60 Jahre Dacia: Vom Ostauto zur Kultmarke

60 Jahre Dacia: vom Ostauto zur Erfolgsmarke
Warum billig plötzlich so cool wurde

Zum 60. Geburtstag blickt die Dacia zurück: vom Renault-Lizenzbau in Pitesti über den Logan-Neustart bis zu Sandero, Duster, Jogger und Bigster. Heute steht Dacia für einfache Autos, niedrige Preise und treue Käufer.

Dacia Logan
Foto: Dacia

Es war einmal in Rumänien – die Geschichte von Dacia klingt wie das Märchen vom armen Aschenputtel, das königlich heiratet. Alles begann im Mai 1966. Damals überließ Renault der rumänischen Staatsführung die Lizenz zur Fertigung eines Volksautos. Der Dacia 1300 – ein Duplikat des französischen Frontantriebstyps Renault 12 – sollte das durch den „Eisernen Vorhang“ von Westeuropa abgeschottete Agrarland zum modernen Industriestandort transformieren und in millionenfacher Auflage in Pitesti am Rande der Karpaten montiert werden. Für die rumänischen Machthaber ein Prestigeprojekt, und so überholten sie mit dem Launch des Dacia-Werks sogar die Sowjetunion, die 1966 mit Fiat eine Fertigung des Typs 124 als Lada fixiert hatte, aber erst 1970 die Bänder anlaufen ließ.

Qualitätsprobleme prägen die Anfangsjahre

Damals lieferte Dacia schon seit zwei Jahren seine Renault-Klone aus, ab den frühen 1970ern auch ins geteilte Deutschland. Allerdings wurde Qualität bei Dacia klein geschrieben, entsprechend berüchtigt waren die „Karpaten-Kutschen“ für häufige Defekte. Kaum zu glauben daher der Relaunch der Marke nach der politischen Öffnung Osteuropas: 1999 wurde Dacia Teil des Renault-Konzerns, und die Franzosen schafften, woran viele Ostmarken scheiterten.

Logan und Duster machen Dacia bekannt

Der neue Dacia Logan/MCV verblüffte als global billigster Fünf- bis Siebensitzer – und durch Robustheit. Noch heute sind hierzulande 75 Prozent aller jemals verkauften Logan im Einsatz, Rekord im Konkurrenzumfeld. Sogar Kultstatus erreichte Dacia mit dem SUV Duster, der als Anti-Statussymbol beworben wurde und als päpstliches „Papa-Mobil“ im Einsatz ist. Längst ist Dacia für Discount-Käufer die erste Wahl und die Nummer eins im Privatmarkt.

Dacia Duster Papamobil 2019
Dacia Renault Group

Als Papamobil für Papst Franziskus kommt der Dacia Duster zweiter Generation ab 2019 zum Einsatz.

Dacia setzt auf einfache Technik und niedrige Preise

Heute eilt Dacia (ein historischer Name für das Gebiet des heutigen Rumäniens) mit preiswerten Kleinen und Kompakten von Erfolg zu Erfolg, immer mit dem Anspruch, das beste Preis-Leistungsverhältnis zu bieten und so in einem Markt, der von rasant steigenden Neuwagenpreisen geprägt ist, speziell Privatkäufer zu gewinnen. Rabatte braucht die Discount-Marke nicht zu geben; die Technik ist aktuell, setzt jedoch keine Trends wie vergleichbare Renault-Modelle. Dafür liefert Dacia genau die Modelle, die Privatkunden lieben: SUV wie Duster und Bigster oder Lademeister wie den Jogger (in den globalen Kombi-Verkaufscharts auf Platz 4 hinter dem Toyota Corolla) und den winzigen Spring als Billig-Stromer für den Stadtverkehr.

Sandero hält Dacia in der Spitzengruppe

Nicht zu vergessen der Sandero: Während Kleinwagen-Klassiker wie Ford Fiesta, Hyundai i10 oder Mitsubishi Colt ins Museum geschickt wurden, duelliert sich der Dacia Sandero mit seinem technischen Genspender Renault Clio um die Führung in den europäischen Neuzulassungen. Weitere potenzielle Verkaufsschlager sind bei Dacia passend zum 60. Markengeburtstag in Vorbereitung: Neben dem neuen Lifestyle-Kombi Striker könnte der drei Meter kurze Dacia Hipster punkten, sofern er die Jugend für das Segment der Leichtfahrzeuge begeistert.

Dacia gewinnt Kunden durch Preis und Image

Den Dacia-Höhenflug – in einigen Märkten wie Deutschland überholten die Rumänen sogar die Konzernmutter Renault – konnten nicht einmal andere Budgetanbieter wie Citroen, Fiat oder Chinesen beenden. Zumal Dacia-Kunden zufriedene Kunden sind, die bei einem Neukauf fast immer „ihrer“ Marke treu bleiben – und Dacia sogar eine gewisse Coolness zugestehen. Zu erleben zuletzt beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, wo ein Dacia Logan ähnlich viel Beifall erntete wie der vom vierfachen F1-Weltmeister Max Verstappen gefahrene AMG-Mercedes.

Dacia 1300 1969
Dacia

In Ostblockländern beliebt und berüchtigt – Der vom Renault 12 abgeleitete Dacia 1300 überzeugte ab 1969 mit modernem Frontantrieb, irritierte aber anders als der Renault durch viele Defekte.

Dacia startet als rumänisches Prestigeprojekt

Dacia im Rennsport, eine solche Idee hätte Rumäniens Staatsoberhaupt Nicolae Ceausescu vermutlich als vollkommen abwegig empfunden, als er vor 60 Jahren entschied, in dem Land zwischen Karpaten und Schwarzem Meer die Automobilwerke Uzina de Autoturisme Pitesti (UAP) zu gründen. UAP sollte mit Dacia-Limousinen und -Kombis die rumänischen Arbeiter und Bauern motorisieren und das Politbüro mit repräsentativen Fließheckmodellen versorgen. Renault lieferte die Vorlagen für die Lizenzfertigung, allerdings nicht den angefragten avantgardistischen R16, sondern zuerst nur den konservativen Heckmotortyp R8. Daraufhin ließ Ceausescu am 23. August 1969 – entgegen dem Lizenzvertrag – noch vor dem in Paris geplanten Debüt des Renault 12 den ersten Dacia 1300 vom Band rollen. Eine Provokation gegenüber den Franzosen, die in allen osteuropäischen RGW-Staaten (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) registriert wurde: Rumänien war der Aufstieg zum Hersteller eines topaktuellen Automobils gelungen – und die DDR bestellte für 1971 ein Kontingent Dacia 1300.

Exporterfolge trotz Rost und Pannen

Extravagantes Design im Heckbereich, Komfort als Familienfahrzeug und Frontantrieb: Der Gallier aus Pitesti faszinierte damals mehr als Polski-Fiat 125p, Skoda 100 oder Moskwitsch 412, enttäuschte jedoch durch „Montagefehler“, sprich eklatante Qualitätsdefizite. Pannen und eine hohe Rostanfälligkeit schadeten dem Ruf des Dacia auch in Westeuropa. Dort wurde das Renault-Derivat erst 1975 als Low-Budget-Alternative zum besser verarbeiteten und 40 Prozent teureren französischen Original eingeführt, kam aber nicht auf große Stückzahlen. Immerhin wirbelte Dacia ab 1984 mit dem als Duster vermarkteten Offroader Aro Typ 10 speziell in Großbritannien so viel Staub auf wie die legendäre TV-Musik-Show „Top of the Pops“. „The biggest value on earth comes to town”, versprach die Werbung für den Duster, und in der Tat war kein Allradler billiger. Nicolae Ceausescu war zufrieden, brachte Dacia doch so reichlich Devisen ins Land.

Dacia Duster
Dacia

Wirbelt seit 2010 Staub auf: Der Dacia Duster machte den SUV bezahlbar und punktet speziell bei Privatkunden.

Eigenentwicklungen vor der Renault-Allianz

Bald kümmerte sich Dacia nicht mehr um Lizenzen, baute eigene Karosserievarianten: Aus dem Dacia 1300 gingen die Typen 1310 bis 1410 hervor, plus Fastbacks, Sportcoupés, Pick-ups und Transporter. Die rumänische Nomenklatur schmückte sich mit einem großen Schrägheck, dem Dacia 2000. Dahinter versteckte sich der Renault 20 TL, der mit V6-Motor und R30-Signet in Paris zum Präsidentenfuhrpark zählte. Als erstes konstruktives Eigengewächs zeigte Pitesti 1986 den Kleinstwagen 500 Lastun, der vollkommen unausgereift in Serie ging und scheiterte. Anders der clever gemachte Dacia Nova, der in den 1990ern die Allianz mit Renault vorbereitete. Damals brachte der politische Wind of Change Skoda unter das Dach von VW, und Dacia wurde 1999 eine Marke im Renault-Konzern.

Vom Billigauto zur Kultmarke

Viel hat sich seitdem geändert, wie der Reigen der Erfolgsmodelle Logan, Sandero, Duster, Spring, Jogger oder Bigster zeigt. Vor allem aber ist es die Marke, die an Faszination gewann. Ähnlich wie die Discounter Aldi und Lidl zeigt Dacia, dass billig auch gut sein kann. Großer Nutzwert inklusive Robustheit zum kleinen Preis, damit überzeugte zuerst der Dacia Logan: Für den Preis eines Golf gab es 2005 zwei gut ausgestattete Logan. Seit dem 2010 lancierten Duster scheint Dacia endgültig fast alles zu gelingen, zumal „Deutschlands günstigster SUV“ als erstes Modell der Marke eine echte Fan-Community gewann. Outdoortrends bedient Dacia heute mit allen Modellen – nur eins ist seit 1966 gleich: Es sind vor allem Privatkunden, die Dacia mit seinen preiswerten Volksautos erreichen will.

Chronik

Gekürzt auf die wichtigsten Stationen aus der Chronik:

Dacia-Chronik: Vom Lizenzbau zur Erfolgsmarke

1943: In Colibasi bei Pitesti entsteht ein Werk für Flugzeugmotoren und aeronautische Technik – die Basis der späteren Dacia-Produktion.

1966: Dacia wird als Uzina de Autoturisme Pitesti per Lizenzvertrag zwischen Renault und Rumänien gegründet.

1968: Der erste Dacia 1100 läuft als Lizenzversion des Renault 8 Major vom Band.

1969: Der Dacia 1300 startet als Lizenzbau des Renault 12 und wird zum prägenden Modell der Marke.

1973: Der Dacia 1300 Break erweitert das Programm; auch in der DDR wird der Dacia zunehmend angeboten.

1975: Dacia exportiert Modelle unter anderem nach Westeuropa, Kanada, Südafrika und China.

1980: Dacia führt ein neues Markenlogo ein und produziert rund 300 Fahrzeuge pro Tag.

1984: Erstmals liefert Dacia mehr als 100.000 Fahrzeuge in einem Jahr aus.

1986: Der Kleinwagen Dacia 500 Lastun debütiert, wird aber wegen Qualitätsproblemen nach wenigen Jahren eingestellt.

1989/1990: Die rumänische Revolution beendet die Ära Ceausescu und verändert auch die Rahmenbedingungen für Dacia.

1994: Mit dem Dacia Nova entsteht ein eigenständig entwickeltes Modell ohne französischen Einfluss.

1999: Renault übernimmt 51 Prozent der Dacia-Anteile. Dacia wird Teil des Renault-Konzerns.

2004: Der letzte Dacia 1310 läuft vom Band. Im selben Jahr feiert der Dacia Logan Weltpremiere.

2005: Der Logan startet in Deutschland zu Preisen ab 7.200 Euro und macht Dacia hierzulande bekannt.

2008: Der Sandero debütiert; Dacia führt ein neues Logo ein und steigert die deutschen Zulassungen deutlich.

2009: Dacia profitiert in Deutschland stark von der Umweltprämie und kommt auf 84.851 Zulassungen.

2010: Der Duster startet in Europa und wird zum wichtigsten Wachstumsträger der Marke.

2012: Lodgy, Dokker sowie neue Generationen von Logan und Sandero erweitern das Modellprogramm.

2014: Dacia verkauft weltweit mehr als 500.000 Fahrzeuge. In Rumänien läuft der fünfmillionste Dacia vom Band.

2017: Die zweite Duster-Generation debütiert auf der IAA in Frankfurt.

2018: Dacia verkauft erstmals mehr als 700.000 Fahrzeuge in einem Jahr.

2020: Der Dacia Spring wird als günstiges Elektroauto vorgestellt; Sandero und Logan wechseln auf die CMF-B-Plattform.

2021: Der Jogger debütiert auf der IAA Mobility. Dacia führt eine neue Markenidentität mit neuem Logo ein.

2022: Der Jogger startet in Deutschland, der zweimillionste Duster rollt vom Band.

2023: Dacia ist in 44 Ländern vertreten, bringt den Jogger Hybrid 140 und überholt Renault in Deutschland bei den Neuzulassungen.

2025: Der einmillionste Dacia in Deutschland wird ausgeliefert. Mit dem Bigster steigt Dacia ins C-Segment ein.

2026: Dacia wird 60 Jahre alt und feiert das Jubiläum mit neuen Modellen und weiter gewachsener Markenpräsenz.