Zeekr-Designer: Europa verliert Anschluss

Zeekr-Designchef über China und Europa
Sielaff: Europa verliert beim Autodesign

Stefan Sielaff, Chefdesigner bei Zeekr, spricht über Unterschiede zwischen China und Europa – und warum europäische Hersteller bei Technologie und Design zunehmend unter Druck geraten.

Zeekr-Chefdesigner Stefan Sielaff im Interview mit firmenauto-Chefredakteur Carsten Nallinger
Foto: Zeekr

Stefan Sielaff, Designchef bei Zeekr, spricht mit firmenauto-Redakteur Carsten Nallinger über Unterschiede zwischen China und Europa – und warum europäische Hersteller bei Technologie und Design unter Druck geraten. Im Rahmen der Deutschlandpremiere des Zeekr 7GT am Geely-Standort in Raunheim wurde deutlich, mit welchem Anspruch die Marke in Europa antritt: technologisch ambitioniert, designseitig selbstbewusst und mit klarer Premium-Ausrichtung. Der elektrische Shooting Brake soll insbesondere im Dienstwagensegment neue Akzente setzen – und steht exemplarisch für den Wandel, den chinesische Hersteller derzeit durchlaufen.

Sie waren lange Jahre im VW-Konzern tätig. Gibt es Unterschiede in der Herangehensweise an ein neues Design in Europa bzw. Deutschland und in China?

Die deutschen Hersteller hatten über viele Jahre hinweg einen starken Lauf in China. Ihr Design wurde dort nicht nur akzeptiert, sondern regelrecht geliebt. Inzwischen ist jedoch die Technologie in China teilweise fortschrittlicher. Die dortigen Kunden legen großen Wert auf technologischen Vorsprung. Gleichzeitig spielen Wertigkeit und ein eigenständiges, einzigartiges Design eine wichtige Rolle – nur in dieser Kombination kommt ein Fahrzeug gut an.

Bedeutet das unter Umständen verschiedene Formensprachen?

Wir arbeiten an einem globalen Designansatz. Ich bewege mich dabei im größeren Umfeld von Geely. Auch Lynk & Co. sitzt unter einem Dach in Göteborg, positioniert sich aber wiederum anders. Unsere Marke befindet sich aktuell in einer starken Transformation. Zeekr orientiert sich in China stark in Richtung Luxus. Diese Entwicklung kommt nun auch zunehmend im deutschen bzw. europäischen Markt an.

Woran lassen sich die unterschiedlichen Geschmäcker festmachen?

Man kann nie alle Geschmäcker zu 100 Prozent treffen. In China sind die Kunden jedoch deutlich jünger, was zu einer anderen Erwartungshaltung führt. Entsprechend sind Designs dort oft jugendlicher und sportlicher ausgelegt – und genau das muss sich auch im Produkt widerspiegeln.

Bezieht sich das eher auf die äußere Formensprache oder auch auf das Interieur?

Ein gutes Design hängt immer davon ab, wie die Qualität beim Kunden ankommt – insbesondere auch im Hinblick auf die Bedienbarkeit. Der Trend geht zu einem reduzierten Design, was in China durchaus ein Risiko darstellen kann. Allerdings findet dort aktuell ebenfalls ein Wandel statt. Insgesamt wird das Design funktionaler, cleaner und wirkt dadurch frisch und jugendlich.

Form follows function: Ist das auch der Grund, warum in den Fahrzeugen von Zeekr noch verhältnismäßig viele haptische Tasten vorhanden sind?

Das ist gewissermaßen eine deutsche Leitmaxime. Während meines Designstudiums in München war die Bauhaus-Tradition prägend – also ein sehr klares, reduziertes Design. Dieser Einfluss begleitet mich bis heute. Die Ästhetik liegt dabei auch in der Bedienbarkeit.

Das heißt auch in der Software?

Ja, wir entwickeln auch das gesamte HMI (Human Machine Interface) selbst und versuchen, es möglichst verständlich zu gestalten. Mit Blick auf die Zukunft zeigt sich: Die Qualitätsanforderungen gehen auseinander. Chinesische Kunden kaufen nur Fahrzeuge, die auf dem neuesten digitalen Stand sind. Daraus erklärt sich auch der Abstand zwischen europäischen und chinesischen Fahrzeugen – und warum europäische Hersteller zunehmend in Richtung China schauen. Unser Anspruch ist es, Top-Qualität zu liefern und bewusst etwas mehr zu bieten als notwendig, um auch für die Zukunft gut aufgestellt zu sein.

Ist der Zeekr 7GT als Kombi ein eher europäisch geprägtes Fahrzeug?

Der Kombi hatte früher eine Hochphase und war meist eine Ableitung der Limousine. In den besten Zeiten lag der Anteil bei bis zu 80 Prozent. Heute bieten SUVs jedoch mehr Platz und eine bessere Übersicht durch die höhere Sitzposition. Dennoch bleibt der Kombi insbesondere in urbanen Räumen relevant – auch für kleinere Familien.

Die chinesischen Chefs gelten als sehr entscheidungsfreudig. Ist das der sogenannte „China-Speed“?

Ja, genau das macht den „China-Speed“ aus. Entscheidungen werden sehr schnell getroffen – und anschließend ebenso schnell umgesetzt.

Eine häufige Kritik an chinesischem Autodesign lautet, dass es an Wiedererkennungswert fehlt. Zeekr scheint mit Elementen wie der schwarzen Leiste in der Front eine eigene Formensprache zu entwickeln. Bleibt es dabei beim 7X und 7GT?

Wir haben begonnen, sogenannte Familiencluster zu bilden. Die 7er-Serie ist als solche klar erkennbar, und auch die 9x- und 8x-Modelle werden eine eigene Identität haben – etwa durch einen Kühlergrill. Dabei werden wir die Modelle nicht in ein einheitliches Design pressen. Dennoch wird immer erkennbar sein, dass es sich um ein Fahrzeug von Zeekr handelt.

Zur Person

Stefan Sielaff ist Vice President Global Design bei Zeekr und verantwortet die weltweite Designstrategie der Marke innerhalb des Geely-Konzerns. Der gebürtige Münchner studierte Fahrzeugdesign am Royal College of Art in London sowie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München. Seine Karriere begann Sielaff im Volkswagen-Konzern, wo er verschiedene Designpositionen bei Audi innehatte. Später wechselte er zu Mercedes-Benz, bevor er als Designchef zu Bentley ging und dort maßgeblich die Formensprache der Marke prägte. Vor seinem Wechsel zu Zeekr war Sielaff unter anderem für die Designsprache von Luxus- und Premiumfahrzeugen verantwortlich. Heute bringt er seine europäische Design-DNA in die Entwicklung einer global ausgerichteten Elektroautomarke ein – mit dem Ziel, chinesische Technologie mit europäischem Designanspruch zu verbinden.