Mercedes EQS: Steer-by-Wire im Test

Mercedes EQS mit Steer-by-Wire auf Alpenpässen
170 statt 540 Grad Lenkwinkel: Umgreifen ist passé

Der 5,23 Meter lange EQS wendet mit Steer-by-Wire auf 10,90 Metern – beinahe A-Klasse-Niveau. Fallen beide Lenksysteme aus, steuern Hinterräder und Bremsen das Auto aus der Gefahrenzone.

Mercedes EQS 2026
Foto: Mercedes

Südtirol-Fans kennen die Strecken genau – und sie wissen, dass die Fahrt über das Penser Joch und den Jaufenpass sehr reizvoll ist. Dass aber ein wenig Erfahrung auf Bergstraßen nicht schaden kann. Hilfreich ist auch das passende Gefährt. In unserem Fall ein gerade rundum aufgefrischter Mercedes EQS. Allerdings noch ein Prototyp mit dem neuen Lenkrad und der neuen Technik. Denn die Produktion der Versionen mit Steer-by-Wire ist noch nicht angelaufen. Bestellstart soll laut Mercedes noch in diesem Herbst sein. Kosten des spannenden Extras: 2.100 Euro (alle Preise netto) inklusive Hinterradlenkung plus Mehrwertsteuer. Also mit der gebotenen schwäbischen Akkuratesse: 2.500 Euro brutto. Bei EQS-Basispreisen ab 79.330 Euro sollte das gerade noch zu verkraften sein.

In der Elektro-S-Klasse fällt das Yoke stärker auf als bei Tesla

Apropos Lenkrad: Während der Rest des Lenksystems wie gehabt gut versteckt vor sich hinwerkelt, ist dieser „Yoke“-Lenker ein Hingucker, den man stolz herzeigen kann. Futuristisch sieht er aus, man muss sich in der sehr feinen Innenraum-Umgebung der elektrischen S-Klasse tatsächlich erst ein wenig an den Anblick gewöhnen. Im Tesla Model S und Model X ist das wegen deren hypercleaner und technoider Ausstattung weniger auffällig. Die dritte Marke im Bunde, Lexus mit dem RZ, liegt irgendwo in der Mitte.

Die Lenksäule fällt weg, ein Kabelstrang übernimmt

Das nach dem Ochsenjoch benannte Yoke ist nicht kreisrund wie ein Lenk„rad“, es ist flach und rechteckig. Und es liegt, das stellt sich bei der ersten Griffprobe nach dem Einrichten des Fahrersitzes heraus, richtig gut zur Hand. Vor dem Losfahren wird kurz nochmal rekapituliert, was Luc Diebold, der Mercedes-Mann hinter dem Lenken per Kabel, zuvor als theoretischen Unterbau geliefert hat: Die klassische Lenksäule hat bei diesem zusammen mit ZF entwickelten System ausgedient, die Impulse werden per Kabelstrang an die Stellmotoren auf der Achse übertragen.

Mercedes EQS 2026
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Liegende Acht statt Kreis: Der Yoke-Lenker wirkt im Mercedes EQS ein bisschen gewöhnungsbedürftig.

Zwei Steuergeräte, zwei Akkus – und ein Plan für den Totalausfall

Natürlich ist Steer-by-Wire redundant ausgelegt: Es gibt nicht nur ein, sondern zwei voneinander unabhängig arbeitende Steuergeräte und Kabelbündel mit je einem eigenen Akku und einem eigenen Stromkreis. Als zusätzliche Sicherung bei einem gleichzeitigen Ausfall beider Systeme kann das Fahrzeug im Zusammenspiel von Hinterradlenkung und gezielten Bremseingriffen aus möglichen Gefahrenbereichen gefahren werden. Und ja, ganz wichtig: Umlenken ist definitiv passé, dank der Drahtlenkung lassen sich die knappsten Spitzkehren mit sehr geringem Lenkeinschlag problemlos meistern. In Zahlen: Der maximale Lenkwinkel beträgt 170 Grad. Bei einer konventionellen Lenkung sind es 540 Grad – Umgreifen inklusive. Der Wendekreis sinkt beinahe auf A-Klasse-Niveau: 10,90 Meter sind für ein Auto dieses Formats ganz schön wenig.

Die Scheu vor dem Dreitonner am Yoke ist unbegründet

Die Theorie sitzt. Die Praxis gestaltet sich angesichts der Streckenführung auf den beiden Passstraßen sehr abwechslungs- und lehrreich. Die anfängliche Scheu vor einem bei jedem Zucken des Yoke wilde Kurven vollführenden Dreitonner stellt sich als unbegründet heraus. Die Umstellung von einem „normalen“ Auto auf den EQS mit der neuen Technik geht fix vonstatten. Am deutlichsten ist der Unterschied bei niedrigem Tempo, wenn sich die Hinterräder bis zu zehn Grad gegenläufig drehen, etwa wenn also etwa eine Serpentine durchfahren wird.

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Kurven-Fahrspaß: Der knapp drei Tonnen schwere Mercedes EQS vermittelt dank Steer-by-Wire fast schon Gokart-Gefühle.

Die 180-Grad-Kehre mit rund 90 Grad am Yoke

Während die Fahrer von Autos mit konventioneller Steuerung automatisch weit ausholen und im Kurvenausgang trotz heftigen Kurbelns meist mehr oder weniger deutlich über die Fahrbahnmitte geraten, lässt sich der 180-Grad-Turn mit Steer-by-Wire mit einem lässigen Yoke-Dreh um gerade mal rund 90 Grad exakt an der Innenkante entlang absolvieren. Auch das Einparken wird zum Kinderspiel, enge Ein- und Auffahrten verlieren ihren Schrecken. Die 5,23 Meter lange Elektrolimousine versprüht Gokart-Charme und mutiert zum Kurvenflitzer. Die Passkehren und das enge Kurvengeschlängel sind ideal, um die Vorteile der neuen Technik auszuloten. Die Schnellfahr-Eigenschaften lassen sich angesichts der Streckenführung nicht ausloten. Theoretisch aber wissen wir: Bei höherem Tempo lenken die Hinterräder parallel zu den Vorderrädern. Und das erhöht die Stabilität.

Wie natürlich fühlt sich die Lenkung an?

Was sonst auffällt beim Umgang mit der neuen Technik: Der Fahrkomfort ist durch den Wegfall der mechanischen Verbindung zwischen Lenkrad und Vorderachse noch einen Tick besser. Der Lenkeindruck orientiert sich stark am gewohnten Mercedes-Stil, die Software wurde mit einigem Aufwand darauf ausgerichtet. Ist er anders, fühlt er sich sozusagen „elektrisch“ an? Schwierige Frage, deren Beantwortung von persönlichen Vorlieben abhängig ist. Während sich manche Nutzer über die Homogenität der Lenkung freuen, fällt anderen vielleicht ein etwas synthetischeres Lenkgefühl auf – reine Geschmacksache.

Mercedes EQS 2026
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EQS-Update: Agilität und Kurvenverhalten profitieren deutlich von der neuen Lenktechnik.

Das Yoke hat noch einen Nebeneffekt

Als kleines Extra obendrauf ermöglicht der Yoke-Lenker einen besseren Blick auf das Zentralinstrument. Allerdings wirkt es auf den ersten Kilometern erst einmal etwas seltsam, dass der Blinkerhebel während einer Kurvenfahrt ohne den Griff hinters Lenkrad frei zugänglich an der Lenksäule thront. Beim Betätigen von Startknopf und Fußbremse dreht das Yoke übrigens selbsttätig in die waagrechte Position. Und sogar dieser Dreh ist sicherheitstechnisch abgesichert: Die dabei auftretende Kraft von maximal drei Newtonmetern wurde nämlich ganz bewusst gewählt: Damit bei einem theoretisch möglichen Kontakt zwischen dem Lenker und dem Bauch einer Schwangeren am linken Vordersitz nichts passieren kann. Südtirol