Eine Sekunde Blick aufs Display, und bei Tempo 100 legt das Auto 28 Meter im Blindflug zurück. Bis es steht, vergehen mindestens 70 Meter Anhalteweg. Bei Tempo 50 sind es 14 Meter blind und mindestens 24 Meter Bremsweg. Die Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Versicherer (UDV) hat untersucht, wo im Cockpit Ablenkung lauert und wie Touchscreens, Lenkradtasten und Sprachsteuerung gestaltet sein müssen.
Trügerisches Gefühl der Kontrolle
Wie oft Ablenkung einen Unfall verursacht, lässt sich kaum belegen. Der Nachweis ist schwierig, die Dunkelziffer hoch. Die Straßenverkehrsordnung erlaubt deshalb nur eine kurze Blickzuwendung, das gilt auch für Touchscreens. „Viele Autofahrer wechseln ihren Blick zwischen Straße und Display hin und her. Das gibt ihnen das Gefühl, die Sache im Griff zu haben“, sagt UDV-Leiterin Kirstin Zeidler. „Und trotzdem sind sie nicht wirklich beim Verkehrsgeschehen.“
Jeder Zweite hat Ärger mit der Sprachsteuerung
Eine repräsentative Befragung der UDV zeigt, wie verbreitet die Systeme sind. 54 Prozent der Autofahrenden haben ein Auto mit Touchscreen, rund 84 Prozent davon nutzen ihn mindestens gelegentlich. Jeder dritte Nutzer hatte schon Probleme, weil die Bedienung kompliziert war und während der Fahrt zu viel Aufmerksamkeit erforderte. Eine Sprachsteuerung haben 45 Prozent, 83 Prozent davon nutzen sie. Jeder zweite Nutzer gibt aber an, dass ihn das System schon einmal falsch oder gar nicht verstanden hat.
Telefon und Navi per Sprachbefehl
Telefonieren, ein Navigationsziel eingeben oder eine Playlist wählen: Solche komplexen, nicht zeitkritischen Aufgaben sollten Fahrer laut UDV per Sprache erledigen. Die Sprachsteuerung beansprucht weder Augen noch Hände und lenkt deshalb am wenigsten ab. Das gilt aber nur, wenn sie zuverlässig funktioniert. Sonst wechseln Fahrer zum Touchscreen, und der Vorteil ist dahin. Ein gutes System versteht natürliche Sprache ohne bestimmte Schlüsselwörter, auch mit Dialekt. Für häufige Funktionen sollte ein einziger Befehl reichen, ein Abbruch muss jederzeit möglich sein und vom System bestätigt werden.
Blinker und Licht gehören auf Tasten
Blinker, Scheibenwischer, Warnblinker und Licht sollten über physische Schalter bedienbar sein, ebenso häufig genutzte Komfortfunktionen wie die Lautstärke. Die Schalter sitzen idealerweise an der Lenksäule, wo man sie erwartet, und lassen sich ohne Hinsehen unterscheiden. Matte, fühlbare Oberflächen, eindeutige Formen, Raststufen und ein klares Klicken helfen dabei. Touch-Tasten ohne fühlbare Rückmeldung sind ungünstig. Auf dem Multifunktionslenkrad sollten nicht zu viele Tasten sitzen, und sie sollten groß genug sein.
Touchscreen nur mit Schnellzugriff
Für gespeicherte Navigationsziele, Telefonnummern oder Fahrzeugeinstellungen ist der Touchscreen die zweitbeste Lösung nach der Sprache. Das gilt aber nur, wenn er sich schnell und ohne lange Blickabwendung bedienen lässt. Sind Funktionen in Untermenüs versteckt, steigt das Risiko deutlich. Der Bildschirm sollte nah am natürlichen Blickfeld sitzen und ohne Vorbeugen erreichbar sein. Er braucht große Schaltflächen zum Tippen statt Wischen, haptisches Feedback und muss auch mit kalten oder trockenen Händen funktionieren. Ein Beifahrerdisplay sollte vom Fahrersitz aus nicht einsehbar sein. Geschwindigkeit und Warnhinweise dürfen nicht von Pop-ups verdeckt werden.
Bedienung bei der Probefahrt testen
Die UDV rät, die Bedienung schon beim Autokauf zu beachten und bei der Probefahrt ausführlich auszuprobieren. Die Sprachsteuerung sollte man unter realistischen Bedingungen testen, mit laufendem Radio, Gesprächen im Auto, offenen Fenstern oder in bekannten Funklöchern. Orientierung bietet auch Euro NCAP, das das Ablenkungspotenzial einzelner Modelle bewertet. Von den Herstellern fordert die UDV Fahrzeuge, die intuitiv und ablenkungsarm zu bedienen sind.
130 Probanden im Fahrsimulator
In einer Fahrsimulatorstudie mussten 130 Personen während der Fahrt zusätzlich Aufgaben über Lenkradtasten, Touchscreen oder Sprachsteuerung erledigen. Wie stark die Bedienung vom Fahren ablenkt, maß die UDV mit dem international genormten Lane-Change-Task nach ISO 26022.







