Haftung abgefahrener Reifen

Wo ist die Grenze?

Aquaplaning, Regen, Michelin Foto: MICHELIN - F.LANOE

Soll man Reifen ganz abfahren oder früher tauschen? Die Ingenieure von Michelin haben da eine ganz eigene Meinung

Gigantische 128 Millionen neue Autoreifen ließen sich laut Michelin pro Jahr einsparen, wenn man sie bis 1,6 Millimeter herunterfahren würde. Doch die meisten Autofahrer und Fuhrparkbetreiber wechseln bereits bei rund drei Millimetern Restprofil und verschenken so in der Summe rund sieben Milliarden Euro. „Völlig unnötig“, meint Pierre Robert, der bei Michelin fürs Testprogramm zuständig ist. „Wir wollen, dass Reifen bis an gesetzliche Limit gefahren werden. Das ist gut für Umwelt und schont die Budgets.“

Aber sind herunter gefahrene Pneus sicher? Schließlich wechseln viele Autofahrer früher, weil ihrer Meinung nach weniger stark verschlissene Reifen besser haften. Dazu testete Michelin diverse eigene und fremde Produkte, verglich Fahreigenschaften und Bremswege von neuen mit abgefahrenen Reifen. Das Ergebnis überrascht: Ein gebrauchter Reifen haftet auf trockener Straßen besser als ein neuer. Außerdem verringert sich der Rollwiderstand mit beginnendem Verschleiß.

Extreme Unterschiede beim Bremsen auf Nässe

Kritisch kann dagegen das Fahrhalten bei Nässe werden. Dazu testete Michelin 13 Reifen diverser Fabrikate. Alle tragen das Label A bis F für Nasshaftung, erfüllen also die an den Bremsweg auf nasser Straße gesetzlichen Mindestanforderungen. Und so kam der Audi A3 bei einer Vollbremsung aus 80 km/h mit jedem der Reifen irgendwo zwischen rund 27 und 38 Metern zum Stehen.

Beim gleichen Test mit abgefahrenen Reifen fielen die Unterschiede im Bremsweg viel höher aus. Zwischen dem besten und dem schlechtesten Reifen lagen fast 25 Meter. Mit manchen der Reifen surft der Testwagen 30, 40 Meter weit ungebremst auf dem Wasserfilm, bevor das Gummi greift. Doch über die Qualität abgefahrener Reifen sagt das EU-Label nichts aus.

Ab wann ist ein Reifen unsicher?

Michelin plädiert deshalb dafür, einen Standard festzulegen, den alle zugelassenen Reifen auch an der Verschleißgrenze erfüllen sollen. „Wir wollen keine qualitative Aussage, die mit Werten hinterlegt ist, sondern nur einen Minimumstandard“, präzisiert Robert. Der Kunde solle sicher gehen, dass sein Auto auch mit abgefahrenen Reifen bei Regen noch einigermaßen Grip hat. „Das gäbe den Kunden die Gewissheit, ein bis ans Ende der Lebenszeit sicheres Produkt zu kaufen.“

Testergebnisse Test abgefahrene Reifen Michelin Foto: MICHELIN - F.LANOE
Michelin testete diverse Reifen mit 1,6 Millimeter Profiel. Die Unterschiede bei einer Vollbremsung aus 80 km/h auf nasser Straße sind eklatant.

Noch ist fraglich, ob alle Hersteller mitziehen. Schließlich werden manche Reifen so entwickelt, dass sie nur zu Beginn wirklich gut haften. Eine optimale Gummimischung darf sich jedoch nicht auf die oberen paar Millimeter der Lauffläche beschränken, sondern muss sich bis in den unteren Bereich fortsetzen. Sprich: Oben weich für guten Grip und wenig Rollwiderstand, unten hart für wenig Verschleiß ist nicht zielführend. Und wenn die Rillen nicht tief genug eingeschnitten sind, kann der Reifen mit zunehmendem Verschleiß kaum noch Wasser verdrängen: Die Folge sind Aquaplaning oder sehr lange Bremswege.

Pierre Robert Foto: MICHELIN - F.LANOE
Pierre Robert, fürs Testprogramm zuständiger Direktor von Michelin „Wir wollen keine qualitative Aussage, die mit Werten hinterlegt ist, sondern nur einen Minimumstandard."

Michelin hofft, dass die fürs Label zuständigen Organisationen bis 2024 die Mindestanforderungen für gebrauchte Reifen definieren. Wie aber soll das getestet werden? Woher sollen die abgefahrenen Pneus kommen? Bisher werden die Laufflächen neuer Reifen für die Tests auf 1,6 Millimeter abgefräst. Künstlich altern kann man den Reifen aber nicht. „Das Alter eines Reifens hat nur minimale Auswirkungen auf die Qualität“, sagt Robert, „viel stärker wirken sich Gummimischung, Profiltiefe und Bauart aus.“

Doch Mindestanforderungen oder Durchschnittswerte werden auf lange Sicht nicht genügen. Fahren Autos irgendwann völlig autonom, sollte die Steuerelektronik den Bremsweg in jeder Situation kennen. Sie muss wissen, dass Reifen A bei Regen besser haftet als Reifen B und der Wagen damit ein paar km/h schneller fahren kann. Deshalb tüfteln die Ingenieure von Michelin an Sensoren, die permanent die Profiltiefe messen.

Solche Sensoren könnten Autofahrern bereits heute helfen, das Meiste aus ihren Reifen herauszuholen und sie bis zum Ende zu fahren. Die Umwelt würde es danken: Die 128 Millionen eingesparten Reifen würden den CO2-Ausstoß um 6,6 Millionen Tonnen verringern.

Wussten Sie, dass…

…Autofahrer in Deutschland zu 99 Prozent auf trockenen Straßen oder mit weniger als einem Millimeter Wasserfilm unterwegs sind?

…71 Prozent aller Unfälle in Deutschland auf trockener Straße passieren?

…zwei Drittel der Unfälle im Stadtverkehr geschehen?

…bei 90 Prozent der Unfälle auf nasser Straße die Autos langsamer als 80 km/h fuhren?

…Aquaplaning nur für 0,15 Prozent aller tödlichen Unfälle verantwortlich ist?

…die Schneeflocke auf dem Reifen das einzige Symbol ist, hinter dem ein echter Test und damit eine qualitative Aussage über die Wintertauglichkeit steht?

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