Nissan Micra im Test: Reicht Design als Argument?

Fahrbericht Elektro-Kleinwagen von Nissan
Reicht das Micra-Design gegen die Konkurrenz?

Der neue Nissan Micra teilt sich viel Technik mit dem Renault 5, will aber mit eigenständigem Design, einfacher Bedienung und solidem Fahrkomfort überzeugen – hat aber auch ein paar kleine Schwächen. Die Fakten mit Bildergalerie.

Nissan Micra bei Nacht vor dem Atomium in Bruessel.
Foto: Nissan

Der neue Micra steht vor keiner leichten Aufgabe. Im seit neuestem boomenden Segment der elektrischen Kleinwagen reicht es nicht, einfach nur sauber gemacht zu sein. Man braucht ein klares Profil. Nissan glaubt, dieses Profil vor allem über das Design gefunden zu haben. Das ist mutig, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Denn technisch ist die Nähe zum Renault 5 offensichtlich. Umso wichtiger ist für den Micra die Frage, ob er über die bekannte Basis hinaus einen eigenen Charakter entwickelt.

Nissan Micra in roter Lackierung, frontseitig fotografiert vor der Skyline von Duesseldorf.
Nissan

Der Micra will sich nicht über Technik, sondern vor allem über seinen eigenständigen Auftritt vom Allianz-Bruder Renault 5 absetzen.

Kein Weltauto mehr, sondern Europa-Modell

Genau das gelingt ihm zumindest optisch ziemlich gut. Der neue Micra ist erstmals ein rein elektrisches Europa-Modell und kein globaler Kompromiss mehr. Gebaut wird er in Nordfrankreich, gemeinsam mit dem Renault 5. Das Ergebnis ist ein Kleinwagen, der eigenständiger wirkt als viele seiner Vorgänger. Statt beliebig zu sein, setzt er auf runde Formen, eine freundliche Lichtsignatur und einen insgesamt modischen Auftritt. Anders als der stärker retro-orientierte Renault 5 zitiert der Micra frühere Baureihen nur vorsichtig.

Die markanten Leuchten vorn und hinten sorgen für Wiedererkennungswert. Auch die serienmäßigen 18-Zoll-Räder tragen zum stimmigen Auftritt bei. Beim Basismodell sind es noch Stahlräder mit gut gemachten Abdeckungen, in höheren Varianten echte Alus.

Nissan Micra waehrend eines Ladevorgangs an einer Schnellladesaeule.
Nissan

Geladen wird mit bis zu 100 kW Gleichstrom. Auf der Langstrecke hilft ab der Linie Advance die integrierte Navigation bei der Batterie-Vorkonditionierung.

Zwei Batterien, zwei Leistungsstufen, vier Varianten

Nur: Ein nettes Gesicht verkauft noch kein Auto. Nissan nennt deshalb neben dem Design noch einfaches elektrisches Fahren und intuitive Technik als weitere Stärken. Tatsächlich ist der Micra hier ordentlich aufgestellt – aber nicht in jeder Version gleich überzeugend.

Es gibt zwei Batteriegrößen und zwei Leistungsstufen: 40 kWh mit 90 kW/122 PS sowie 52 kWh mit 110 kW/150 PS. Die kleine Batterie kommt auf 317 Kilometer WLTP-Reichweite, die große auf 416 Kilometer. Beide laden mit bis zu 100 kW DC und 11 kW AC, beide sind für bidirektionales Laden vorbereitet.

Die Basis spart an einer entscheidenden Stelle

Entscheidend ist aber die Ausstattung. In der Basisversion fehlt ein Punkt, der bei einem E-Auto eben nicht nebensächlich ist: die integrierte Routenplanung mit Batterie-Vorkonditionierung. Navigiert wird dort nur über das Smartphone, die Batterie wird zwar gekühlt, aber nicht aktiv geheizt. Erst ab Advance kann das System die Batterie vor dem Schnellladen vorwärmen.

Blick in den Innenraum des Nissan Micra mit Vordersitzen, Cockpit und Zentraldisplay.
Nissan

Ordentlich verarbeitet und logisch aufgebaut, aber nicht ganz eigenständig: Im Cockpit zeigt sich die enge Verwandtschaft zum Renault 5 deutlich.

Google-Infotainment macht den Micra alltagstauglicher

Unser Testwagen in der Linie Evolve hatte das integrierte Google-System an Bord, und genau das ist im Micra mehr als nur ein nettes Komfortdetail. Das Infotainment wirkt im Alltag schnell, übersichtlich und weitgehend selbsterklärend. Die Menüstruktur ist logisch aufgebaut, der zentrale Bildschirm reagiert zügig, und die Kombination aus Touchbedienung und einigen klassischen Tasten verhindert, dass man sich für jede Kleinigkeit durch Untermenüs hangeln muss. Gerade in dieser Fahrzeugklasse ist das keine Selbstverständlichkeit.

Positiv ist auch, dass das Infotainment nicht überladen wirkt. Nissan versucht hier nicht, möglichst viele bunte Ebenen und Effekte aufzutürmen, sondern setzt eher auf klare Darstellung. Das passt gut zum Auto. Auch die Sprachsteuerung erleichtert manche Eingaben, etwa bei Navigationszielen, ohne dass man zwingend den Bildschirm antippen muss.

Micra ist nicht frei von Schwächen

Noch ein Punkt: Das gute digitale Erlebnis hängt im Micra eben auch stark an der gewählten Ausstattung. Erst ab Advance wird das System für E-Auto-Nutzer wirklich komplett, weil dann Navigation und Batterie-Vorkonditionierung sauber zusammenspielen. In der Basisversion wirkt das Ganze deutlich abgespeckter. Genau deshalb ist das Infotainment im Micra nicht nur eine Frage von Bildschirmgröße und Apps, sondern auch eine der Alltagstauglichkeit.

Ganz frei von kleinen Schwächen ist das System aber nicht. Ein Beispiel: Der Touchscreen-Button für die Lenkradheizung sitzt auf der Beifahrerseite. Kleines Detail, klar. Aber eben auch eines, das zeigt, dass nicht alles bis ins Letzte durchdacht ist. Ähnlich bei der Reichweitenanzeige: Sie reagiert beim Wechsel zwischen Sport, Comfort und Eco nicht sofort, sondern orientiert sich an den bisherigen Verbräuchen. Das ist ehrlicher als manch geschönte Prognose, wirkt aber etwas behäbig.

Nicht immer ganz treffsicher arbeitete auf unserer Fahrt zudem die Verkehrszeichenerkennung. Das ist allerdings kein ureigenes Micra-Problem, sondern ein Phänomen, das man auch aus vielen anderen aktuellen Modellen kennt.

Geoeffneter Kofferraum des Nissan Micra mit Blick auf das Ladeabteil.
Nissan

Mit 326 Litern fällt der Kofferraum klassenüblich aus. In der Praxis bremsen allerdings die hohe Ladekante und die Stufe bei umgelegter Rückbank.

150 PS reichen im Micra locker aus

Auf der Straße zeigt der Micra dann, dass er mehr kann als nett aussehen. Die 110 kW des stärkeren Modells reichen in dieser Klasse völlig aus. 245 Nm Drehmoment, 8,0 Sekunden auf 100 km/h und 150 km/h Spitze sind keine Spektakelwerte, aber absolut passend. Der Micra fährt sich angenehm leicht, lenkt präzise ein und wirkt insgesamt gut abgestimmt.

Im Comfort- und Sportmodus steht die volle Leistung an, im Eco-Modus wird er deutlich zahmer. Dann stehen zunächst nur 50 kW und 215 Nm zur Verfügung. Für Stadt und Landstraße reicht das problemlos, bei Bedarf gibt es per Kickdown wieder die volle Leistung.

Fahrkomfort und Geräuschniveau überzeugen

Überraschend gut gelungen sind Fahrkomfort und Geräuschniveau. Für einen Kleinwagen ist der Micra erstaunlich kultiviert. Auf Landstraße und im Stadtverkehr bleibt es angenehm leise, selbst auf der Autobahn wirkt der Wagen erwachsener, als man es bei 3,97 Metern Länge erwarten würde. Gerade hier punktet der Nissan mehr, als es die reinen Daten vermuten lassen.

Mit voller Batterie zeigte unser Testwagen zunächst 334 Kilometer Reichweite an. Nach 235 Kilometern inklusive längerer Autobahnpassagen standen noch 65 Kilometer beziehungsweise 18 Prozent im Display. Daraus ergibt sich eine praktische Gesamtreichweite von rund 300 Kilometern. Bei etwa 10 Grad Außentemperatur ist das ordentlich.

Innen ordentlich, aber nicht ganz eigenständig

Weniger überzeugend fällt das Raumangebot aus. Vorn sitzt man gut, auch größere Fahrer finden ausreichend Platz. Der Kofferraum mit 326 bis 1.106 Litern liegt im Klassensoll. Auf der Rückbank wird es dagegen schnell eng. Für Kinder passt das, für vier Erwachsene auf längeren Strecken eher nicht.

Auch der Nutzwert bleibt begrenzt. Die Ladekante ist hoch, bei umgelegter Rückbank entsteht eine deutliche Stufe, einen Frunk gibt es nicht. Dazu kommt eine Anhängelast von nur 500 Kilogramm. Das reicht für Fahrradträger oder Kleinkram, aber eben nicht für mehr.

Die Verarbeitung ist für die Klasse gut, die Materialanmutung ebenfalls ordentlich. Natürlich gibt es Hartplastik, aber viele Flächen wirken sauber gemacht. Gleichzeitig bleibt sichtbar, wie viel Renault im Micra steckt. Cockpit-Aufbau, Bildschirme und Ablagen kennt man in ähnlicher Form bereits. Das ist nicht schlimm, aber eben auch nicht besonders eigenständig.

Nissan Micra mit geoeffneter Fahrertuer und Person neben dem Fahrzeug im Freien.
Nissan

Zum Marktstart kombiniert Nissan den Micra mit einem umfangreichen Garantie- und Wartungspaket. Dazu zählen unter anderem drei Jahre Neuwagengarantie und ein wartungsgebundener Anschluss-Schutz.

Preis und Garantie: gut abgesichert, aber kein Schnäppchen

Heikel bleibt die Preisfrage. Der Micra startet als Engage mit 40-kWh-Akku und 122 PS bei 27.990 Euro brutto beziehungsweise 23.521 Euro netto. Die sinnvollere Linie Advance kostet mit kleinem Akku 29.990 Euro brutto oder 25.202 Euro netto, mit großem Akku und 150 PS 32.990 Euro brutto beziehungsweise 27.723 Euro netto. Unser Evolve-Testwagen mit 52-kWh-Akku und 150 PS liegt bei 34.900 Euro brutto oder 29.328 Euro netto.

Immerhin versucht Nissan, den gehobenen Preiseindruck mit einem vergleichsweise breiten Garantiepaket abzufedern: drei Jahre Neuwagengarantie, fünf Jahre auf elektrische Antriebsstrang-Komponenten, acht Jahre auf die Batterie und ein wartungsgebundener Anschluss-Schutz von bis zu zehn Jahren sprechen eher für Langfristigkeit als für schnellen Abverkauf.

Der Micra ist damit kein günstiger Einstiegsstromer, sondern ein höher positionierter Kleinwagen. Das erweitert zwar die Zielgruppe, erhöht aber auch den Wettbewerbsdruck. Denn trotz Bonusprogrammen und möglicher Förderungen bleibt das Preisniveau ambitioniert: Mit 29.328 Euro netto ist unser Testwagen, der Micra Evolve, kein Schnäppchen.

Fazit: Der Micra ist gut, aber kein Selbstläufer

Der neue Micra ist besser, als es seine enge Verwandtschaft zum Renault 5 zunächst vermuten lässt. Er fährt gut, wirkt für einen Kleinwagen erstaunlich erwachsen und macht das elektrische Fahren ab der mittleren Ausstattung angenehm unkompliziert. Die Schwächen sind aber ebenso klar: hinten knapp, beim Nutzwert begrenzt und für das Segment ziemlich teuer.

Unterm Strich ist der Micra kein Überflieger, aber ein sympathischer und solide gemachter E-Kleinwagen mit eigenem Gesicht. Nissan dürfte also recht behalten: Am Ende wird tatsächlich oft das Design entscheiden. Nur reicht das diesmal eben nicht allein – es trifft auf ein insgesamt ordentliches Auto.

Technische Daten Nissan Micra Evolve 52 kWh

Fünftüriger Kleinwagen mit Frontantrieb. Länge: 3.974 mm. Breite: 1.774 mm. Höhe: 1.490 mm. Radstand: 2.541 mm. Wendekreis: 10,3 m. Leergewicht inkl. Fahrer: 1.527 bis 1.556 kg. Zulässiges Gesamtgewicht: 1.930 kg. Zuladung: 373 bis 408 kg. Kofferraum: 326 bis 1.106 l. Anhängelast gebremst/ungebremst: 500 / 500 kg.

Nissan Micra Engage 40 kWh: Elektromotor mit 90 kW/122 PS und 225 Nm Drehmoment. Lithium-Ionen-Batterie mit 40 kWh. WLTP-Reichweite: 317 km. WLTP-Verbrauch: 14,2 kWh/100 km. 0–100 km/h in 9,0 s. Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h. AC-Laden bis 11 kW. DC-Laden bis 100 kW. Ladezeit DC 15–80 Prozent: rund 30 Minuten. Preis: 27.990 Euro brutto / 23.521 Euro netto.

Nissan Micra Advance 52 kWh: Elektromotor mit 110 kW/150 PS und 245 Nm Drehmoment. Lithium-Ionen-Batterie mit 52 kWh. WLTP-Reichweite: 416 km. WLTP-Verbrauch: 14,7 kWh/100 km. 0–100 km/h in 8,0 s. Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h. AC-Laden bis 11 kW. DC-Laden bis 100 kW. Ladezeit DC 15–80 Prozent: rund 30 Minuten. Preis: 32.990 Euro brutto / 27.723 Euro netto.

Nissan Micra Evolve 52 kWh (Testwagen): Elektromotor mit 110 kW/150 PS und 245 Nm Drehmoment. Lithium-Ionen-Batterie mit 52 kWh. WLTP-Reichweite: 416 km. WLTP-Verbrauch: 14,7 kWh/100 km. Testverbrauch: 16,4 kWh/100 km. 0–100 km/h in 8,0 s. Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h. AC-Laden bis 11 kW. DC-Laden bis 100 kW. Ladezeit DC 15–80 Prozent: rund 30 Minuten. Preis Testwagen: 34.900 Euro brutto / 29.328 Euro netto.