Neuwagen verlieren ihren Sicherheitsbonus
Neuwagen galten im Fuhrpark lange als kalkulierbare Größe: volle Gewährleistung, planbare Kosten, geringe Risiken. Dieses Sicherheitsversprechen verliert jedoch an Substanz. Rückrufe sind heute keine Ausnahme mehr – und treffen zunehmend auf vertraglich verkürzte Gewährleistungsfristen für gewerbliche Kunden. Für Flottenverantwortliche entsteht daraus ein strukturelles Risiko, das sich direkt auf Verfügbarkeit, Total Cost of Ownership (TCO) und Haftung auswirkt.
Technische Komplexität treibt Rückrufrisiken
Die Ursache liegt nicht zuletzt in der steigenden technischen Komplexität moderner Fahrzeuge. Vernetzte Assistenzsysteme, neue Antriebstechnologien und softwarebasierte Funktionen erhöhen das Fehlerpotenzial erheblich. Für Flotten bedeutet das: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Dienstwagen von einem Rückruf betroffen ist, war noch nie so hoch. Positiv ist, dass Mängel heute schneller erkannt und behoben werden – die Sicherheit auf den Straßen steigt. Gleichzeitig verschärfen Rückrufe jedoch die Diskussion um Standzeiten, Fahrzeugverfügbarkeit und Verantwortlichkeiten erheblich.
Verkürzte Gewährleistung verschiebt Risiken
„Rückrufe sind heute Alltag – kurze Gewährleistungsfristen einzelner Händler passen aus Sicht vieler Unternehmen nicht und verschieben das Risiko auf die gewerblichen Kunden“, warnt Axel Schäfer, Geschäftsführer des Bundesverband Betriebliche Mobilität e. V.. Wer Verkaufsbedingungen und AGB nicht sorgfältig prüft, riskiert, dass technische Risiken deutlich früher als erwartet im eigenen Budget landen.
Rückruf-Kommunikation als Warnsignal
Besonders kritisch bewertet Schäfer die Wortwahl in einzelnen Rückrufschreiben. Am Beispiel des Rückrufs zu EQA- und EQB-Modellen von Mercedes mit erheblichen Batterieproblemen werde von einer „Mitigierung“ per Softwareupdate gesprochen. Das könne darauf hindeuten, dass gravierende Mängel sprachlich relativiert würden. Denn mitigieren bedeutet, Folgen zu begrenzen – nicht, Probleme zu beseitigen. Für Fuhrparks ist das ein Warnsignal: Bleiben Mängel technisch bestehen, drohen langfristige Einschränkungen bei Verfügbarkeit und Restwerten.
Nur ein Jahr Gewährleistung kann teuer werden
Hinzu kommt ein weiterer Risikofaktor: die verkürzte Gewährleistung für Geschäftskunden. Während einige Hersteller bei zwei Jahren bleiben oder diese durch mehrjährige Garantien ergänzen, reduzieren andere die Frist vertraglich auf ein Jahr. Trifft ein später auftretender Serienfehler auf eine solche Regelung, bleiben Unternehmen unter Umständen auf Reparaturkosten und Ausfallzeiten sitzen – selbst bei klar konstruktions- oder produktionsbedingten Mängeln.
Was Fuhrparks jetzt prüfen müssen
- Wer heute Fahrzeuge für den Unternehmensfuhrpark beschafft, darf sich daher nicht auf Prospekte, Rabatte oder Leasingraten beschränken. Entscheidend ist eine gründliche Prüfung vor Vertragsabschluss:
- AGBs prüfen und Hersteller vergleichen: Wer bietet echte zwei Jahre oder mehr Gewährleistung für gewerbliche Kunden – und wer nutzt rechtliche Spielräume zur Verkürzung?
- Rückrufhistorie auswerten: Hohe Rückrufzahlen in Kombination mit kurzer Gewährleistung sind eine toxische Mischung für Verfügbarkeit und TCO.
- Gewährleistung aktiv verhandeln: Bei Großabnahmen und Rahmenverträgen kann eine schriftliche Verlängerung der Frist im Schadensfall erhebliche Kosten vermeiden.
- Interne Prozesse verankern: Rückrufinformationen zeitnah erfassen, Fahrzeuge schnell in die Werkstatt bringen und Mobilitätsersatz konsequent einfordern.
Planbare Mobilität braucht klare Regeln
Auch der ADAC fordert klar verständliche Rückrufinformationen, damit Fahrzeughalter wissen, welcher Mangel vorliegt, welche Maßnahmen erfolgen und wie lange Fahrzeuge ausfallen. Für Flotten ist das kein Komfortthema, sondern eine Voraussetzung für planbare Mobilität.
Fazit: Risiken aktiv managen
Fazit aus Fuhrparksicht: Der Neuwagen ist kein Selbstläufer mehr. Wer Rückrufpraxis und Gewährleistung nicht aktiv managt, verlagert technische Risiken zunehmend ins eigene Unternehmen – mit spürbaren Folgen für Kosten, Organisation und Haftung.







