In der elektrischen Oberklasse geht es meist um Superlative: mehr Leistung, kürzere Sprints, immer neue Technikversprechen. Der Volvo ES90 scheint da nicht mitzumachen. Er beeindruckt zwar durch seine Eleganz und schiere Größe, doch wer ihn fährt, merkt schnell, dass hier nicht die linke Spur im Mittelpunkt steht, sondern Reisen ohne Stress.
Große Heckklappe, flache Scheibe
Im Profil erinnert der ES90 an den Polestar 2. Die grundlegende Linienführung teilen sich beide Modelle, allerdings fällt der Volvo deutlich größer aus. Mit exakt fünf Metern Länge verabschiedet sich Volvo von der klassischen Limousine und positioniert den ES90 irgendwo zwischen Limousine und Crossover. Einerseits sorgt der Unterbau für eine erhöhte Bodenfreiheit von 18 Zentimetern, zudem sorgt die Batterie im Unterboden für eine erhöhte Karosserie. Dennoch liegt der cw-Wert bei 0,25. Die geschlossene Front, die markante „Thor’s Hammer“-Lichtsignatur und die zum Heck hin fließende Dachlinie verleihen dem Schweden einen eigenständigen Auftritt.

Praktisch ist der tief geschnittene Kofferraum mit weit öffnender Heckklappe, Zwischenboden und Zusatzstaufach. Dieser lässt sich von 424 auf 1.427 Liter erweitern.
Praktischer Kofferraum
Praktisch zeigt sich das Heck: Der Kofferraum ist tief geschnitten, die Heckklappe öffnet weit. Mit Zwischenboden und zusätzlichem Staufach lässt sich das Ladevolumen von 424 auf bis zu 1.427 Liter erweitern. Vorn kommt ein kleiner 27-Liter-Frunk für das Ladekabel hinzu. Abzüge gibt es bei der Übersicht nach hinten: Die flache Heckscheibe erlaubt – auch wegen der drei Kopfstützen der Rückbank – nur eingeschränkte Sicht.
Single-Motor-Antrieb mit ruhigem Charakter
Unterwegs waren wir im Großraum München mit der Single-Motor-Version des ES90 (Testwagenpreis: 77.831 Euro netto) mit „Sand Dune“-Lackierung. Auf dem Datenblatt stehen 333 PS und 480 Nm mit Hinterradantrieb – keine wirklich imponierenden Werte auf den ersten Blick, aber genug, um zügig unterwegs zu sein. Genau so fährt sich der Volvo auch: Der Durchzug ist mehr als ordentlich. Auf der Autobahn legt der ES90 ruhig los und zieht gleichmäßig kräftig durch. Der Sprint auf 100 km/h soll dem 2,4-Tonner laut Hersteller in 6,6 Sekunden gelingen. Wie bei Volvo üblich, wird bei 180 km/h abgeregelt. Kurzfristig konnten wir die Vmax von 180 km/h überbieten, allerdings nur um 3 km/h. Und aufgrund der speziellen Akustikverglasung bleibt es selbst bei höherem Tempo leise im Innenraum – man kommt an, ohne sich groß „gefahren“ zu fühlen.

Zwei Bildschirme plus Head-up-Display dominieren das Cockpit, klassische Tasten sind rar. Entsprechend sind einige Funktionen nicht selbsterklärend.
Gute Assistenzsysteme mit kleiner Schwäche
Die Assistenzsysteme sind insgesamt sehr gut abgestimmt: Zur optionalen Zusatzausstattung des Testwagens gehörte auch das „Pilot-Assist-System“ von Volvo. Temporegelung und Spurhaltung agieren im Hintergrund, ohne den Fahrer mit spürbaren Eingriffen zu irritieren. Weniger überzeugend zeigt sich dagegen die Verkehrszeichenerkennung von Tempolimits, die sich während der Testfahrt einige Patzer leistete.
Groß, aber überraschend handlich
Trotz seiner fünf Meter Länge wirkt der ES90 im Stadtverkehr weniger sperrig als erwartet. Die Lenkung ist weich ausgelegt, ohne schwammig zu wirken, und gut einschätzbar. Beim Rangieren hilft die Zentimeteranzeige im Display, die präzise zeigt, wie viel Platz noch bleibt.

Mit 800-Volt-Betriebsspannung lassen sich bis zu 310 kW am Schnelllader abrufen. 260 Kilometer Reichweite sollten so in zehn Minuten in der Batterie gespeichert sein.
Bewährte Technik statt Plattformwechsel
Technisch basiert der ES90 auf einer weiterentwickelten SPA2-Plattform, kombiniert mit einer 800-Volt-Architektur. Dass Volvo hier nicht bereits auf die ganz neue SPA3 setzt, ist weniger ein Rückschritt als eine bewusste Entscheidung. Der ES90 ist konstruktiv eng mit dem EX90 verwandt – und nutzt dessen Basis.
Schnelles Laden – unter passenden Bedingungen
Mit bis zu 310 kW DC-Ladeleistung sollte es nun möglich sein, den Akku von 10 bis 80 Prozent in 22 Minuten aufzuladen. Theoretisch wären so 260 Kilometer Reichweite in zehn Minuten möglich. In der Praxis bedeutet das: schnelle Ladepausen – allerdings nur unter optimalen Bedingungen. Bei der Reichweite gibt Volvo als maximale WLTP-Reichweite 630 km, bei einem Stromverbrauch von 15,9 kWh/100 km. Diesen Wert haben wir allerdings bei unserer nicht repräsentativen Testfahrt schnell einkassiert. Bei Temperaturen um Null Grad verbrauchte der ES90 im Schnitt 22 kWh. Damit schrumpft die Reichweite auf 450 km.
Zurückhaltendes Design mit klarer Linie
Das Design ist klar und typisch Volvo. Vorn der bekannte „Thor’s Hammer“, hinten bewusst zurückhaltend, dazwischen ruhige Flächen ohne Spielereien. Auffällig ist vor allem, was fehlt: aggressive Linien oder optische Effekte. Auch die erhöhte Bodenfreiheit – möglich durch das Luftfahrwerk – ist keine Show, sondern eher dem derzeitigen „SUV-bequemes-Einsteigen-Effekt“ geschuldet.
Minimalismus mit einem haptischen Akzent
Innen setzt Volvo seinen Minimalismus konsequent fort. Physische Tasten sind praktisch nicht mehr vorhanden, nahezu alle Funktionen wandern in den zentralen Touchscreen – selbst solche, die früher mechanisch gelöst waren, wie das Handschuhfach. Mit einer Ausnahme: dem hübschen Audioregler in Kristallglas-Optik. Er versteht sich vermutlich als haptischer Kontrast zur ansonsten digitalen Bedienwelt.
Touch-Bedienung nicht immer optimal
Die ausschließlich digitale Bedienung ist zwar konsequent, aber nicht immer konsequent praktisch. Während die Menüstruktur logisch aufgebaut ist und sich schnell erschließt, bleiben fehlende Direktzugriffe wie der zum Handschuhfach oder der Seitenspiegeleinstellung ein Kritikpunkt. Gerade im beruflichen Alltag, wenn Ablenkung vermieden werden soll, wären einzelne haptische Bedienelemente sinnvoll gewesen.
ADAC und Euro NCAP mahnen Umdenken an
Das sieht auch die aktuelle Analyse des ADAC so: Der Automobilclub kritisiert, dass die zunehmende Verlagerung von Funktionen in Touchscreen-Menüs die Bedienzeiten verlängert und die Ablenkung während der Fahrt erhöht. Entsprechend verschärft auch Euro NCAP seine Bewertungskriterien: Sicherheitsrelevante Funktionen müssen künftig wieder über direkt erreichbare, haptische Bedienelemente verfügen.

Vorteil: Beim Rangieren zeigt der zentrale Touchscreen des Volvo ES90 eine Kameraansicht mit präziser Abstandsanzeige in Zentimetern.
Hochwertiger Innenraum
An der Qualität lässt der ES90 dagegen keinen Zweifel. Echtholz, Aluminium, hochwertige Oberflächen – alles fühlt sich stimmig an. Das im Testwagen verbaute optionale Bowers-&-Wilkins-Soundsystem hebt den Innenraum akustisch auf Referenzniveau. Vorne sitzt man äußerst bequem und aufgrund des XXL-Radstands bietet der Fond enorm viel Kniefreiheit – die sollte man aber nicht automatisch mit viel Beinfreiheit gleichsetzen. Der Fußraum hat hinten eine geringe Tiefe, wodurch Erwachsene mit stark angewinkelten Beinen sitzen. Außerdem lassen sich die Füße nicht unter die Vordersitze schieben, was verhindert, dass die Beine im Fond ausgestreckt werden können. Sehr cool dagegen sind das elektrochromatische Panoramaglasdach sowie die separate Klimazone mit Sitzheizung und -belüftung.
Preise und Austattungsoptionen
59.244 Euro netto kostet der ES90 als Single Motor in der Basisversion Core. 3.361 Euro zusätzlich werden für die Ausstattung Plus fällig, 10.084 Euro das Topniveau Ultra. Unter anderem wegen der empfehlenswerten Luftfederung ist diese Mehrinvestition eine Empfehlung wert. Dank Premium-Sound, Pilot-Assist-Paket, 22-Zoll-Rädern und einigen weiteren Extras kostete unser Exemplar 77.831 Euro.
Ein Dienstwagen mit klarer Haltung
Der Volvo ES90 setzt andere Schwerpunkte als viele elektrische Oberklassemodelle. Im Vergleich zu BMW i5 oder Mercedes-Benz EQE steht weniger Sportlichkeit im Fokus, dafür ein ruhiges, komfortables Fahrgefühl. Leistung und Reichweite sind alltagstauglich, der Innenraum hochwertig, die Bedienung nicht immer optimal gelöst. Insgesamt eignet sich der ES90 vor allem für Fahrer, die viele Kilometer zurücklegen und dabei Wert auf Ruhe statt Dynamik legen.
Volvo ES90 Single Motor – Technische Daten:
Viertürige, fünfsitzige Elektro-Limousine der Oberklasse:
Länge: 5,00 Meter, Breite: 1,94 Meter (mit Außenspiegeln: 2,11 Meter), Höhe: 1,55 Meter, Radstand: 3,10 Meter, Kofferraumvolumen: 424 Liter; Leergewicht: 2.410 kg; zulässiges Gesamtgewicht: 2.900 kg
Basis: permanenterregter Synchron-Heckmotor mit 245 kW/333 PS, Drehmoment: 480 Nm, 0–100 km/h: 6,6 s, Hinterradantrieb, Vmax: 180 km/h
Verbrauch: 15,9 kWh/100 km (WLTP); Lithium-Ionen-Akku, nutzbare Kapazität: 88 kWh; Reichweite: bis zu 630 km bzw. 751 km innerorts (WLTP); Ladeleistung: bis zu 350 kW (DC, 10–80 % in ca. 22 Minuten), 11 kW (AC)
Preis ab 59.244 Euro netto; Testwagenpreis: 77.831 Euro netto








