatt. Ein gutes Geschäft für Autohäuser. Ein Sprecher von Auto-Teile-Unger erklärt: "Sofern sich das Befüllen aufwendiger gestaltet beziehungsweise mehr Zeitaufwand erforderlich ist, können je nach Aufwand Kosten in Rechnung gestellt werden." Kosten, auf denen Flottenbetreiber sitzen bleiben.

So warnt BMW bei leerem Tank

Bei 2.400 Kilometer Restreichweite meldet sich das System erstmals, das fordert der Gesetzgeber. Bei 1.600 Kilometern folgt eine Warnung, dass der Vorrat zur Neige geht. Ab 400 Kilometern zeigt BMW die Restreichweite permanent an, berechnet anhand des angenommenen Durchschnittsverbrauchs (Modelle bis 03/2020). Seit 04/2020 entfällt die Anzeige der Restreichweiten. Stattdessen melden die BMW den Tankfüllstand in Prozent und die mögliche Nachfüllmenge.