Ein Auto, das sieben Sitze und einen Plug-in-Hybridantrieb mit alltagstauglicher elektrischer Reichweite bietet, ist selten zum Schnäppchenpreis zu bekommen. Der chinesische Autohersteller Chery hat sich jedoch vorgenommen, das 2027 zu ändern. Für den großen und technisch aufwendigen Tiggo 9 peilen die Chinesen einen Preis von rund 41.200 Euro (alle Preise netto) an. Mit dieser Preisgestaltung unterbietet das 4,81 Meter lange Fahrzeug die etablierte Konkurrenz auf dem europäischen Markt deutlich. Modelle wie ein Peugeot 5008 Plug-in-Hybrid, der Mazda CX-60 oder gar der Kia Sorento und Hyundai Santa Fe kosten deutlich mehr. Selbst mit seinem serienmäßigen Allradantrieb und der hohen Systemleistung von 315 kW/428 PS bewegt sich der Tiggo 9 preislich am unteren Ende dieses ohnehin exklusiven Feldes.
Drei E-Motoren und ein besonderes Getriebe
Um zu überprüfen, wie viel Substanz hinter diesem Angebot steckt, konnten wir den Tiggo 9 in Rumänien einem Praxistest unterziehen. Rund um Konstanza führte uns die zweieinhalbstündige Testfahrt über asphaltierte und unbefestigte Landstraßen.
Besonders beim Antrieb treibt der Hersteller erheblich mehr Aufwand, als in dieser Preisklasse üblich ist. Unter dem Blech arbeitet ein 143 PS starker 1,5-Liter-Turbobenziner, der mit gleich drei Elektromotoren zusammenspannt – zwei davon an der Vorderachse, einer an der Hinterachse. Das Herzstück der Kraftübertragung ist ein ausgeklügeltes Drei-Gang-Hybridgetriebe (3DHT), das den Verbrenner und die Elektromaschinen je nach Fahrsituation unterschiedlich miteinander kombiniert.

Der große SUV fährt leise und komfortabel, die Elektromotoren schieben kräftig an.
Bei hohem Tempo wird der Benziner präsent
Von der Komplexität dieses Antriebssystems bekommt der Fahrer glücklicherweise kaum etwas mit. Subjektiv ist der große SUV im Fahrbetrieb angenehm leise und komfortabel unterwegs. Die Elektromotoren schieben selbst bei voll durchgetretenem Fahrpedal souverän und kräftig an, während das DHT-Getriebe unbemerkt und ohne störende Ruckler schaltet.
Wer jedoch bis in Geschwindigkeitsbereiche jenseits der 100 km/h die volle Leistung abruft, wird feststellen, dass sich der Verbrennungsmotor merklich und hörbar zuschaltet. Und das ist im Innenraum auch durch leichte Vibrationen spürbar. Angesichts der Leistung fällt die Zugkraft des großen Wagens allerdings eher bescheiden aus: Die gebremste Anhängelast beträgt lediglich 1.500 Kilogramm. Dieser Wert befindet sich auf Kompaktklasse-Niveau und ist für ein Auto dieser Größe und Kraft schlicht zu wenig.
144 Kilometer elektrische Reichweite
Der üppig dimensionierte Akku unterstreicht hingegen den Langstrecken-Anspruch des Modells eindrucksvoll. Mit einer Netto-Batteriekapazität von 32,39 kWh ermöglicht er eine beachtliche elektrische WLTP-Reichweite von 144 Kilometern, während im reinen Stadtverkehr laut Hersteller bis zu 177 Kilometer lokal emissionsfrei machbar sein sollen.
An der heimischen Wallbox oder an öffentlichen AC-Säulen lädt der Akku mit bis zu 6,6 kW, was eine Vollladung in maximal 5,5 Stunden ermöglicht. Deutlich zügiger geht es an der Gleichstrom-Schnellladesäule (DC) voran, wo der Tiggo 9 bis zu 70 kW Ladeleistung aufnimmt. Dadurch klettert der Ladestand in unter 30 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Die elektrische Spannung des modernen Hybridantriebs liegt dabei bei 350 Volt.

Seine Stärken spielt der Tiggo 9 im Innenraum aus, der hochwertiger wirkt als der angepeilte Preis vermuten lässt.
Viel Leistung, klar auf Komfort getrimmt
Trotz der hohen Systemleistung und einem maximalen Systemdrehmoment von 580 Newtonmetern macht der rund 2,3 Tonnen schwere Chinese nicht auf Sportwagen. Das Fahrwerk ist klar auf Komfort ausgelegt, sodass der Tiggo 9 auf gerader Strecke weich und leise dahingleitet – was auch für in Deutschland eher seltene Schotterstraßen gilt. Auf den rumänischen Autobahnen erwies sich das Fahrzeug bei Geschwindigkeiten zwischen 130 und 140 km/h als souveräner Begleiter. Ambitionierte Kurvenfahrten überfordern das komfortable Setup hingegen. Die etwas indifferente Lenkung agiert um den Nullpunkt mit viel Spiel. Mit einem Verbrauch von rund fünf Litern, den wir mit einer bei Abfahrt fast leeren Batterie erzielten, zeigt sich der Raumgleiter durchaus effizient.
Zur Wahl stehen sechs Fahrmodi, darunter Eco, Normal und Sport. Doch ändert sich im Sport-Modus lediglich das Ansprechverhalten des Fahrpedals. Zudem beißt die Bremse in der sportlichen Einstellung schon bei kleinsten Pedalbewegungen unvermittelt kräftig zu und lässt sich dann nur schwer dosieren.
Im Innenraum überrascht der Tiggo 9
Seine wahren Stärken spielt der Chinese im Innenraum aus, der deutlich hochwertiger wirkt, als es der angepeilte Preis erwarten lässt. Große Flächen sind weich unterschäumt, Farben und Materialien zurückhaltend aufeinander abgestimmt. Statt aufdringlichem Bling-Bling und Farbfeuerwerk bei der Ambientebeleuchtung verwöhnt der Wagen mit Ledersitzen, die vorne und hinten über eine Belüftung verfügen. Ein nettes Detail für den Beifahrer: Auf Knopfdruck surrt der Sitz nach vorne, eine Fußstütze fährt aus und die Lehne senkt sich in eine bequeme Ruheposition. Zwischen den Vordersitzen findet sich zudem ein gekühltes Fach, das Platz für fünf kleine Wasserflaschen bietet. Das große Panorama-Schiebedach gefällt durch seine klassische Bedienung über einen griffigen Schalter im Dachhimmel.
Sieben Sitze – doch ganz hinten wird es eng
Auch in der zweiten Reihe setzt sich der luxuriöse Anspruch fort, da sich Sitzposition und Lehne hier ebenfalls elektrisch einstellen lassen. Allerdings sind die Sitzflächen auf diesen Plätzen sehr straff gepolstert, sodass es etwas an Seitenhalt mangelt. Für den Zugang zur dritten Reihe fährt die geteilte zweite Sitzreihe auf Knopfdruck nach vorne und hebt sich gleichzeitig an, um den Einstieg nach ganz hinten zu erleichtern. Die dritte Sitzreihe lässt sich bei Bedarf schnell ausklappen. Während diese beiden hintersten Plätze laut Hersteller primär Kindern vorbehalten sind, finden dort im Notfall für kurze Strecken auch Erwachsene bis zu einer Körpergröße von etwa 1,80 Metern noch einigermaßen Platz.

Unter dem Blech arbeitet ein 143 PS starker 1,5-Liter-Turbobenziner.
Ein Schwachpunkt thront in der Mitte des Armaturenbretts: Der große Zentralbildschirm bietet zwar eine scharfe Darstellung, doch zu viele essenzielle Einstellungen, wie etwa die Justierung der Außenspiegel, verschwinden in tiefen Untermenüs. Erfreulich problemlos lassen sich hingegen Apple Carplay und Android Auto anbinden, auch wenn es nach einem Wechsel zur Medienseite teils hakt, wieder automatisch zur Navigation zurückzukehren.
Gute Kamera, schwache Sprachsteuerung
Originell sind die animierten Hintergrundbilder, wie etwa ein brennendes Lagerfeuer vor einer Bergkulisse. Äußerst praktisch ist zudem die 540°-Panoramakamera, deren Rundumansicht sich flüssig per Fingerwisch schwenken lässt. Die Sprachsteuerung enttäuschte jedoch im Test: Nach dem Zuruf ‚Hello Chery‘ verstand das System selbst auf Englisch zwei frei gesprochene Kommandos nicht."Aber immerhin sollten sich solche Probleme durch Softwareupdates lösen lassen.
Chery Tiggo 9 CSH – Technische Daten (vorläufig)
Fünftüriger, siebensitziger SUV der Mittelklasse; Länge: 4,81 Meter, Breite: 1,92 Meter (mit Außenspiegeln: k.A.), Höhe: 1,74 Meter, Radstand: 2,80 Meter, Kofferraumvolumen: 143/819/2.065 Liter.
Plug-in-Hybrid mit 1,5-Liter-Turbobenziner und drei E-Motoren mit 315 kW/428 PS Systemleistung, Systemdrehmoment: 580 Nm, 0-100 km/h: 5,4 s, Vmax: 180 km/h, Verbrauch: 1,68 l/100 km plus 25,32 kWh/100 km, Akkugröße: 34,46 kWh (brutto) / 32,39 kWh (netto), Reichweite: 144 km (WLTP), Ladeleistung: 70 kW (DC), 6,6 kW (AC), Ladedauer: DC: 10-80 % in ≤ 30 Minuten.
Preis: ca. 41.200 Euro
Kurzcharakteristik
Warum: Sehr viel Platz, guter Fahrkomfort, hohe Ausstattung zum fairen Preis
Warum nicht: Keine Antriebsalternativen, niedrige Anhängelast, unbefriedigende Sprachsteuerung
Wann kommt er: 2027










