Elektroautos unter 25.000 Euro gelten als Schlüssel für den Durchbruch der Elektromobilität im Massenmarkt – und rücken damit auch für Fuhrparks, Serviceflotten und Handwerksbetriebe stärker in den Fokus. Doch wie realistisch ist dieses Preisziel tatsächlich, und welche technologischen sowie strukturellen Voraussetzungen müssen Hersteller erfüllen? Darüber spricht Peter Fintl, Vice President Technology & Innovation bei Capgemini. Im Interview ordnet er Kostenhebel, Batterie- und Produktionsstrategien, den Wettbewerbsdruck aus China sowie die Bedeutung junger Käufer ein – und erklärt, warum gerade die Jahre 2026 und 2027 entscheidend werden.
Preisziel unter 25.000 Euro: Wie realistisch ist es, Elektroautos zu diesem Preis anzubieten – und wann könnten solche Modelle in Serie gehen?
Die 25.000 Euro-Marke ist nicht nur realistisch, sie ist die neue psychologische Grenze für den Massenmarkt. Wir sehen bereits erste Vorboten, speziell aus Frankreich, die zeigen, dass es machbar ist. Der Schlüssel liegt nicht nur in einer „de-contenting-Strategie“, das heißt in einer intelligenten Vereinfachung der Fahrzeuge, sondern vor allen Dingen im Einsatz kostengünstiger und zuverlässiger Batteriezellen, wie Lithium-Eisenphosphat LFP oder perspektivisch Natrium-Ionen-Technologie. Hersteller stehen vor dem Balanceakt, Fahrzeuge radikal auf das Wesentliche zu reduzieren, ohne zu viel Alltagsnutzen und digitale Fähigkeiten zu opfern. 2026 und 2027 werden die entscheidenden Jahre für den Hochlauf. Wer es in dieser Zeit nicht schafft, ein konkurrenzfähiges Modell auf die Straße zu bringen, überlässt das Feld kampflos den neuen Playern. Ein ganz wichtiger Faktor dabei ist: Sind E-Fahrzeuge über die Laufzeit deutlich günstiger als Verbrenner? Hohe Energiekosten sind nicht nur ein Kostentreiber bei der Produktion, sondern machen auch den Anwendern die Rechnung nicht ganz einfach. Hier muss die europäische Politik zeitnah ansetzen, um die günstigen Erzeugungskosten etwa von Solarstrom auch zum Verbraucher zu bringen.
Konkurrenz aus China: Welche Hebel müssen europäische Hersteller ansetzen, um chinesische Marken im günstigen E-Segment einzuholen?
Protektionismus allein wird nicht reichen, europäische OEMs müssen an verschiedenen technologischen und strukturellen Hebeln ansetzen: Zunächst einmal im Bereich der Entwicklungsgeschwindigkeit. Chinesische Hersteller sind in dieser Beziehung heute der Goldstandard. Eine Fahrzeugentwicklung in deutlich unter 24 Monaten muss auch in Europa das Ziel sein. Entwicklungsmethodik und Entwicklungsorganisation müssen aufholen. Darüber hinaus muss an der vertikalen Integration und Lieferkette gearbeitet werden. China kontrolliert nahezu die gesamte Wertschöpfungskette der Batterie. Europa muss durch strategische Partnerschaften die Abhängigkeiten reduzieren und Kosten senken. Ferner muss effektiver am Thema Software-defined-Vehicle gearbeitet werden. Im günstigen Segment entscheiden nicht nur Spaltmaß und Nutzwert, sondern zunehmend auch das digitale Erlebnis – vom Infotainment über die Konnektivität. Leistungsfähige Fahrzeugarchitekturen sind der Schlüssel, um diese Funktionen kostengünstig umzusetzen und durch vereinfachten Fahrzeugaufbau Kosten weiter zu senken. Zur Wahrheit gehört leider auch, dass die europäische Industrie mit hohen Standortkosten kämpft. Ein Aufgabenfeld, welches von Politik und Industrie noch zu bestellen ist. Hohe Lohnkosten werden durch steigende Automatisierung, man darf an humanoide Roboter denken, kompensiert werden müssen.
Service- und Handwerkerflotten: Könnten günstige Elektrofahrzeuge auch für Serviceflotten und Handwerksbetriebe zum Gamechanger werden – und was müssten Hersteller bieten, damit sich der Umstieg lohnt?
Absolut, hier liegt ein unterschätztes Volumenpotential. Für Flotten zählt am Ende die Total-Cost-of-Ownership (TCO). Hier schlägt der E-Antrieb den Verbrenner durch geringere Wartungs- und Energiekosten bereits heute oft. Damit diese Fahrzeuge zu echten Gamechangern werden, müssen sie als "mobile Werkzeuge" gedacht werden. Dazu gehört nicht nur eine vernünftige Vehicle-to-Load-Funktion, in dem das Fahrzeug als riesige Powerbank dienen kann. Modularität ist für Handwerker entscheidend, standardisierte Schnittstellen für Regalsysteme ab Werk können den Unterschied machen. Zu guter Letzt zählen Ladeinfrastruktur und Kosten. Lösungen für das günstige Laden im Büro oder beim Mitarbeiter zuhause – Stichwort Abrechnungssicherheit – sind wichtiger als reine Reichweite.
Junge Käufer: Wie entscheidend ist die Generation junger Autokäufer für den künftigen Markenerfolg – und wie lässt sie sich für europäische Marken gewinnen?
Die Generation Z und junge Millenials sind der Indikator für die Zukunftsfähigkeit einer Marke. Sie kaufen seltener ein Auto aus Leidenschaft, sie kaufen zunehmend ein digitales Ökosystem. Als Chance ist zu begreifen, dass diese Zielgruppe oft Nachhaltigkeit als Basiserwartung mitbringt. Eine Chance für die europäischen Hersteller. Zudem müssen wir über Besitzmodelle nachdenken – Abomodelle und flexibles Usership anstatt klassischem Ownership können die Einstiegshürden für junge Kunden dramatisch senken. Noch haben europäische Anbieter den Vorteil, den Markt schlicht besser verstehen zu können. Damit hat man auch die Chance, schneller beim Kunden zu sein.
Produktionsstrategien: Reichen Plattform- und Batterieprojekte, um Kosten zu senken, oder braucht es neue Ansätze bei Entwicklung und Lieferketten?
Plattformstrategien sind "table-stakes" – also der Mindesteinsatz, um überhaupt mitzuspielen. Um die nächste Stufe der Kosteneffizienz zu erreichen, muss man auch an die Fertigung rangehen. Giga-Casting, als das Reduzieren von hunderten Einzelteilen auf wenige Gussbauteile, reduziert Montagezeit und Investitionskosten massiv. KI in der Produktion zur Optimierung der Supply-Chain und zur Fehlererkennung in Echtzeit. Chip- und Elektronikstrategie helfen, Komplexität und Kosten über alle Fahrzeugklassen hinweg zu senken.










