Autonomes Fahren: TÜV testet Level-4-Bus

Autonomes Fahren im Praxistest
TÜV prüft Level-4-Bus in Berlin

Autonome Fahrzeuge sollen den Verkehr sicherer machen. Eine Realfahrt durch Berlin liefert aufschlussreiche Eindrücke – mit starken Momenten, aber auch unerwarteten Grenzen der Technik.

Autonomes Fahrzeug 2026
Foto: Haiko Prengel/SP-X

Autonomes Fahren als Schlüsseltechnologie

Autos, die sich selbständig durch den Straßenverkehr bewegen: Autonomes Fahren gilt als Schlüsseltechnologie für die Mobilität der Zukunft. Auf der ganzen Welt arbeiten namhafte Hersteller, Zulieferer und Start-ups an Fahrzeugen, die diese Fähigkeiten beherrschen. Doch wie zuverlässig und sicher ist die digitale, hochkomplexe Technik derzeit? Das haben Sachverständige der Kfz-Prüforganisationen von TÜV und Dekra jetzt erstmals in Deutschland getestet.

Level-4-Testfahrt durch Berlin

Bei einer Fahrt durch die Berliner Innenstadt erkundeten die Prüfer, wie sich ein autonomes Fahrzeug unter realen Verkehrsbedingungen verhält. Dabei fuhr das Forschungsfahrzeug EDGAR von der Technischen Universität München autonom und unter Level-4-Bedingungen eine vorher festgelegte, etwa 5 Kilometer lange Strecke: vom Bundesverkehrsministerium in Berlin-Mitte zum Zielpunkt im Stadtteil Friedrichshain. Level 4 bedeutet, dass ein Fahrzeug auf bestimmten festgelegten Strecken vollautomatisiert fährt und die komplette Kontrolle übernimmt.

Autonomes Fahrzeug 2026
Haiko Prengel/SP-X

Um autonome Fahrzeuge unabhängig testen zu können, benötigen die Prüfer einen umfassenden Zugang zu sicherheitsrelevanten Fahrzeugdaten.

Prüfer bescheinigen sicheres Fahrverhalten

Das Ergebnis: Bei den Tests habe das Erprobungsfahrzeug den Berliner Verkehrsraum „sicher, regelkonform und zuverlässig“ befahren, so die Prüfer. „EDGAR zeigte durchgängig eine vorausschauende und defensive Fahrweise.“ Bei potenziellen Konfliktsituationen seien Geschwindigkeit und Fahrverhalten angemessen angepasst worden. Fußgänger mit erkennbarer Querungsabsicht seien frühzeitig erkannt und berücksichtigt worden.

TÜV sieht Meilenstein für autonome Mobilität

Der TÜV-Verband sprach von einem „Meilenstein autonomer Mobilität“ in Deutschland. „Die Berliner Realfahrt zeigt, dass autonomes Fahren auch im komplexen Stadtverkehr technisch möglich ist“, sagte Dirk Stenkamp, Präsident des TÜV-Verbands. Die Sicherheit autonomer Mobilität entscheide sich daran, wie zuverlässig ein Fahrzeug seine Umgebung erkenne, Verkehrssituationen interpretiere und auf unterschiedliche Straßen- und Verkehrsbedingungen reagiere. „Genau das können Realfahrten unter realen Bedingungen überprüfen.“

Autonomes Fahrzeug 2026
Haiko Prengel/SP-X

Ohne Wissen um die Umgebung geht es nicht.

Technische Ausfälle im Praxiseinsatz

Bei einer der Testfahrten lief allerdings nicht alles glatt. Zwar ist das Münchner Forschungsfahrzeug EDGAR, ein für 750.000 Euro umgebauter Volkswagen-Bus, mit zahlreichen Kameras, Lidar- und Radarsensoren ausgerüstet. Damit soll es das Verkehrsgeschehen möglichst exakt aufzeichnen und mit entsprechenden Fahrmanövern souverän darauf reagieren können. Doch mehrfach versagte das System. So strandete EDGAR einmal an einer Fahrbahnverengung mit rotweißen Warnbaken und verweigerte ein weiterfahren. Ein anderes Mal konnte er sich nicht zwischen Linksabbieger- und Geradeausspur entscheiden und quittierte ebenfalls seinen Dienst. An einem Zebrastreifen gab das Fahrzeug zudem Gas, obwohl ein Fußgänger diesen querte.

Sicherheitsfahrer muss mehrfach eingreifen

In allen Fällen musste der menschliche Sicherheitsbegleiter hinterm Steuer, der bei den Testfahrten dabei war, eingreifen und EDGAR manuell weiterfahren beziehungsweise bremsen. Dies zeigt, dass die sichere Einführung autonomer Mobilität wohl noch eine zeitlang technisch herausfordernd bleibt.

Forderung nach klaren Regeln für autonome Systeme

Notwendig seien zudem klare regulatorische Rahmenbedingungen für Prüfung, Überwachung und Genehmigung autonomer Systeme, so der TÜV-Verband.

Autonomes Fahrzeug 2026
Haiko Prengel/SP-X

Der Laderaum ist voll mit Technik.

Streit um Fahrzeugdaten für unabhängige Prüfungen

Doch um autonome Fahrzeuge unabhängig testen zu können, benötigen die Prüfer einen umfassenden Zugang zu sicherheitsrelevanten Fahrzeugdaten. Diesen wollen die Fahrzeughersteller nicht immer gewähren – ein Missstand, der Kfz-Sachverständigen schon jetzt bei der Hauptuntersuchung von Pkw mit Fahrassistenzsystemen Probleme bereitet. „Prüfstellen und Behörden müssen diskriminierungsfreien Zugriff auf die Daten autonomer Fahrzeuge erhalten, um Systeme wirksam bewerten, überwachen und im Betrieb kontrollieren zu können“, heißt es. Der TÜV-Verband fordert daher „standardisierte und interoperable Schnittstellen“ sowie verbindliche europäische Regelungen.