GWM mit Europa-Strategie: Ora 05 und neue Modelle

GWM in Europa auf Wachstumskurs
Ora 05 und weitere Modelle für Europa geplant

Nach holprigem Start setzt Great Wall Motor auf Vielfalt, lokale Anpassung und langfristigen Aufbau. Modelle, Technik und Vertrieb werden gezielt auf Europas Märkte abgestimmt.

GWM Mu Feng 2026
Foto: SP-X/Daniel Killy

Den Geschmack der Regionen treffen und vor Ort auf den Markt reagieren können. Das ist die Strategie von Great Wall Motor (GWM). Die Chinesen wollen gerade in Europa mit der Diversität des Kontinents punkten – und das mit allen Powertrains. Allerdings, so Mu Cheng auf einer Veranstaltung im Hauptquartier von GWM, soll das Schritt für Schritt vonstattengehen und nicht holterdiepolter Der zweite Anlauf soll nun gelingen. Denn GWMs erster Start in Europa war in Corona-Zeiten nicht so erfolgreich, wie sich das Patriarch und Eigentümer Wei Jianjun vorgestellt hatte.

Ora 05 soll im Golf-Segment angreifen

Überzeugen will man mit Qualität und attraktiver Preisgestaltung. So soll etwa der neue Ora 05, der zur Jahresmitte in Deutschland an den Start geht, mit einem Startpreis von rund 27.000 Euro (22.689 Euro netto) für Unruhe im Golf-Segment sorgen. In Deutschland wird dabei Wert auf eine reine Stromvariante gelegt. Das 150 kW/204-PS-starke E-Modell startet mit einer 58-kWh-großen Batterie, die rund 430 Kilometer Reichweite ermöglichen soll. Hinzu kommt eine Hybridvariante mit 164 kW/223 PS sowie ein reiner Benziner mit 118 kW/160 PS.

GWM-Werk Xushui 2026
SP-X/Daniel Killy

Produktion im GWM-Werk Xushui: Der Konzern will künftig auch in Europa seine Fahrzeuge herstellen.

Zur Fahrpremiere in Baoding startete der 4,47 Meter lange Ora 05 als Klein-SUV; in Deutschland soll er jedoch auch noch als Kombi und in einer etwas tiefergelegten Variante mit Steilheck geben. Perspektivisch sollen GWM-Modelle für Europa auch in Europa hergestellt werden. CEO Mu Cheng umschrieb das Konzept des Konzerns so: "GWM sucht derzeit nach einem Standort für den Bau eines Werks in Europa, wobei der Fokus auf Südosteuropa liegt. Das Projekt wird derzeit aktiv vorbereitet und vorangetrieben. Der endgültige Standort des Werks steht noch nicht fest."

Europa als Prüfstein für HersGWMteller

Europa gilt in der Branche als Prüfstein: Heterogene Kundenbedürfnisse, komplexe Regulierung und ein intensiver Wettbewerb zwingen neue Anbieter zu einer klaren Strategie. GWM zieht daraus eine nüchterne Schlussfolgerung: Der Markteintritt ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Entsprechend vorsichtig und strukturiert geht der Konzern vor.

Seit 2022 ist GWM in neun europäischen Märkten aktiv, überwiegend über Importeursstrukturen. Diese erste Phase habe wichtige Erkenntnisse geliefert, heißt es im Unternehmen. Drei Faktoren seien entscheidend: eine klare Markenführung, ein tiefes Verständnis für die Vielfalt europäischer Kunden sowie ein breites, differenziertes Produktportfolio. Europa sei eben kein homogener Markt, sondern ein Flickenteppich aus unterschiedlichen Erwartungen, Nutzungsgewohnheiten und Preisniveaus.

Auf dieser Grundlage hat GWM seine Strategie neu justiert. Vier Säulen sollen das Wachstum tragen: eine sogenannte Mainstream+-Produktstrategie, eine vereinheitlichte Markenarchitektur unter dem Dach "OneGWM", ein stark kundenorientiertes Geschäftsmodell sowie der Aufbau eines lokalen europäischen Ökosystems.

Alle Antriebe für maximale Flexibilität

Im Zentrum steht dabei die Produktpolitik. Mit "Mainstream+" kombiniert GWM Volumenmodelle mit gezielter Spezialisierung. Klassische Segmente wie Kompaktwagen und SUVs sollen für Stückzahlen sorgen und ein tragfähiges Händlernetz ermöglichen. Ergänzt wird dies durch stärker differenzierte Angebote – etwa Geländewagen, Pick-ups oder höher positionierte Modelle. Gerade in diesen Nischen sieht GWM Chancen: geringerer Wettbewerb, emotionalere Kaufentscheidungen und spezifischere Kundenanforderungen.

Parallel setzt der Konzern auf technologische Breite. Vom klassischen Verbrenner über Hybrid- und Plug-in-Hybrid-Antriebe bis hin zu reinen Elektrofahrzeugen deckt GWM alle relevanten Antriebskonzepte ab. Auch bei den Antriebssystemen reicht das Spektrum von Frontantrieb bis zu komplexen Allradsystemen. Diese Vielfalt soll den unterschiedlichen infrastrukturellen und regulatorischen Bedingungen in Europa Rechnung tragen.

Neue Plattform für alle Fahrzeugtypen

Gewährleisten soll das die neue Universalplattform "GWMOne". Sie ist so konzipiert, dass sie Fahrzeuge verschiedener Größenklassen und bis zu fünf unterschiedliche Antriebsarten unterstützt: Verbrennungsmotoren, reine Elektroantriebe, Hybridantriebe, Plug-in-Hybridantriebe und Wasserstoff-Brennstoffzellen. Bei den Plug-in-Hybridmodellen wird GWM sein 800-Volt-Super-Hi4-Hybrid-Allradantriebssystem einsetzen. Damit sollen reine Elektroreichweiten von bis zu 200 km erreicht werden.

GWM Mu Feng 2026Tank-Familie 2026
SP-X/Benjamin Bessinger

Tank-Familie: Blick auf die Tank-Modelle 300, 400 und 500.

Sechs neue GWM-Modelle bis 2026 geplant

Ausbau und Erweiterung der Modellpalette sind bereits konkret: Allein 2026 sollen sechs neue Fahrzeuge eingeführt werden. Darunter sind das Kompakt-SUV GWM Haval Julian Max, der Offroader GWM Haval H7 sowie die Geländewagen Tank 300 – gleichsam der "China-Bronco", 400 und 500. Nicht dementieren möchte man bei Great Wall, dass eventuell auch deren großer Bruder, G-Klassen-Konkurrent Tank 700 nach Europa und damit nach Deutschland kommt. Auch beim Wey 07, einem Luxus-SUV, halte man sich die Option Europa offen, so hört man am Firmensitz in Baoding.

Tank soll, wie Wey, künftig als Edelmarke des Konzerns firmieren. Alle anderen Namen möchte man künftig unter der Dachmarke "OneGWM" versammeln. Innerhalb von zwei Jahren will GWM auf mehr als zehn Modelle kommen. Ziel ist es, sich als Marke der Wahl zu positionieren – mit möglichst großer Auswahl für unterschiedliche Bedürfnisse.

Vertrauen will GWM nicht zuletzt über Qualitätssignale aufbauen. Dazu gehört eine Garantie von sieben Jahren oder 150.000 Kilometern für alle neuen Modelle. Der Slogan "Go With More" steht dabei programmatisch für ein Angebot, das mehr Technologie, mehr Auswahl und mehr Gegenwert liefern soll.

Vertrieb setzt auf stabile Händlernetze

Auch im Vertrieb setzt GWM auf langfristige Stabilität. Ein dichtes Netz aus unabhängigen Händlern, kombiniert mit klar gesteuerten Vertriebskanälen, soll eine nachhaltige Entwicklung sichern. Flotten- und Mietwagengeschäft werden bewusst dosiert eingesetzt, um Restwerte zu stabilisieren.

Tank 700 2026
SP-X/Daniel Killy

G-Klassen-Gegner? Auch der Luxus-Offroader Tank 700 soll wohl nach Deutschland kommen.

Ein entscheidender Faktor ist zudem der After-Sales-Bereich. GWM hat dafür ein dreistufiges Ersatzteillogistiksystem aufgebaut: Ein zentrales Lager in den Niederlanden sowie regionale Depots in Italien und Spanien sollen eine schnelle Versorgung gewährleisten. Für den Großteil der Teile verspricht das Unternehmen Lieferzeiten von 24 bis 48 Stunden – ein wichtiger Aspekt für die Kundenzufriedenheit.

Darüber hinaus investiert GWM in eine stärkere lokale Verankerung. Das Entwicklungszentrum in München spielt dabei eine zentrale Rolle – etwa bei Tests, Homologation und Designanpassungen für den europäischen Markt. Ergänzt wird dies durch Partnerschaften mit Finanz-, Logistik- und Leasingunternehmen.

Langfristiges Ziel: Top 10 in Europa

Langfristig verfolgt GWM ein ambitioniertes Ziel: Der Konzern will sich unter den zehn größten Volumenmarken Europas etablieren. Dafür setzt man auf einen schrittweisen Aufbau, kontinuierliches Lernen und eine enge Verzahnung mit lokalen Strukturen. Ob die Strategie aufgeht, wird sich nicht kurzfristig zeigen. Doch eines macht der Autobauer deutlich: Der Erfolg in Europa soll nicht erkauft, sondern erarbeitet werden. Schritt für Schritt – wie beim Marathon.