Volvo EX60 im Test: Elektro-SUV für Flotten

Warum Volvo alles auf EX60 setzt
Der E-SUV soll die Wende bringen

Der Volvo EX60 tritt zurückhaltend auf, punktet aber mit 800-Volt-Technik, bis zu 810 Kilometern Reichweite und einer Plus-Ausstattung, die selbst kritische Fuhrparkleiter überzeugen soll. Fahrbericht mit allen Infos und großer Bildergalerie.

Volvo EX60 in der Seitenansicht vor dem Alsterhaus in Hamburg
Foto: Volvo

Andere Hersteller pappen sich leuchtende Logos und ein Lichtspektakel auf die Front, kaum ist “E” aufs Blechkleid geschrieben. Volvo lässt das beim EX60 bleiben. Kein beleuchtetes Markenemblem, kein Schauspiel an der Front, es bleibt bei der bekannten Lichtsignatur, die die Schweden “Thors Hammer” nennen. Auffallen will der EX60 damit nicht – präsent wirkt er trotzdem. Diesen Eindruck bestätigt auch unsere erste Ausfahrt rund um Hamburg.

15,0 kWh – der Wert hat einen Haken

Start bei bestem Sommerwetter am Hotel Fontenay, gut zweieinhalb Stunden durch und um die Hansestadt, mit Stau auf der Autobahn und diversen Baustellen samt Tempolimit. Am Ende zeigte der Bordcomputer 15,0 kWh je 100 Kilometer – deutlich unter dem WLTP-Wert von 16,2 bis 19,2 kWh/100 km, den Volvo für den gefahrenen P10 AWD ausweist. Aussagekräftig ist das trotzdem kaum, denn Stau und Tempolimits haben das Tempo ordentlich gedrückt. Die 15,0 kWh zeigen also vor allem, was mit ruhigem Fuß möglich ist – nicht mehr, nicht weniger.

Vordersitze und Cockpit des Volvo EX60 von der Fahrerseite
Volvo

Viel Beinfreiheit und ergonomisch geformte Sitze mit Stoffbezug prägen die erste Reihe des Volvo EX60. Das Cockpit wirkt aufgeräumt, das Lenkrad recht klein, der Bildschirm im Hochformat sitzt zentral und gut ablesbar im Blickfeld des Fahrers.

Der EX60 ist Volvos erstes rein elektrisches SUV der Mittelklasse, das elektrische Pendant zum XC60. Ablösen soll er den erfolgreichen Plug-in-Hybrid aber nicht, beide bleiben parallel im Programm.

Warum der EX60 für Großkunden zählt

Fürs Flottengeschäft ist der Neue wichtiger, als es die zurückhaltende Optik vermuten lässt. Immer mehr Unternehmen schreiben in ihren Car Policies ausschließlich emissionsfreie Fahrzeuge vor. Wer in der Mittelklasse kein passendes Elektroauto im Programm hat, kommt bei solchen Kunden gar nicht erst zum Zug. Herrik van der Gaag, Geschäftsführer von Volvo Car Germany, nannte das D-SUV-Segment bei der Präsentation deshalb das wichtigste elektrische Segment im Flottengeschäft – ohne Elektroauto in dieser Klasse bleibe Herstellern bei Kunden mit Zero-Emission-Vorgaben schlicht die Tür verschlossen.

Volvo EX60 Digital Key: Smartphone ersetzt den Autoschlüssel
Volvo

Kein Schlüssel, kein Problem: Der Volvo EX60 lässt sich per Digital Key komplett übers Smartphone öffnen, starten und verriegeln. Praktisch – solange der Akku des Handys mitspielt. Einen klassischen Schlüssel gibt es nur gegen Aufpreis, was nicht jedem gefallen dürfte.

Volvo verliert Volumen, der E-Anteil klettert auf fast 80 Prozent

Zusätzliche Impulse könnte Volvo derzeit gut gebrauchen. Im ersten Halbjahr 2026 kam die Marke in Deutschland auf gut 26.000 Zulassungen und 1,8 Prozent Marktanteil – ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr, den Volvo unter anderem mit dem bevorstehenden Hochlauf des EX60 erklärt. Im Auftragseingang liegt der elektrifizierte Anteil nach Unternehmensangaben inzwischen bei fast 80 Prozent. Sprich: Der Erfolg des EX60 entscheidet mit, wie es mit Volvo hierzulande weitergeht.

Megacasting statt Blechpuzzle

Technisch ist der EX60 deutlich weniger zurückhaltend, als es sein Äußeres vermuten lässt. Er basiert auf der neuen SPA3-Plattform, die ausschließlich für Elektroautos entwickelt wurde. Eine wichtige Rolle spielt das sogenannte Megacasting: Ein großer Teil der hinteren Karosseriestruktur besteht nicht mehr aus zahlreichen verschweißten Einzelteilen, sondern aus einem einzigen Aluminium-Gussteil. Das soll Gewicht und Produktionskosten senken – gleichzeitig spricht Volvo von einer Verwindungssteifigkeit auf Sportwagenniveau. Auch die Batterie übernimmt konstruktive Aufgaben: Beim Cell-to-Body-Prinzip wird sie direkt in die Karosseriestruktur integriert, wodurch rund 70 Kilogramm eingespart werden sollen. Als Nebeneffekt verspricht sich Volvo davon Vorteile beim Seitenaufprallschutz.

Verstecktes Staufach unter dem Ladeboden des Volvo EX60
Volvo

Wo beim Verbrenner der Motor brummt, wartet beim EX60 Stauraum: 58 Liter fasst der Frunk unter der Fronthaube – genug für das Ladekabel oder den Rucksack, der sonst im Fußraum landet. Ein kleiner, aber alltagstauglicher Vorteil der Elektroplattform.

510 PS treffen auf überraschend viel Ruhe

Auf der Straße wirkt der EX60 entsprechend solide. Unser P10 AWD bringt es mit zwei Elektromotoren auf 375 kW respektive 510 PS Systemleistung, den Sprint auf 100 km/h erledigt er in 4,6 Sekunden. Für einen Dienstwagen dieser Größe ist das mehr als ausreichend – im Alltag eher Reserve als regelmäßig abgerufener Mehrwert. Bemerkenswerter ist die Ruhe im Innenraum: Abrollgeräusche dringen selbst bei höherem Tempo kaum durch, Windgeräusche sind zwar zu hören, bleiben aber moderat. Auf der Autobahn arbeiten die Assistenzsysteme angenehm unauffällig: Der Spurhalteassistent hält das Auto zuverlässig in der Fahrbahnmitte, ohne hektisch zu korrigieren, und der adaptive Tempomat regelt Abstand und Tempo weich – gerade auf längeren Etappen angenehmer als Systeme, die ständig mit deutlichen Eingriffen auf sich aufmerksam machen.

Bis zu 810 Kilometer Reichweite angekündigt

Beim Schnellladen setzt Volvo auf eine 800-Volt-Architektur, bis zu 370 kW Ladeleistung sollen am DC-Lader möglich sein. Unter optimalen Bedingungen lassen sich laut Hersteller in zehn Minuten bis zu 340 Kilometer Reichweite nachladen. “Damit gibt es kaum noch einen Grund zu sagen, ein Elektroauto könne nicht auf längeren Strecken eingesetzt werden”, sagt René Müller, Director Commercial Operations bei Volvo Car Germany. Beim P10 nennt Volvo je nach Ausstattung 554 bis 660 Kilometer WLTP-Reichweite, das Topmodell P12 soll maximal 810 Kilometer schaffen. Auf dem Papier jedenfalls kaum ein Grund zum Meckern.

Volvo EX60 Ladeanschluss für 800-Volt-Schnellladen
Volvo

Der CCS-Anschluss ist das Tor zur 800-Volt-Architektur: Bis zu 370 kW Ladeleistung erlaubt der Volvo EX60 am Schnelllader. In der Theorie sollen zehn Minuten für bis zu 340 Kilometer Reichweite reichen.

Google ist Serie, Apple Music kostet später extra

Innen bleibt Volvo seinem Stil treu: helle Stoffe, Nordico-Bezüge, Holzdekor – auf großflächigen Chromschmuck verzichtet der Hersteller bewusst. Vor dem Fahrer sitzt ein 11,4 Zoll großes Display, in der Mitte ein 15-Zoll-OLED-Touchscreen im Querformat. Als Betriebssystem kommt serienmäßig Google zum Einsatz, inklusive Gemini-Sprachassistent. Bei den digitalen Diensten lohnt sich allerdings ein Blick auf die Folgekosten: Apple Music ist im Digital-Service-Paket nur drei Monate kostenlos, danach werden 11,99 Euro im Monat fällig. Für einzelne Nutzer kein großer Betrag – über einen größeren Fuhrpark hinweg summiert sich das trotzdem.

Charmant gelöst ist dagegen das Handschuhfach: Weil die Elektroplattform keinen Kardantunnel braucht, sitzt es in der Mittelkonsole und lässt sich sowohl vom Fahrer als auch vom Beifahrer erreichen.

523 Liter Kofferraum, 2,4 Tonnen Anhängelast

An Platz mangelt es auch sonst nicht. Im Fond bleibt reichlich Beinfreiheit, der Kofferraum fasst 523 Liter, bei umgelegten Rücksitzen sind es maximal 1.647 Liter. Unter der Fronthaube wartet zusätzlich ein 58 Liter großer Frunk, Anhänger dürfen bis zu 2.400 Kilogramm wiegen.

Ab 62.990 Euro gegen BMW, Mercedes und Audi

Für Flottenkunden dürfte vor allem die Ausstattung der Basisversion Plus zählen. “Der EX60 ist bereits in der Plus-Ausstattung nahezu voll ausgestattet”, sagt Müller im Interview – ein Argument, mit dem Volvo im Preisvergleich mit der Konkurrenz punkten will. Der Einstieg gelingt als P6 mit Hinterradantrieb, 275 kW/374 PS und 83-kWh-Batterie für 62.990 Euro brutto. Der getestete P10 AWD startet bei 65.990 Euro, das Topmodell P12 AWD bei 71.990 Euro, jeweils in der Ausstattungslinie Plus. Für die Ultra-Linie, in der auch unser Testwagen unterwegs war, kommen rund 6.800 Euro Aufpreis dazu. Bei der Garantie bleibt es beim Standard: drei Jahre oder 100.000 Kilometer auf den Neuwagen, acht Jahre oder 160.000 Kilometer auf die Hochvoltbatterie.

Als direkte Konkurrenten sieht Volvo vor allem Mercedes-Benz, BMW und Audi. Chinesischen Premiummarken wie Xpeng oder Zeekr traut Müller technisch einiges zu, glaubt aber, dass ihnen bei Großkunden noch das dichte Händler- und Servicenetz fehlt. Ob dieses Argument auf Dauer trägt, wird sich zeigen. Für den Moment jedenfalls liefert der EX60 genau das, was Fuhrparkleiter von einem Flotten-Stromer erwarten: Reichweite, Ladetempo und eine ordentliche Basisausstattung – zurückhaltend verpackt, aber mit Substanz.

Technische Daten zum Volvo EX60:

Basisdaten: fünftüriger Mittelklasse-SUV der Premiumklasse mit Elektroantrieb, Länge: 4,80 Meter, Breite: 1,90 Meter (ohne Außenspiegel), Höhe: 1,64 Meter, Radstand: 2,97 Meter, Kofferraumvolumen: 523 – 1.647 Liter (zzgl. 58 Liter Frunk), Anhängelast: bis zu 2.400 kg

P6 electric (Hinterradantrieb): 275 kW/374 PS, Drehmoment 480 Nm, 0–100 km/h: 5,9 s, Vmax: 180 km/h, Lithium-Ionen-Batterie mit 83 kWh (max. 800 Volt), max. AC-Ladeleistung: 22 kW, max. DC-Ladeleistung: bis zu 370 kW, Reichweite: 511–611 km, Verbrauch: 18,0–14,9 kWh/100 km (WLTP). Preis: ab 62.990 Euro

P10 AWD electric (Allradantrieb): Systemleistung 375 kW/510 PS (Asynchronmotor vorn 300 kW/408 PS, 480 Nm + Permanentmagnet-Synchronmotor hinten 200 kW/272 PS, 310 Nm), 0–100 km/h: 4,6 s, Vmax: 180 km/h, Lithium-Ionen-Batterie mit 95 kWh (max. 800 Volt), max. AC-Ladeleistung: 22 kW, max. DC-Ladeleistung: bis zu 370 kW, Reichweite: 554–660 km, Verbrauch: 19,2–16,2 kWh/100 km (WLTP). Preis: ab 65.990 Euro

P12 AWD electric (Allradantrieb): Systemleistung 500 kW/680 PS (Asynchronmotor vorn 300 kW/408 PS, 480 Nm + Permanentmagnet-Synchronmotor hinten 200 kW/272 PS, 310 Nm), 0–100 km/h: 3,9 s, Vmax: 180 km/h, Lithium-Ionen-Batterie mit 117 kWh (max. 800 Volt), max. AC-Ladeleistung: 22 kW, max. DC-Ladeleistung: bis zu 370 kW, Reichweite: bis zu 810 km, Verbrauch: 16,0 kWh/100 km (WLTP). Preis: ab 71.990 Euro