Es ist morgens um fünf und Seoul hält noch einmal kurz den Atem an, bevor die koreanische Hauptstadt wieder am Verkehr erstickt. Kaum Autos auf den breiten Magistralen, die Hochhäuser spiegeln das erste Licht, und selbst rund um den Han-Fluss ist es ungewöhnlich still. Genau jetzt gehört die Straße dem Renault Filante allein. Ein Luxus, den dieses Auto im Alltag selten erleben dürfte. Denn Seoul ist sonst das Gegenteil von leer – hektisch, dicht, fordernd und nach einem Renault dreht sich kaum einer um, selbst wenn die Franzosen hier streng genommen halb als Heimspieler wahrgenommen werden, seitdem sie Samsung Motors gekauft haben. Doch im Morgengrauen zeigt sich die Metropole von ihrer entspannten Seite. Und der große Franzose nutzt diese Bühne, als wäre sie für ihn gemacht.
Renault Filante zielt auf globale Märkte
Dass er ausgerechnet hier unterwegs ist, sagt viel über seine Rolle. Denn der stolze fünf Meter lange Blickfang ist kein Europäer im Exil, sondern ein bewusst für internationale Märkte entwickeltes Modell, das seit ein paar Wochen in Korea am Start ist und von hier aus zum Beispiel auch den Golf erobern soll. Bei Preisen, die nach europäischen Maßstäben mit lächerlichen 25.000 Euro beginnen, sollte das ein Kinderspiel sein.
Während sich Renault in Europa längst aus der Oberklasse verabschiedet hat und sich die Ambitionen für den Wiederaufstieg tapfer verkneift, wagen die Pariser in Korea den nächsten, vorsichtigen Schritt zurück ins Oberhaus. Entwickelt vor Ort, gebaut in Busan, gedacht für Kunden, die Größe und Komfort schätzen – ohne sich zwingend an deutschen Premium-Marken zu orientieren.

Renault hat ein neues Flaggschiff.
Eigenständiges Design statt Mainstream
Im ersten Licht dieses Morgens wirkt der Filante fast skulptural. Die klare, geschlossene Front mit ihrer markanten LED-Signatur, die flache Silhouette, das markant geschnittene Heck mit dem coolen Undercut – das alles tritt jetzt stärker hervor als später im dichten Verkehr. Neben etablierten Modellen wie dem Kia Sorento oder dem Hyundai Santa-Fe, die hier sonst das Straßenbild prägen, wirkt der Renault eigenständiger, fast ein wenig avantgardistisch.
Noch deutlicher wird der Unterschied, sobald er sich in Bewegung setzt. Lautlos rollt der Filante an, fast schwebend. Der Hybridantrieb nutzt die Ruhe des Morgens und fährt zunächst rein elektrisch. Kein Brummen, kein Dröhnen – nur das leise Abrollen der Reifen auf dem Asphalt. In einer Stadt, die wenige Stunden später im Lärm versinkt, ist das fast schon ein Statement.
Fahrverhalten: Komfort statt Sportlichkeit
Die leeren Stadtautobahnen rund um Gangnam bieten ungewohnte Freiheit. Der Filante beschleunigt gleichmäßig, ohne Hektik, aber mit Nachdruck. 250 PS und 565 Nm sorgen für souveränen Vortrieb, doch der Charakter bleibt gelassen. Kein aggressives Ansprechen, kein sportlicher Ehrgeiz – vielmehr ein ruhiger, kontrollierter Schub, der zum entspannten Gleiten passt.
Erst bei stärkerem Leistungsabruf meldet sich der Verbrenner zu Wort. Der 1,5-Liter-Vierzylinder klingt dann etwas angestrengt und will nicht so recht zum elitären Anspruch passen. Doch in diesem Moment, bei freier Strecke und kühler Morgenluft, fällt das weniger ins Gewicht. Zu dominant ist der Eindruck von Leichtigkeit, den das große SUV vermittelt.

Das breite Displayband zieht sich über das gesamte Cockpit, der Beifahrer hat zum ersten Mal in einem Renault seinen eigenen Bildschirm.
Innenraum: viel Platz und moderne Technik
Innen setzt sich dieses Gefühl fort. Viel Raum, viel Ruhe, viel Übersicht. Das breite Displayband zieht sich über das gesamte Cockpit, der Beifahrer hat zum ersten Mal in einem Renault seinen eigenen Bildschirm, die Materialien wirken hochwertig und sorgfältig gewählt. Die Sitze bieten Komfort auf Langstrecke, auch in der zweiten Reihe sitzt man erstklassig, die Geräuschdämmung hält selbst das leise Erwachen der Stadt draußen.
Mit wachsender Helligkeit füllt sich die Stadt langsam wieder. Erste Pendler tauchen auf, Lieferwagen, Busse, Mopeds. Der Verkehr gewinnt an Dichte, das Tempo sinkt. Und genau hier zeigt der Filante, dass er nicht nur für die stille Stunde gebaut ist. Im Stop-and-go bleibt er gelassen, fährt häufig elektrisch, federt Unebenheiten souverän weg und macht selbst den beginnenden Berufsverkehr erträglich. Das Fahrwerk bleibt konsequent komfortorientiert, die Lenkung leichtgängig, der gesamte Auftritt entspannt. Unterstützt wird das durch einen adaptiven Fahrmodus, der sich unauffällig an den Fahrer anpasst. Kein technischer Gimmick, sondern ein feiner Unterschied im Detail.

Neben etablierten Modellen wie dem Kia Sorento oder dem Hyundai Santa-Fe, die hier sonst das Straßenbild prägen, wirkt der Renault eigenständiger.
Strategie: Renaults neuer Anlauf in die Oberklasse
Interessant ist dabei die Perspektive: Während Europa draußen bleibt, zeigt Renault hier, wie ein modernes Flaggschiff für globale Märkte aussehen kann. Die Plattform stammt aus der Kooperation mit Geely, die Produktion erfolgt in Korea, und das Konzept ist klar auf internationale Bedürfnisse zugeschnitten.
Fazit: Eigenständiger Weg statt Premium-Kopie
Am Ende dieser Fahrt, wenn Seoul endgültig erwacht ist und man den Fahrspaß gar vollends vergessen kann, verliert der Filante zwar seinen exklusiven Moment der leeren Straßen. Doch er behält seinen Charakter. Er ist kein klassischer Herausforderer für deutsche Premium-Modelle, sondern eine eigenständige Interpretation von Oberklasse.
Und vielleicht liegt genau darin seine Stärke. Während andere noch schlafen, hat sich der Renault Filante die Straßen von Seoul schon erobert – und anders als die anderen Franzosen so zumindest den ersten Schritt zurück ins Oberhaus gemacht.







