Das Kabel ist gesteckt, die Wallbox blinkt, und der Bordcomputer verspricht eine volle Batterie erst für den nächsten Morgen. Man könnte sich darüber ärgern, dass hier weit und breit keine Buchse die Ladeleistung des Autos pariert. Doch hinter dem einem Kugelzelt, das eher nach Mondbasis aussieht als nach Beduinenlager, färbt die Abendsonne gerade den Hohen Atlas rot, aus der Küche zieht der Duft einer Tajine herüber, und jemand stellt ein Glas mit süßem Minztee auf den Tisch. Abwarten und Tee trinken hat selten besser geschmeckt als hier im Ranch Camp in Marokko, ein paar Fahrstunden im Hinterland von Marrakesch, und selten hat ein Auto an seinem Ladeplatz so deplatziert gewirkt. Denn was da zwischen den Zelten am Strom nuckelt, ist ausgerechnet ein Smart.
Ein Smart, den hier kaum jemand kennt
Dass die Marke des einstigen Bonsai-Benz überhaupt in Marokko gelandet ist, hat sich selbst in Casablanca noch nicht herumgesprochen, wo diese Reise begonnen hat. Dabei hat die Stadt, die vom Zauber des alten Films nicht viel mehr bewahrt hat als ein paar nachgebaute Rick’s Cafés, sonst alles gesehen. Zwischen knatternden Mopeds, hupenden Taxis und betagten Franzosen parken auffallend viele neue Mercedes GLE, BMW X5 und Range Rover, denn Casablanca ist die reichste und internationalste Metropole des Königreichs. Elektroautos aber sind selbst hier selten, und Smart verkauft den #5 erst seit diesem Sommer im Norden Afrikas. Entsprechend ratlos schauen die Leute dem Silberling hinterher, horchen auf einen Motor, den es nicht gibt, und suchen ein Logo, das ihnen nichts sagt. Mit dem Winzling, der einst quer in jede Parklücke passte, hat der Neue ohnehin nur noch den Namen gemein. Er misst fast 4,70 Meter, hat Allradantrieb und kostet mit umgerechnet 48.000 bis 64.000 Euro (40.336 bis 53.782 Euro netto) etwa viermal so viel wie ein Dacia Logan, der in Marokko die Zulassungsstatistik anführt.

Bis Marrakesch ist die elektrische Welt noch in Ordnung.
Das Auto ist weiter als das Ladenetz
Bis Marrakesch ist die elektrische Welt noch in Ordnung. Die Autobahn ist gut ausgebaut, an den Raststätten stehen Ladesäulen, und weil im ganzen Land erst ein paar Tausend Stromer unterwegs sind, muss man dort nie warten. Dass keine Säule auch nur in die Nähe jener 400 kW kommt, die der Smart verkraften würde, und manche gar nicht funktioniert, gehört zum Stand der Dinge. Die Autos sind hier weiter als das Netz.
Zwischen Marktständen und Arganbäumen
Hinter Marrakesch leuchten Palmenhaine zwischen kahlen Hängen, Kasbahs aus rotem Lehm sind vom Fels kaum zu unterscheiden, auf dem sie gebaut wurden, und in den Kronen der Arganbäume turnen Ziegen auf der Suche nach den öligen Früchten. Auf einem Provinzmarkt am Weg preisen Händler brüllend ihre Ware an, Hühner gackern in engen Käfigen, an Haken hängen halbe Hammel, und über allem liegt der Rauch der Grillstände. Mittendrin steht der Smart, der nach nichts riecht und keinen Ton von sich gibt, und anders als in Casablanca dreht sich hier niemand nach ihm um. Nicht weil sie ihn gewohnt sind, sondern weil ihnen das Treiben des Tages schlicht wichtiger ist als das, was da gerade auf der Straße passiert.
Wenn plötzlich der Motor fehlt
In Tahanaout am Fuß der Berge ist das anders. Dort sitzen zwei alte Männer vor einer Bude aus Brettern und Lehm, an der großspurig „Café“ steht, und mustern die Straße mit einer Strenge, als hinge die Ordnung der Welt an ihnen. Einen Renault, einen Peugeot oder einen Dacia erkennen sie am Klang, lange bevor er um die Ecke biegt. Der Smart aber steht plötzlich da, ohne dass ihn ein Motor angekündigt hätte, und die beiden schauen ihm so lange nach, bis er hinter der nächsten Kehre verschwunden ist.

Auf einem Provinzmarkt am Weg preisen Händler brüllend ihre Ware an, Hühner gackern in engen Käfigen, an Haken hängen halbe Hammel, und über allem liegt der Rauch der Grillstände.
Im Hohen Atlas wird es ernst
Hinter Asni ist es mit dem guten Asphalt vorbei. Die Straße schraubt sich in engen Serpentinen den Hang hinauf, Schlaglöcher wechseln mit Geröll und mit Rinnen, die das Wasser quer durch die Fahrbahn gefräst hat. Rechts geht es in die Tiefe, links steht der Fels, und am Wegrand liegen umgestürzte Zedern, die der Winter gefällt hat. Ausgerechnet hier ist der Smart in seinem Element. Zwei Motoren mit zusammen 588 PS und 643 Nm treiben alle vier Räder an, und so albern diese Zahlen auf einer Schotterpiste klingen, so nützlich ist die Art, wie die Kraft kommt. Sie ist vom ersten Millimeter Pedalweg an da und lässt sich so fein zuteilen, dass der 2,4-Tonner ohne Stollenreifen und ohne Höherlegung über Stufen und Steine steigt, wo andere mit viel Gas nur Löcher graben würden. Die alten Diesel ringsum brauchen Anlauf und Drehzahl und stoßen schwarze Wolken aus, der #5 schiebt sich einfach weiter bergauf, und man hört dabei nur die Steine unter den Reifen. Irgendwann setzen Bodenfreiheit und Straßenreifen Grenzen, und wer wirklich ins Gelände will, nimmt auch in Marokko besser einen Land Cruiser.
588 PS treffen auf die Reichweitenfrage
Seinen zweiten Auftritt hat der Antrieb, wenn die Piste wieder in Asphalt übergeht. Manche Bergstraße ist hier so gut geteert, dass man sich in der Schweiz wähnt, nur ohne Wohnmobile vor der Nase und ohne allgegenwärtige Polizisten. Dann sprintet der Smart in 4,9 Sekunden auf Tempo 100 und eilt mit einem Nachdruck von Kehre zu Kehre, bei dem sich niemand nach den alten Dreizylindern zurücksehnt. Allzu sehr sollte man sich von so viel Temperament trotzdem nicht verführen lassen. Hinter jeder Kuppe kann ein asthmatischer Peugeot hängen, gelegentlich steht selbst hier ein Blitzer, und vor allem frisst die Kletterei sichtbar Reserven. Nach Norm reichen die 94 kWh im Wagenboden für 540 Kilometer, doch die letzte Schnellladesäule liegt weit zurück, und die Apps zeigen nur noch weiße Flecken. Das Quartier für die Nacht sucht man deshalb nicht nach Sternen aus oder nach dem Pool, sondern nach dem Stromanschluss. Schon eine kräftige CEE-Dose ist Luxus, und mancher Wirt muss erst überredet werden, bevor das Verlängerungskabel quer über seinen Hof darf. Eine Wallbox wie im Ranch Camp ist ein Glücksfall.

Manche Bergstraße ist hier so gut geteert, dass man sich in der Schweiz wähnt.
Marokko baut an der elektrischen Zukunft
Auf dem Rückweg an die Küste fährt man der Zukunft entgegen. Marokko will nicht länger nur die verlängerte Werkbank der Europäer sein, für die Renault in Tanger und Stellantis in Kenitra schon heute Autos in großer Zahl bauen. Das Land hat Phosphat für Batterien, Sonne und Wind für sauberen Strom und Europa gleich hinter der Meerenge. In Kenitra zieht der chinesische Konzern Gotion deshalb eine Batteriefabrik hoch, die einmal auf 100 Gigawattstunden wachsen soll. Auf den eigenen Straßen ist davon noch wenig zu sehen. Zwar hat sich die Zahl der neu zugelassenen Elektroautos 2025 fast verdreifacht, doch es waren eben nur 5.500 von gut 235.000. Aus den rund 300 öffentlichen Ladepunkten sollen bis zum Jahresende 2.500 werden.
Nach 2.000 Kilometern zurück am Kabel
Nach drei Tagen und rund 2.000 Kilometern hängt der Smart wieder in Casablanca am Kabel, diesmal neben einem Einkaufszentrum, in dessen Food Court bis Mitternacht gekocht wird. Die Hunde bellen, und die Karawane zieht weiter, sagt man in dieser Gegend. Die nächste sollten sie gut im Auge behalten, denn zu hören ist sie nicht mehr.







