Früher lag Paris dem „Spatz“ zu Füßen. Wenn Édith Piaf sang, hielt die Stadt den Atem an, und die Menschen drängten sich vor den Bühnen, um einen Blick auf die zierliche Frau im schwarzen Kleid zu erhaschen. Auf dem Pariser Salon war es diesmal allerdings nicht der Spatz, sondern eine Ente, um die sich die Menge drängte. Kaum hatte Citroën das Tuch vom neuen 2CV gezogen, reckten sich Hunderte Handys in die Höhe, Blitzlichter zuckten durch die Halle, und auf den Gesichtern lag dieses Lächeln, das man sonst nur bei Kindern vor dem Weihnachtsbaum sieht.
Der elektrische Enkel hat große Pläne
Dabei ist der Enkel der Ente kein Kraftprotz und kein Luxusliner. Er ist knapp 3,80 Meter kurz, wiegt rund eine Tonne, fährt elektrisch und leuchtet in einem frechen Orange. Er trägt freistehende runde Scheinwerfer, ein Faltdach aus Stoff, Sitze mit Karomuster und Türablagen, in denen man Eier transportieren kann. Vor allem aber will er für jedermann bezahlbar sein, so wie es die Großmutter einst war. Rund 15.000 Euro soll er kosten, wenn er in zwei Jahren auf den Markt kommt, und genau deshalb fliegen ihm die Herzen zu. Denn in einer Zeit, in der Autos immer größer, schwerer und teurer werden, wirkt diese kleine Ente wie ein Versprechen darauf, dass weniger vielleicht doch mehr ist.
Wie aus Spott ein Verkaufserfolg wurde
Für die alte Ente ist das eine späte Genugtuung. Denn als das Original im Herbst 1948 auf dem Pariser Salon seinen ersten Auftritt hatte, wurde es von den Experten gnadenlos ausgelacht. Hässlich sei sie, zu langsam, zu primitiv, ein Regenschirm auf Rädern, eine Konservendose für Bauern. Ein amerikanischer Journalist soll sogar gefragt haben, ob ein Dosenöffner mitgeliefert werde. Doch das Publikum hörte nicht auf die Kritiker. Es kaufte die Ente millionenfach, fuhr mit ihr zur Arbeit, auf den Markt und in die Ferien und später dann auch zum Protest gegen das Establishment, und machte sie so zu einem der beliebtesten Autos, die Frankreich je gebaut hat. Bis 1990 lief sie vom Band, zusammen mit dem Kastenwagen waren es in 42 Jahren rund 5,1 Millionen Exemplare.

Beim Publikum war die Ente ein Millionenerfolg.
Unterwegs im Citroën 2CV durch Paris
Seit der Enkel gefeiert wird, schaut man auch die Großmutter mit anderen Augen an. Das spürt man, sobald man an einem lauen Herbstabend in Montmartre hinter dem dünnen Lenkrad Platz nimmt. Der Schlüssel dreht sich, der Zweizylinder beginnt zu schnattern, und die Ente rollt hinunter in die Stadt, die gerade ihre Lichter anknipst.
Warum die Ente durch Pigalle schaukelt
Am Boulevard de Clichy drehen sich die roten Flügel des Moulin Rouge, vor den Bars stehen die Raucher in kleinen Grüppchen, und von irgendwoher weht ein Akkordeon. Hier in Pigalle hat einst auch die junge Piaf auf der Straße gesungen, lange bevor die großen Säle nach ihr riefen. Die Ente schaukelt über das Pflaster, als würde sie dazu tanzen. Die Federung ist so weich, dass jede Unebenheit zu einer sanften Welle wird, und die Sitze geben nach wie eine alte Hängematte. Man sitzt nicht in diesem Auto, man lässt sich von ihm tragen. Geschaltet wird mit dem Knauf, der aus dem Armaturenbrett ragt wie der Griff eines Regenschirms, und nach der dritten Ampel hat man den Dreh heraus. Über die Grands Boulevards, vorbei an der hell erleuchteten Oper, geht es gemächlich nach Westen, und die alte Dame schnattert so fröhlich vor sich hin, als hätte sie seit Jahren auf diesen Ausflug gewartet.
Auf den Champs-Élysées wird sie gefeiert
Auf den Champs-Élysées zeigt sich, wie sehr sich der Blick der Leute verändert hat. Früher wäre die Ente zwischen den schweren Limousinen vielleicht belächelt worden. Heute bleiben Passanten stehen, zeigen mit dem Finger und lachen – aber nicht über das Auto, sondern mit ihm. Ein junges Paar winkt, ein Taxifahrer hupt zweimal kurz und hebt den Daumen, und als die Ente sich in den Kreisel um den Triumphbogen stürzt, legt sie sich so tief in die Kurve, dass man unwillkürlich lachen muss.

Die Federung ist so weich, dass jede Unebenheit zu einer sanften Welle wird, und die Sitze geben nach wie eine alte Hängematte.
Ein Klassiker zwischen Louvre und Eiffelturm
Vor der Glaspyramide des Louvre hält man kurz an. Drinnen hängen die Meisterwerke der Jahrhunderte, draußen steht eines aus Blech, nicht für das Museum gemacht, sondern für die Straße und für alle. Über den Pont Alexandre III mit seinen goldenen Figuren und vergoldeten Laternen rollt die Ente ans andere Ufer, unten gleiten die letzten Ausflugsboote durch das schwarze Wasser. Und als sich der Eiffelturm in sein Glitzerkleid hüllt, scheint die ganze Stadt für einen Moment nur für diese Ente zu funkeln.
Langsam fahren, Paris intensiver erleben
Je länger die Nacht dauert, desto mehr verliert man das Gefühl für die Zeit. Das Rolldach ist offen, der Herbstwind riecht nach Laub und Crêpes und einer gelegentlichen Gauloises, der Arm hängt lässig aus dem Klappfenster, und der kleine Motor brummelt sein immer gleiches Lied. Schnell ist die Ente nicht, und sie war es auch nie. Mit 9 PS ist sie einst gestartet, am Ende waren es 29, und mehr als 115 km/h standen nie im Datenblatt. Aber wer in Paris unterwegs ist, will ja auch gar nicht schnell sein. Er will ankommen, ohne es eilig zu haben. Er will sehen und gesehen werden. Und er will sich ein bisschen verlieben.
Das Geheimnis ihres besonderen Charmes
Vielleicht ist das das Geheimnis dieser Ente. Sie hat nie versucht, mehr zu sein, als sie ist. Sie hat kein Chrom, keinen Prunk und keine Pferdestärken, mit denen sie prahlen könnte. Sie ist ehrlich, bescheiden und ein bisschen schrullig, und gerade deshalb liebt man sie. Die Experten von 1948 haben in ihr nur das gesehen, was fehlt. Die Menschen haben in ihr gesehen, was sie möglich macht: Freiheit für wenig Geld, Fahrten ans Meer, die erste Liebe auf dem Rücksitz. Genau dieses Gefühl hat der Enkel jetzt geerbt.

Bis 1990 lief sie vom Band, zusammen mit dem Kastenwagen waren es in 42 Jahren rund 5,1 Millionen Exemplare.
Die letzte Fahrt hinauf nach Montmartre
Kurz vor zwei Uhr morgens klettert die Ente schließlich wieder den Montmartre hinauf. Die Gassen sind leer, die Maler auf der Place du Tertre haben ihre Staffeleien längst eingepackt, und nur ein Straßenmusiker spielt noch für niemanden. Oben vor Sacré-Cœur verstummt der Motor. Unter einem liegt Paris, ein Meer aus Lichtern, das bis zum Horizont reicht. Die weiße Basilika leuchtet im Mondlicht, und auf den Stufen sitzen ein paar Verliebte, die die Nacht nicht enden lassen wollen.
Die Ente braucht keinen Applaus mehr
Man steigt aus, lehnt sich an den noch warmen Kotflügel, zieht die Jacke ein wenig enger und schaut hinunter auf die Stadt. Irgendwo da unten steht jetzt der Enkel, gefeiert wie ein Star. Die Großmutter braucht diesen Applaus nicht mehr. Sie hat Paris erobert, ohne laut zu sein, ohne schnell zu sein, nur mit ihrem Charme. Genau wie damals der Spatz.
Und wenn man ganz still ist, dann hört man es fast, ganz leise, irgendwo über den Dächern: „Non, je ne regrette rien.“







