Gebrauchte E-Autos: Restwerte steigen gegen Trend

Interview mit Arthur D. Little zu Restwerten 2026
Gebrauchte Stromer gehen schneller weg als Diesel

Restwerte dreijähriger E-Autos steigen seit vier Monaten, obwohl sie sonst sinken. Philipp Seidel von Arthur D. Little erklärt, was das für Leasingraten heißt und wo Abo-Funktionen zum Risiko werden.

Philipp Seidel von der Unternehmensberatung Arthur D. Little im blauen Anzug vor einer Glasfassade, Porträt zum Interview über E-Gebrauchtwagen
Foto: Michael Kunz

Normalerweise verlieren gebrauchte E-Autos im Lauf des Jahres an Wert. 2026 läuft es anders: Laut DAT steigen die Restwerte dreijähriger Stromer jetzt schon den vierten Monat in Folge. Und sie gehen schneller weg. Im Schnitt stehen gebrauchte E-Autos nur noch 74 Tage beim Händler, Benziner 84 und Diesel 92 Tage. Im Frühjahr war es noch umgekehrt.

Spritpreise über zwei Euro

Ein Grund liegt auf der Hand: Super E10 kostet trotz Tankrabatt rund 2,14 Euro, Diesel 2,25 Euro. Ob das schon für einen echten Wendepunkt reicht, ist aber offen. Und für Fuhrparks stellt sich gleich die nächste Frage: Kommen die höheren Restwerte auch bei den Leasingraten für E-Dienstwagen an?

Wie weit Deutschland bei der E-Mobilität ist, misst die Unternehmensberatung Arthur D. Little mit ihrem Global Electric Mobility Readiness Index (GEMRIX). 2026 landet Deutschland darin auf Platz 6. Im Interview erklärt Philipp Seidel, Autoexperte bei Arthur D. Little, welche Rolle Leasingrückläufer aus Firmenflotten spielen und was die günstigen Modelle chinesischer Hersteller für die Restwerte bedeuten.

Was Fuhrparks bei Leasingraten erwarten können

Schlagen die steigenden Restwerte schon auf die Leasingraten für E-Dienstwagen durch?

Das lässt sich aus unserer Sicht noch nicht eindeutig und auch nicht flächendeckend belegen. Steigende Restwerte bei E-Autos wirken zwar grundsätzlich entlastend auf die Leasingraten. In der Praxis wird dieser Effekt derzeit aber von mehreren gegenläufigen Faktoren überlagert: höhere Refinanzierungskosten, starke Neuwagenrabatte, Unsicherheit über den technischen Fortschritt und vorsichtige Restwertannahmen der Leasinggeber. Bei Dienstwagen bleibt dagegen der Steuervorteil ein klarer Nachfragefaktor. In unserer GEMRIX-Studie sehen wir Deutschland 2026 als Markt mit einem starken Comeback der E-Autos: Die Modellauswahl wächst, der Anteil an den Neuzulassungen liegt bei rund 30 Prozent, und gerade für Dienstwagen gibt es weiterhin gezielte Anreize. Langfristig könnte sich diese Entwicklung auch auf die Leasingraten auswirken.

Welche Rolle spielen Leasingrückläufer aus Flotten für das Angebot an bezahlbaren gebrauchten E-Autos?

Eine sehr wichtige. Die ersten großen Jahrgänge an Elektroautos aus Firmenwagen- und Leasingflotten kommen jetzt nach zwei- und dreijährigen Verträgen verstärkt auf den Gebrauchtwagenmarkt. Das ist entscheidend, weil viele private Käufer nicht mit einem Neuwagen, sondern mit einem zwei- bis vierjährigen Gebrauchten in die Elektromobilität einsteigen. 2026 sehen wir eine erste größere Welle junger gebrauchter E-Autos aus Leasing- und Flottenverträgen, in den kommenden Jahren werden es noch mehr Rückläufer. Das passt zu den Ergebnissen des GEMRIX: In Europa waren bezahlbare Modelle, gerade im B- und C-Segment und später auf dem Gebrauchtwagenmarkt, bisher einer der größten Engpässe für den Hochlauf.

Abo-Funktionen mit Ablaufdatum als Restwertrisiko

Wie wirken sich günstige E-Modelle chinesischer Hersteller auf die Restwerte der etablierten Marken aus?

Sie wirken tendenziell disziplinierend auf Preise und Restwerte, allerdings nicht für alle Marken gleich. Günstige chinesische Modelle setzen neue Maßstäbe beim Preis-Leistungs-Verhältnis, vor allem bei Reichweite, Ausstattung, Ladeleistung und Software. Das erhöht den Druck auf die Neuwagenpreise und damit indirekt auch auf die Gebrauchtwagenwerte der etablierten Marken. Kunden werden sich aber sehr genau ansehen, in welchem Zustand Fahrzeug und Batterie sind und wie update- und wartungsfreundlich die jungen Gebrauchten sind, bei etablierten wie bei chinesischen Herstellern. Wer seine Software auch nach drei Jahren noch over-the-air aktuell hält, wird Vorteile haben. Nachteile haben dagegen Hersteller, die auf Funktionen mit Ablaufdatum setzen und Kunden zu neuen Abos zwingen, etwa für Fahrassistenzsysteme. Für die Restwertberechnung ist es eine Herausforderung, wenn im Bruttolistenpreis zwar ein Autobahnassistent mitbezahlt wurde, dieser aber nach zwei Jahren abläuft und im jungen Gebrauchten nicht mehr zur Verfügung steht. In Deutschland ist der Marktanteil chinesischer Marken allerdings noch geringer als in anderen Märkten wie Thailand, Brasilien oder Australien. Der Effekt ist hier daher noch nicht wirklich zu erkennen.

Ist die Entwicklung stabil, oder vor allem ein Effekt der hohen Spritpreise?

Beides spielt eine Rolle. Die hohen Kraftstoffpreise haben die Nachfrage 2026 kurzfristig klar verstärkt. Ein Online-Portal meldete im März 2026 bei gebrauchten E-Autos ein Nachfrageplus von 39 Prozent gegenüber dem Vormonat und verwies ausdrücklich auf die stark gestiegenen Spritpreise. Es wäre aber zu kurz gegriffen, die Entwicklung nur damit zu erklären. Strukturell wirken rund 30 Prozent Anteil reiner E-Autos an den Neuzulassungen, mehr Leasingrückläufer, breitere Modellpaletten, eine bessere Ladeinfrastruktur, die Dienstwagenbesteuerung und die wachsende Vertrautheit mit dem E-Auto. Die GEMRIX-Studie kommt zu dem Schluss, dass die E-Auto-Delle in Europa 2024 eher vorübergehend war. Die entscheidenden Faktoren deuten jetzt auf weiter steigende Marktanteile hin, mittel- und langfristig auch in den Flotten.