Xpeng G9 RWD Long Range im Test: Lade-König

Xpeng G9 RWD Long Range im Test
Warum der G9 Langstrecke neu denkt

Der Xpeng G9 RWD Long Range zeigt im Alltag, wie schnell China gelernt hat: viel Platz, starker Komfort, Top-Sound und eine Ladeleistung, die Langstrecken verändert. Nur ein Premium-Detail fehlt im Alltag.

Der Xpeng G9 RWD Long Range im firmenauto-Praxistest
Foto: Oliver Trost

Es gibt Elektroautos, die mit Zahlen beeindrucken wollen. Und es gibt den Xpeng G9 Long Range mit Heckantrieb. Der versucht gar nicht erst, der brutalste Ampelsprinter zu sein. Stattdessen konzentriert er sich auf etwas, das im Alltag deutlich wichtiger ist: entspanntes Reisen. Nach zwei Wochen mit dem großen Elektro-SUV bleibt vor allem ein Eindruck hängen: Der G9 RWD ist kein klassischer China-Newcomer mehr. Er fährt nicht wie ein günstiger Herausforderer, sondern wie ein erstaunlich ausgereiftes Oberklasse-SUV – mit viel Platz, enormem Komfort und einer Ladeperformance, die selbst etablierte Premiumhersteller nervös machen dürfte.

Viel Platz, viel Komfort, erstaunlich hochwertig

Schon beim ersten Einsteigen fällt auf, wie erwachsen der Xpeng G9 wirkt. Vorne sitzt man fast schon loungig, hinten reisen selbst große Erwachsene entspannt. Der Innenraum wirkt hochwertig verarbeitet, die Materialien fühlen sich angenehm an und die Ausstattung ist beinahe absurd umfangreich. Das große Panoramadach, die Ambientebeleuchtung und die extrem bequemen Sitze erzeugen ein Ambiente, das eher an Audi, BMW oder Mercedes erinnert als an einen Newcomer aus China. Auch akustisch liefert der G9 ab. Das optionale Dynaudio-Soundsystem gehört zu den besten Anlagen, die aktuell in einem Elektro-SUV zu finden sind. Musik klingt druckvoll, klar und räumlich – besonders auf langen Autobahnetappen macht das richtig Spaß.

Der eigentliche Star ist die Ladeleistung

Doch der wahre Grund, warum der G9 aktuell so viel Aufmerksamkeit bekommt, sitzt unter dem Blech: die 800-Volt-Architektur. Schon das Vormodell erreichte bis zu 293 kW Ladeleistung und schaffte den Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent in 22 Minuten. Beim aktuellen Long-Range-Modell mit Heckantrieb wirkt das System nochmals optimierter. In neueren Tests wurden an HPC-Ladesäulen zum Teil mehr als 300 kW Peak-Leistung erreicht. Bei uns waren es immerhin nahezu 250 kW Peak – und ein langes Plateau bei rund 200 kW. Im Alltag bedeutet das: Der G9 lädt nicht nur schnell, sondern konstant schnell. Genau das macht auf Langstrecke den Unterschied. Während viele Elektroautos oberhalb von 60 oder 70 Prozent massiv einbrechen, hält der Xpeng die Leistung erstaunlich lange hoch. Das verändert das Reisen tatsächlich spürbar. Ladepausen wirken plötzlich nicht mehr wie Unterbrechungen, sondern eher wie kurze Zwischenstopps.

Weniger Power als der Performance – aber völlig ausreichend

Wichtig: Im Testwagen arbeitete nicht der brachiale Performance-Allradantrieb, sondern die Long-Range-Version mit Heckantrieb. Das bedeutet weniger Leistung, aber ehrlich gesagt vermisst man im Alltag kaum etwas. Der Elektromotor liefert 230 kW beziehungsweise 313 PS und 430 Nm Drehmoment. Der Sprint auf 100 km/h gelingt in 6,4 Sekunden. Das klingt im Vergleich zur Performance-Version fast harmlos, fühlt sich im Alltag aber absolut souverän an. Der G9 beschleunigt jederzeit kräftig, geschmeidig und ohne Hektik. Gerade auf Landstraße und Autobahn passt der entspannte Charakter des Hecktrieblers sogar besser zum Fahrzeug als die übermotorisierte Topversion.

Hochautomatisiertes Fahren funktioniert überraschend gut

Besonders positiv fällt auf, wie gut die Assistenzsysteme inzwischen arbeiten. Gab es diesbezüglich zum Marktstart noch kritische Stimmen, wirkt die aktuelle Software deutlich ausgereifter. Gerade auf langen Autobahnetappen funktioniert das hochautomatisierte Fahren erstaunlich souverän. Spurführung, Abstand und Temporegelung greifen harmonisch ineinander. Der G9 vermittelt nicht mehr dieses unfertige Beta-Gefühl, das viele andere China-Modelle noch begleitet. Natürlich ersetzt das System keine Aufmerksamkeit. Aber es nimmt dem Fahrer spürbar Stress ab – und genau das erwartet man heute von einem modernen Elektro-SUV dieser Klasse.

Das fehlt: ein Head-up-Display

Umso erstaunlicher ist, dass Xpeng ausgerechnet auf ein Head-up-Display verzichtet. Gerade auf langen Strecken wäre ein HUD sinnvoll gewesen. Navigation, Tempo und Assistenzinformationen ständig im direkten Blickfeld zu haben, gehört inzwischen fast schon zum Premiumstandard.

Großes Auto bleibt großes Auto

Neutral, aber alltagsrelevant: Der G9 ist ein echtes Dickschiff. Fast 4,90 Meter Länge und über 2,19 Meter Breite inklusive Spiegel machen sich in engen Parkhäusern und an manchen Ladesäulen bemerkbar. Vor allem die Breite ist bisweilen eine Herausforderung im Alltag. Die Kamerasysteme helfen zwar enorm, kleiner wird der Wagen dadurch aber natürlich nicht.

Fazit zum Xpeng G9 Long Range

Der Xpeng G9 Long Range RWD versucht gar nicht erst, ein Sportwagen zu sein. Genau das macht ihn so überzeugend. Statt extremer Leistungsdaten liefert er genau das, was im Alltag zählt: Platz, Komfort, Ruhe, hochwertige Ausstattung und eine Ladeperformance, die aktuell zur absoluten Spitze gehört. Dazu kommen gute Assistenzsysteme, ein beeindruckender Innenraum und ein Preisniveau, das viele etablierte Premiumhersteller unangenehm finden dürften. Wer ein großes Elektro-SUV für lange Strecken sucht und nicht zwingend 550 PS oder mehr braucht, bekommt mit dem G9 Long Range derzeit eines der spannendsten E-Autos überhaupt.

In Kürze: die Key Facts

  • Modell: Xpeng G9 Long Range RWD
  • Fahrzeugklasse: großes Elektro-SUV der oberen Mittelklasse
  • Antrieb: Heckantrieb
  • Leistung: 230 kW / 313 PS
  • Drehmoment: 430 Nm
  • Beschleunigung: 0 bis 100 km/h in 6,4 Sekunden
  • Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
  • Batterie: rund 93 kWh netto
  • Reichweite: je nach Fahrprofil bis rund 570 km WLTP
  • Ladetechnik: 800-Volt-Architektur
  • DC-Ladeleistung: über 300 kW Peak möglich
  • Ladezeit: 10 bis 80 Prozent in rund 20 Minuten
  • Stärken: Ladeleistung, Platzangebot, Komfort, Soundsystem, Assistenzsysteme
  • Schwächen: kein Head-up-Display, große Außenmaße
  • Zielgruppe: Vielfahrer, Familien, Dienstwagenfahrer und Langstreckenpendler