Wie Polestar zur eigenständigen Marke wurde
Polestar ist als eigenständige Marke relativ neu und blickt aber doch schon auf eine etwas längere Geschichte zurück. Zunächst als reines Racing-Team gegründet, später von Volvo übernommen und als Tuning-Marke à la AMG genutzt, wurde die Volvo-Division vom Mehrheitseigentümer Geely 2017 zur eigenen Marke innerhalb des Konzerns hochgestuft und versucht nun, ausschließlich mit Elektroautos zu reüssieren.
Unser Testwagen, der Polestar 4, zählt mit seiner Länge von 4,84 Metern und seinem Grundpreis von 52.017 Euro (alle Preise netto) schon zur gehobenen SUV-Coupé-Mittelklasse. Es gibt den Fünftürer in zwei Versionen: mit Allradantrieb, zwei E-Motoren und 400 kW/544 PS Leistung ab knapp 58.824 Euro sowie die von uns gefahrene 6.723 Euro günstigere Version mit Single-Motor, Heckantrieb und 200 kW/272 PS.

Das Fahrwerk ist allerdings ein wenig straff abgestimmt, was vor allem die Fondpassagiere zu spüren bekommen.
Warum der Polestar 4 auf eine Heckscheibe verzichtet
Elektro-SUV in ähnlicher Größen- und Preisklasse gibt es mittlerweile recht viele, genannt werden könnten etwa Audi A6 e-tron, Genesis GV60 oder BYD Seal U. Speziell beim Antrieb, aber auch beim Design sind sich die Fahrzeuge im SUV-Segment recht ähnlich geworden. Vielleicht als Unterscheidungsmerkmal entschied man sich bei Polestar daher, die "Heckscheibe" nicht als Glasfenster auszuführen, sondern voll zu verkleiden.
Das könnte man als konsequent durchgehen lassen, gleichen die Heckfenster speziell bei Coupés wegen der in diesem Segment üblichen flachen Karosserielinien häufig sowieso eher Schießscharten. In der Praxis hat das Konzept jedoch Nachteile. Zum einen ist es auf den hinteren Sitzen trotz Panoramadach dunkler als gewohnt, zum anderen muss sich der Fahrer seine Informationen zu allem, was hinter seinem Fahrzeug geschieht, über eine Rückfahrkamera abholen, die das Bild in den "Rückspiegel" projiziert.
Was das fehlende Heckfenster im Polestar 4 bedeutet
Das Ablesen gestaltet sich speziell für kurzsichtige Brillenträger nicht gerade einfach, müssen diese doch ihre Augen beim Wechsel vom Blick auf die Straße hin zum Kamerabild stets neu fokussieren. Das dauert stets ein wenig und ist letztlich unkomfortabel. Wer in der glücklichen Lage ist, (noch) ohne Sehhilfe auszukommen, wird diese Einschränkung nicht stören. Man könnte allerdings Spekulationen darüber anstellen, bei wie vielen Menschen mit dem für dieses Fahrzeug nötigen Einkommen, dies wohl der Fall sein wird.

Innen geht es sportlich-kühl zu.
Innenraum und Bedienung des Polestar 4 im Test
Ansonsten ist der Innenraum sauber und hochwertig verarbeitet, wenn auch ein wenig steril gestaltet. Es gibt die üblichen großen Bildschirme, 15,4 Zoll für das Hauptdisplay, 10,2 Zoll misst das vor dem Fahrer aufgebaute Zentraldisplay und wichtige Informationen werden direkt ins mit 14,7 Zoll überdurchschnittlich große Head-up-Display gespiegelt. Die Bedienung ist nicht gerade selbsterklärend, einige wichtige Einstellungen müssen via Bildschirm und Lenkradtasten umständlich vorgenommen werden. Es fehlt an echten Tasten und Direktzugriffen.
Google-System und Materialien im Polestar 4
Wie auch bei Volvo ist ein praktisch fehlerlos arbeitendes Google-Betriebssystem an Bord und es gibt jede Menge, wie üblich teilweise ziemlich übergriffige und manchmal auch unpräzise (Verkehrsschilder) Assistenzsysteme. Bei den Materialien setzt Polestar auf recycelte Stoffe und Kunststoffe. Wer Leder haben will, erhält welches von zertifizierten Betrieben.
Wie viel Platz und Kofferraum der Polestar 4 bietet
Platz offeriert der Polestar 4, wie bei Elektroautos dieser Länge und Breite (2,01 Meter ohne Außenspiegel) zu erwarten, in Hülle und Fülle. Speziell der Fond bietet geradezu einen Überfluss an Raum. Aber die Designer haben dafür gesorgt, dass dies nicht auf Kosten des Kofferraums geht. 526 Liter Gepäck gehen hinein und wer keine Mitfahrer hinten transportiert, kann das Ladevolumen auf 1.536 Liter erweitern. Hinzu kommt ein kleiner, 15 Liter fassender Kofferraum (Frunk) vorn, in dem sich das Ladekabel prima verstauen lässt.

Der Vierer ist über 4,80 Meter lang.
Ladeleistung und reale Reichweite des Polestar 4
Apropos Laden: Mit 200 kW in der Spitze, rund 150 kW im Durchschnitt während des Tests, gehört der Polestar 4 zum Durchschnitt im Lande. Für die Aufladung von 10 auf 80 Prozent benötigt der China-Schwede am Schnelllader 30 Minuten. Der Akku mit einer Kapazität von 100 kWh soll für 620 Kilometer Reichweite bürgen. Wir kamen mit unserem Durchschnittsverbrauch von 24,3 kWh unter winterlichen Bedingungen auf rund 400 Kilometer.
So fährt sich der Polestar 4 im Test
Die Fahrt im Polestar 4 gestaltet sich auch dank des kräftigen, 272 PS starken Motors dabei durchaus erfreulich. Das Fahrwerk ist allerdings ein wenig straff abgestimmt, was vor allem die Fondpassagiere zu spüren bekommen. Die Bremsen packen kräftig zu und die Lenkung ist präzise, beide könnten allerdings gerne noch etwas mehr Rückmeldung geben. Leichte Probleme gibt es nur, wenn man den 4er sehr sportlich durch Kurven bewegen will, da das Heck dann deutlich nach Außen drängt.
Was für und gegen den Polestar 4 spricht
Insgesamt stehen vielen positiven Aspekten einige wenige Schwachpunkte gegenüber, zu denen auch der ziemlich hohe Preis und die mickrige Zwei-Jahres-Garantie zählen. Und ja, über die fehlende Heckscheibe kann man trefflich streiten. Uns zumindest wäre das vertraute Glas lieber gewesen.
Polestar 4 Single Motor – Technische Daten
Fünftüriges, fünfsitziges SUV-Coupé der gehobenen Mittelklasse, Länge: 4,84 Meter, Breite: 2,01 Meter (mit Außenspiegeln: 2,14 Meter), Höhe: 1,53 Meter, Radstand: 3,00 Meter, Kofferraumvolumen: 526 bis 1.536 Liter, Frunk: 15 Liter
Elektromotor, Heckantrieb, 200 kW/272 PS, Drehmoment: 343 Nm, 1-Gang-Automatik, 0-100 km/h: 7,1 s, Vmax: 200 km/h, Akku-Kapazität: 100 kW/h, Reichweite (WLTP): 620 km, DC-Laden: 200 kW – 10-80 % - 30 Min.; AC-Laden: 11 kW – 0-100 % – 11 Std.; Verbrauch (WLTP): 17,8–18,4 kW/h/100 km, Testverbrauch: 24,3 kWh
Preis: ab 52.017 Euro
Kurzcharakteristik
Warum: kraftvoller Motor, akzeptable Realreichweite, gute Verarbeitung, großer Innen- und Kofferraum
Warum nicht: nur zwei Jahre Garantie, teuer, hinten sitzt es sich ganz schön dunkel









