E-Auto-Schäden: Wann Reparaturen sehr teuer sind

Allianz-Experte über E-Auto-Schäden
Warum Batterieschäden bis zu 29.000 Euro kosten

Elektroautos sind nach Unfällen nicht automatisch teurer als Verbrenner. AZT-Experte Carsten Reinkemeyer erklärt, welche Bauteile teuer werden, warum Quarantänezeiten oft zu lang sind und was Reparaturen günstiger macht.

Carsten Reinkemeyer vom Allianz Zentrum für Technik spricht über Reparaturkosten und Batterieschäden bei Elektroautos.
Foto: Allianz

Bis zu 29.000 Euro kann ein Schaden an der Hochvoltbatterie kosten. Trotzdem sind Elektroautos nach Unfällen nicht automatisch teurer als vergleichbare Verbrenner. Entscheidend sind häufig das junge Fahrzeugalter, hohe Stundensätze in Markenwerkstätten und fehlende Reparaturlösungen. Carsten Reinkemeyer, Leiter Fahrzeugtechnik und Sicherheitsforschung im Allianz Zentrum für Technik, erklärt, welche Schäden die Rechnungen tatsächlich in die Höhe treiben, warum Quarantänezeiten oft überzogen sind und wie Hersteller Batteriereparaturen günstiger machen könnten.

Warum sind Elektroautos nach Unfällen häufig teurer zu reparieren als Verbrenner?

Wir sehen im AZT in unseren Untersuchungen von Vollkasko-Kollisionsschäden, dass primär das Fahrzeugalter für die höheren Reparaturkosten verantwortlich ist. Die Population der BEV ist im Durchschnitt deutlich jünger als die konventioneller Fahrzeuge. Das führt einerseits zu einem anderen Meldeverhalten bei Kaskoschäden und andererseits zu höheren Reparaturgrenzen bzw. Totalschadenkosten. Zudem fordern Markenwerkstätten in unseren Studien knapp 50 Prozent höhere Stundensätze als markenungebundene Werkstätten - auch dieser Effekt macht junge BEV in der Reparatur „teurer“ gegenüber dem Marktdurchschnitt, der deutlich häufiger nicht in die Markenwerkstatt geht.

Wir haben deshalb in unseren Untersuchungen vergleichbar junge Fahrzeuge verglichen und diesen Alterseinfluss bestätigen können. Im Gegenzug haben wir den bereits durchschnittlich alten VW-E-Golf betrachtet und hier tatsächlich einen vergleichbar hohen Anteil von markenungebundenen Werkstätten gefunden wie bei der Vergleichsgruppe. Auch die Teilepreise haben wir vergleichend überprüft – Ersatzteile für BEV sind nicht generisch teurer. Wo man Autos des gleichen Segments vom gleichen Hersteller vergleichen kann, ist z. B. ein Stoßfänger im Prinzip bei beiden Antriebsarten gleich teuer. Einen recht kleinen Einfluss sehen wir bei den Freischaltkosten, wenn bei einer Reparatur die HV-Anlage einbezogen werden muss. Das wiederum ist allerdings nur in einer kleinen Anzahl der Fälle überhaupt erforderlich.

Wann wird die Hochvolt-Batterie zum entscheidenden Kostentreiber?

Ein relevantes Bauteil für den Kostenunterschied ist dagegen die Hochvolt-Batterie. Ein Unterbodenschaden kann beim BEV im Vergleich sehr teuer werden, weil es ein vergleichbares Bauteil im konventionellen Fahrzeug nicht gibt. Wenn hier ein Versicherungsschaden z. B. durch Abkommen von der Fahrbahn eintritt, kommt es darauf an, ob die Batterie eine adäquate Schutzplatte hat, ob der Hersteller eine Reparaturlösung anbietet und wie diese gestaltet ist. Hier können Kosten bis zu 29.000 Euro anfallen, aber auch nur unter 1.000 Euro.

Welche Rolle spielen Batterieprüfung und Diagnose für die Gesamtkosten eines Schadens?

Die Batterieprüfung ist zu handhaben wie die Diagnose eines Steuergerätes. Die Hersteller-Diagnosegeräte können in der Regel gut darüber Auskunft geben, ob eine Batterie defekt ist oder nicht. Schwierig wird es in der sachverständigen Befundung am Unfallort oder bei der Entscheidung der richtigen Abstellfläche außerhalb einer Fachwerkstatt. Hier fehlt es oft noch am Wissen und auch die Gefährdungsvermutung führt zu oft überhöhten Kosten infolge unnötiger Maßnahmen. Gerade angesichts der recht hohen Frequenz neuer Marken und Modelle sind die Mehrmarkentester und damit die unabhängigen Werkstätten deutlich im Nachteil, da diese Geräte oft noch nicht die nötigen Diagnose-Umfänge bieten können.

Wie wirken sich gesicherte Abstellflächen, Abschleppkosten und lange Quarantänezeiten auf die Schadenkosten aus?

Die gesicherten Abstellflächen sind durch Empfehlungen des VDA inzwischen ausreichend definiert. Die Dauer des gesicherten Abstellens dagegen wird oft und teils maßlos überzogen. Für die fachgerechte Handhabung der Fahrzeuge hat das VDA unter Mitwirkung des AZT-Empfehlungen erarbeitet. Tatsächlich sind die Kosten für überzogene Maßnahmen durch Abschleppbetriebe erheblich. In einer Untersuchung von Abschlepprechnungen hat das AZT gegenüber einem Durchschnittspreis bei konventionellen Antrieben erhebliche Kostenerhöhungen gefunden. Die ersten Hersteller ziehen aus den physikalischen Zusammenhängen und Erfahrungen auch schon Lehren. So haben VW und BMW die initiale Quarantänezeit auf 24 Stunden bei Überwachung der Batterietemperatur reduziert.

Welche Maßnahmen können den Umgang mit beschädigten Hochvoltfahrzeugen verbessern und Reparaturkosten senken?

Wir sehen, dass der Umgang mit Hochvoltfahrzeugen immer noch durch Ängste beeinflusst wird, befeuert durch das Herausstellen selten auftretender Gefahren. Wichtig ist deshalb, dass über das tatsächliche Risiko durch objektive Information, regelmäßige Schulungen sowie im Rahmen der Ausbildung informiert wird. Daneben ist insbesondere im Bereich der Unterbodenschäden primär der Schutz des Batteriegehäuses und eine dadurch günstige Reparaturmöglichkeit sehr relevant. Die Hersteller sind oft noch der Meinung, dass es bei der Beschädigung nur darum geht, ob die Delle funktional relevant ist. In dieser Logik müssten kleinere Intrusionen gar nicht repariert werden. In einem Versicherungsschaden ist es aber egal, ob ein Kotflügel verkratzt ist oder die Hochvolt-Batterie – für beides gleichermaßen schuldet die Versicherung die Erstattung der Reparaturkosten zur Wiederherstellung des Zustands vor dem Unfall.

Wie können reparaturfreundliche Batterien einen wirtschaftlichen Totalschaden verhindern?

Schließlich sind Vorgaben besonders ungünstig, wenn sie einen pauschalen Tausch einer eigentlich intakten oder zumindest reparaturwürdigen Batterie erfordern. Auch diese Vorgaben gibt es noch vereinzelt. Wir beobachten bei wichtigen Herstellern, dass Batterien immer noch so gebaut werden, dass man sie nicht reparieren kann. Wenn das der Fall ist, muss zumindest eine zeitwertgerechte Austauschbatterie angeboten werden, um nicht das Fahrzeug vorzeitig durch einen Batterieschaden zum Totalschaden werden zu lassen. In einigen unserer Schäden haben wir diese Lösung auch bereits gesehen – es ist also möglich. Es ist für uns alle sehr wichtig, dass es für alle Batterien einfache und kostengünstige Reparaturmöglichkeiten gibt. Denn am Ende bezahlt für Versäumnisse bei der Reparaturfreundlichkeit nämlich immer unser gemeinsamer Kunde.