Mercedes VLE: Parkassistent im Praxistest

Mercedes-Benz VLE im Praxis-Parktest
Wie gut Parkassistent und Allradlenkung sind

Zehn Kameras, fünf Radarsensoren und Hinterachslenkung mit sieben Grad Einschlag: Der neue Mercedes VLE zeigt, wie souverän ein 5,30-Meter-Van heute einparkt und wendet.

Mercedes VLE 2026
Foto: Mercedes

Parkassistenten: viel Skepsis, wenig Nutzung

Kurze Umfrage am Stammtisch: Wer nutzt regelmäßig seinen Parkassistenten? Schweigen. Einer sagt, er wisse gar nicht, dass sein Auto so etwas habe. Der nächste winkt ab: „Das dauert viel zu lange.“ Er parke schneller selbst ein. Und der Dritte meint, er vertraue der Technik nicht. Das mag alles stimmen, zumindest bei älteren Systemen.

Schneller Zugriff, klare Bedienung

Im neuen VLE von Mercedes-Benz läuft das anders, wie ein Test in einem Prototyp des V-Klasse-Nachfolgers zeigt. Auf zur Parkplatzsuche. Erster Pluspunkt: Die Taste, über die man die Einparkautomatik aktiviert, ist schnell erreichbar, links unter dem Zentralbildschirm platziert. Kein Untermenü, kein langes Suchen. Sofort erscheinen auf dem großen Display übersichtlich markierte Parklücken. Man wählt per Touch, ob längs oder quer eingeparkt werden soll, vorwärts oder rückwärts. Dann muss das Manöver bestätigt werden. Beim ersten Versuch vergesse ich genau das, und wundere mich, warum nichts passiert. Das System wartet geduldig auf Freigabe.

Zügiges und sauberes Einparken

Danach geht alles schnell. Der VLE reagiert zügig, lenkt präzise ein, korrigiert sauber. Kein nervöses Rangieren, kein hektisches Nachsetzen. Das Einparken wirkt souverän und erstaunlich flott. Möglich macht das ein umfangreiches Setting aus zehn Kameras, fünf Radarsensoren und zwölf Ultraschallsensoren. Bis zu einer Geschwindigkeit von 10 km/h kontrolliert das System Lenkung, Gas und Bremse.

Mercedes VLE 2026
Mercedes

Man wählt per Touch, ob längs oder quer eingeparkt werden soll, vorwärts oder rückwärts.

Memory-Funktion für enge Zufahrten

Neu ist zudem eine Memory-Funktion. Der Wagen merkt sich die letzten Meter einer Strecke, etwa die enge Zufahrt in einen Hinterhof, und kann sie später automatisch wieder herausfahren. Das funktioniert im Test zuverlässig und erspart das nervige Zurücksetzen im Zickzack. Ein kleiner Dämpfer bleibt: Andere Autos wie der Volkswagen ID. Buzz beherrscht solche Manöver schon länger und kann enge Zufahrten sogar abspeichern. Bei Mercedes soll diese Funktion erst später folgen. Ebenso wie die Möglichkeit, den Wagen über eine App ferngesteuert aus einer sehr engen Lücke heraus zu bugsieren.

Hinterachslenkung reduziert den Wendekreis

Mindestens genauso beeindruckend wie der Parkassistent ist jedoch die Hinterachslenkung. Sie schlägt bis zu sieben Grad ein und reduziert den Wendekreis um 1,70 Meter auf 10,90 Meter. Damit braucht der 5,30 Meter lange Vans beim U-Turn nicht mehr Platz als ein Kompaktwagen. Und beim Einparken muss der Wagen weniger rangieren, rutscht also zügiger in die Lücke.

Zwei Wirkprinzipien, klarer Nutzen

Wie funktioniert das? Bei niedrigen Geschwindigkeiten lenken die Hinterräder gegenläufig zu den Vorderrädern ein. Das verkürzt den Radstand und macht das Auto spürbar handlicher. Beim Rangieren fühlt sich der große Van an, als hätte man ihm ein gutes Stück Blech abgeschnitten. Ab etwa 60 km/h schlagen die Hinterräder parallel zu den Vorderrädern ein. Dadurch verlängert sich der virtuelle Radstand, das Fahrzeug liegt ruhiger auf der Straße und reagiert stabiler auf schnelle Spurwechsel.

Steer-by-Wire als nächste Evolutionsstufe

Den Effekt spürt man sofort. Beim Rangieren wirkt der VLE deutlich kürzer, fast handlich. In engen Hinterhöfen, wenn man um Häuserecken zirkeln muss, kommt das Heck sauber herum, ohne dass die Front die Kurve schneidet. Das kurveninnere Hinterrad steht weiter außen, der Wagen benötigt weniger Raum.

Sieben Grad Einschlag sind heute ein guter Wert. Doch die Entwicklung geht weiter. Mit künftigen Lenksystemen und größeren Einschlagwinkeln könnten Autos noch agiler werden. Voraussetzung dafür ist allerdings die Serienreife von Steer-by-Wire-Systemen.

Dann entfällt die mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Vorderrädern. Lenkbefehle werden rein elektronisch übertragen. Das erlaubt freiere Auslegung der Lenkgeometrie, variablere Übersetzungen und theoretisch deutlich größere Einschlagwinkel an Vorder- und Hinterachse. Zudem lassen sich Rückmeldungen künstlich, aber gezielt erzeugen.

Einordnung für Flotten

Am Stammtisch dürfte sich die Meinung also ändern. Zumindest nach einem ersten Test. In einem großen Auto wie dem VLE jedenfalls klappt automatisiertes Einparken schnell und entspannt. Damit ist der 5,30 Meter lange Van heute wendiger, als viele Kompaktwagen es vor ein paar Jahren waren.