Gegenläufig öffnende Portaltüren, drehbare Sitze: Bei der Präsentation des neuen GV90 in San Francisco konzentrierte sich Genesis auf jene Details, die den 5,29 Meter langen Luxus-SUV aus der Masse heben sollen. Die Technik darunter spielte nur eine Nebenrolle. Dabei könnte gerade die neue eMP-Plattform, die mit dem GV90 ebenfalls Premiere feierte, für die Zukunft der Marke entscheidend sein.
Zwei Wege führen bei Genesis zum Elektroauto
Bislang verfolgt Genesis bei seinen Elektroautos zwei Wege: Das Einstiegsmodell der Marke, der GV60, basiert wie Hyundai Ioniq 5 und Kia EV6 auf der konzernweiten Elektroarchitektur E-GMP. Modelle wie der Electrified G80 entstanden dagegen durch die Umrüstung eines ursprünglich für Verbrennungsmotoren entwickelten Unterbaus. Eine solche Konversion spart Entwicklungsaufwand, bringt aber Nachteile mit sich. Batterie, Elektromotoren und Leistungselektronik müssen in eine Struktur integriert werden, die dafür im Ursprung nicht vorgesehen war, was häufig zulasten von Platzangebot und Reichweite geht.
Warum eMP mehr Spielraum verspricht
Die eMP-Architektur dürfte solche Kompromisse vermeiden. Sie nutzt ein besonders steifes und zugleich leichtes Aluminiumchassis. Dieses kann lange Radstände und große Akkupakete aufnehmen, ohne den Fahrgastraum einzuschränken. Beim GV90 sorgen 3,25 Meter Radstand für entsprechend üppige Platzverhältnisse. Grundsätzlich dürfte sich die Plattform jedoch an unterschiedliche Fahrzeuggrößen und Karosserieformen anpassen lassen.

Topversion ist der GV90 Neolun, der mit gegenläufig angeschlagenen Türen und fehlender B-Säule auf fast 3,5 Tonnen kommt.
123,5 kWh und bis zu 350 kW Ladeleistung
Neu ist auch die Batterie. Beim GV90 bietet sie einen nutzbaren Energiegehalt von 123,5 kWh, was Reichweiten jenseits der 500 Kilometer ermöglichen soll. Dank einer Systemspannung von 703 Volt lässt sich der Akku unter idealen Bedingungen mit bis zu 350 kW und somit in 22 Minuten von 10 auf 80 Prozent laden. Barrieren zwischen den einzelnen Zellen sollen verhindern, dass sich eine Überhitzung innerhalb des Akkus ausbreitet. Das Batteriemanagement überwacht zudem den Speicher permanent. Mögliche Probleme soll die vorausschauende Diagnose frühzeitig erkennen.
Der GV90 zeigt auch die Grenzen des Luxus
Welche weiteren Baureihen eMP nutzen werden, hat Genesis bislang nicht verraten. Mit der Einführung der neuen Architektur dürften die Koreaner jedoch eine Top-down-Strategie verfolgen. Der GV90 demonstriert zunächst, was mit eMP hinsichtlich Technik und Luxus maximal geht. Zugleich zeigt das Flaggschiff damit auch, wohin der Protz bei Abmessungen und Gewicht führt. Bereits der leichteste Siebensitzer bringt über 3 Tonnen auf die Waage. Der viersitzige GV90 Neolun mit Portaltüren kommt sogar auf fast 3,5 Tonnen. Beim zulässigen Gesamtgewicht dürften beide Versionen die 3,5 Tonnen überschreiten.
Wenn 3,5 Tonnen zum Führerschein-Problem werden
Damit entsteht in Europa ein bei Pkw bislang kaum relevantes Problem: Ein gewöhnlicher Führerschein der Klasse B berechtigt grundsätzlich nur zum Fahren von Kraftfahrzeugen mit höchstens 3,5 Tonnen zulässiger Gesamtmasse. Die deutsche 4,25-Tonnen-Ausnahme für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben gilt nicht pauschal für schwere Elektro-Pkw. Genesis muss das Thema für die europäische Zulassung daher etwa durch eine Ablastung oder eine angepasste Homologation lösen. Andernfalls wäre für den GV90 eine höhere Fahrerlaubnisklasse erforderlich.
Auch deshalb scheint es plausibel, dass künftige eMP-Modelle kleiner und leichter ausfallen. Denkbar wären elektrische Nachfolger der SUV GV70 und GV80 sowie der Limousinen G80 und G90. Ob die Architektur auch kompaktere Genesis-Modelle tragen wird, wurde bislang jedoch nicht offiziell bestätigt. Technisch ließen sich Gewicht und Abmessungen mit kürzeren Radständen, einer kleineren Batterie und weniger Komforttechnik deutlich reduzieren.







