Die Elektromobilität ist im deutschen Markt angekommen – zumindest auf den ersten Blick. Zweistellige BEV-Anteile bei Marken wie Audi, BMW oder Volkswagen, dazu erfolgreiche Modelle wie ID.7 und ID.3: Für Flottenverantwortliche wirkt der Wandel greifbar. Doch hinter den Kulissen der Industrie ist die Stimmung deutlich nüchterner. Vor allem bei den Zulieferern, die einen Großteil der technologischen Wertschöpfung tragen, wächst die Skepsis.
E-Mobilität wächst, doch die Zweifel nehmen zu
Eine aktuelle Befragung von Berylls by AlixPartners unter 49 europäischen Automobilzulieferern zeichnet ein ambivalentes Bild: Die Transformation zur E-Mobilität läuft weiter – aber langsamer, volatiler und mit deutlich geringerer Planungssicherheit als noch vor wenigen Jahren. „Die Transformation zur E-Mobilität geht weiter, aber deutlich langsamer und volatiler als erwartet“, ordnet Dr. Jürgen Simon, Partner bei Berylls by AlixPartners, die Ergebnisse ein.

Dr. Jürgen Simon, Partner bei Berylls by AlixPartners, sieht die Transformation zur Elektromobilität als gesetzt – warnt jedoch vor sinkendem Tempo und wachsender Unsicherheit.
Vertrauen in den E-Antrieb bröckelt
Nur noch knapp die Hälfte der befragten Zulieferer sieht in der Elektromobilität einen klaren Wachstumstreiber. Dieser Wert ist in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich gesunken. Ein wachsender Teil der Branche stuft den E-Antrieb inzwischen als neutral oder sogar als riskant ein. „Die europäischen Zulieferer erleben zwar eine anhaltende Verschiebung der Industrie in Richtung E-Mobilität, diese wird jedoch von geringerer Planungssicherheit, verzögerten Plattformanläufen und einem schwächeren Markthochlauf begleitet“, so Simon.
Für Flotten ist das relevant: Wenn Investitionen in neue E-Komponenten vorsichtiger ausfallen, verzögern sich Skaleneffekte, Modellanläufe und Kostensenkungen entlang der Lieferkette – mit direkten Auswirkungen auf Verfügbarkeit, Preise und Total Cost of Ownership.
Verbrenner bleibt wirtschaftliches Rückgrat
Trotz aller Elektrifizierungsziele bleibt die Abhängigkeit vom klassischen Antriebsstrang hoch. Mehr als 70 Prozent der Zulieferer erwirtschaften weiterhin über ein Viertel ihres Umsatzes mit Benzin- und Dieseltechnik. Selbst mit Blick auf 2030 rechnen viele nur mit einer moderaten Reduzierung dieser Abhängigkeit. Der industrielle Umbau erfolgt damit deutlich langsamer als politisch formuliert – und wirtschaftlich notwendig.
Margen unter Druck, Konsolidierung rückt näher
Uneinigkeit herrscht bei den Erwartungen zur Profitabilität. Während einige Zulieferer auf Margenverbesserungen hoffen, sehen andere zusätzlichen Druck. „Rund 23 Prozent der Unternehmen rechnen mit weiter sinkenden Margen“, erklärt Simon. Sinkende Absatzprognosen, hohe Vorinvestitionen und zunehmender Wettbewerb erhöhen den Konsolidierungsdruck spürbar: 92 Prozent der Befragten erwarten innerhalb der nächsten sechs Jahre eine deutliche Marktbereinigung unter den E-Mobilitäts-Zulieferern – mehr als die Hälfte bereits in den kommenden zwei bis drei Jahren.
Strategisch zufrieden – trotz schwieriger Realität
Bemerkenswert bleibt die Diskrepanz zwischen Marktlage und Selbsteinschätzung. Trotz aller Unsicherheiten geben 63 Prozent der Zulieferer an, mit ihrer eigenen E-Mobilitätsstrategie zufrieden oder ziemlich zufrieden zu sein – ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Vorjahr, aber weiterhin eine Mehrheit. „Erneut bleibt eine spürbare Kluft zwischen der schwierigen Realität, mit der die Zulieferer derzeit konfrontiert sind, und der eigenen Einschätzung der strategischen Ausrichtung“, fasst Simon zusammen.
Ein Wandel mit angezogener Handbremse
Unterm Strich zeigt die Studie: Die Richtung ist gesetzt, doch Tempo und Verlässlichkeit fehlen. Für Fuhrpark- und Mobilitätsverantwortliche bedeutet das, weiterhin realistisch zu planen, Antriebsmixe technologieoffen zu bewerten und den industriellen Unterbau der Elektromobilität genau im Blick zu behalten. Die E-Mobilität bleibt der Zielpfad – ihr Hochlauf aber wird länger dauern als vielfach erwartet.







