Stationsbasiertes Carsharing wächst, während Free Floating zuletzt Fahrzeuge verloren hat. Doch wann lohnt es sich für Unternehmen, eigene Poolfahrzeuge abzugeben? Cambio-Geschäftsführer Norbert Jagemann nennt im Interview eine klare Kilometergrenze und erklärt, welche Kosten beim TCO-Vergleich häufig fehlen.
Das hängt weniger mit den Kunden zusammen als mit dem Geschäftsmodell der Anbieter. Free-Floating-Anbieter mit tausenden Autos sind kapitalgetrieben: Sie wachsen so stark, wie Kapitalgeber Geld reingeben – und ziehen sich schnell wieder zurück, sobald das Kapital ausbleibt. Stationsbasierte Anbieter wie wir sind überwiegend kleinere, nachfrageorientierte Unternehmen. Wir wachsen mit dem Markt und schrumpfen deshalb auch nicht so drastisch, nur weil sich mal eine Kleinigkeit ändert.
Die Kostenposition, die oft fehlt
Welche Kostenpositionen müssen Fuhrparkmanager bei einem TCO-Vergleich zwischen Carsharing und Poolfahrzeugen berücksichtigen?Die klassischen Positionen kennen Fuhrparkmanager sehr gut: Abschreibung, Sprit, Inspektion, Reifen, Versicherung, Klein- und Unfallschäden, der Zeitaufwand für Organisation und Beschaffung. Was aber oft übersehen wird: Wegezeiten der Mitarbeitenden sinken, wenn sie nicht erst zur Firma müssen, um ins Poolfahrzeug zu steigen, sondern direkt vor der Haustür einsteigen können. Dazu kommt Verwaltungsaufwand, der beim Fuhrpark wegfällt, und ein Transparenz-Effekt: Weil beim Carsharing die Buchungszeiten genau eingehalten werden müssen, fallen Fahrten oft kürzer aus als mit einem Poolfahrzeug. Und schließlich die Buchungsoptimierung: Eine gut ausgelastete Buchungssoftware braucht deutlich weniger Fahrzeuge als ein klassischer Pool mit vielen Leerzeiten.

Carsharing-Stationen wie diese ersetzen in immer mehr Unternehmen die klassischen Poolfahrzeuge im Fuhrpark.
1.000 Kilometer als Faustregel
Gibt es eine Art Break-even bei Kilometerleistung, ab der sich der Umstieg lohnt?Wir hatten noch keinen Fall, in dem Carsharing nicht zumindest einzelne Poolfahrzeuge ersetzen konnte und es darüber nicht zu Ersparnissen geführt hat. Als Faustregel gilt: Jedes Fahrzeug, das im Schnitt weniger als 1.000 Kilometer im Monat fährt, ist ein Kandidat. Schwierig ist es nur bei klassischen, persönlich zugeordneten Dienstwagen mit hoher Fahrleistung – etwa im Außendienst mit mehreren tausend Kilometern pro Woche. Da wird Carsharing teurer.
Wenn der Dienstwagen unverzichtbar bleibt
Gibt es also Einsatzprofile, bei denen ein eigener Fuhrpark unverzichtbar bleibt?Ja, der reine Dienstwagenfuhrpark mit persönlich zugeordneten Fahrzeugen, die auch wirklich viel gefahren werden – deutlich mehr als 1.000 Kilometer im Monat. Da kann Carsharing keine Optimierung liefern, außer das Mobilitätsverhalten ändert sich. Unser Roaming ermöglicht zum Beispiel, mit dem ICE nach Hamburg zu fahren und erst dort ins Carsharing-Auto zu steigen – die Zugfahrt kann dann als Arbeitszeit genutzt werden, statt selbst zu fahren.
Zwei Kundennummern für Dienst und Privat
Wie lässt sich Carsharing sinnvoll in ein Mobilitätsbudget integrieren?Wir bieten ein Carsharing-Budget an: Mitarbeitende bekommen eine zweite Kundennummer, über die privat gefahren und privat abgerechnet wird – ohne die Problematik geldwerter Vorteile. Gleichzeitig profitieren sie von den günstigeren Firmentarifen. Es geht aber auch andersherum: Der Arbeitgeber übernimmt die Privatnutzung direkt und versteuert den geldwerten Vorteil. Beides ist möglich.
Wichtiger als Kilometer: die Uhrzeit
Welche Daten sollten Unternehmen vor einer Umstellung erheben?Je mehr Daten, desto passgenauer und schneller die Lösung – aber meistens gibt es relativ wenig, und damit kommen wir auch zurecht. Es ist ein iterativer Prozess: Wir starten zum Beispiel mit zwei reservierten Fahrzeugen an einer bestehenden Station, beobachten die Auslastung und schaffen dann schrittweise weitere Poolfahrzeuge ab. Am wichtigsten für uns sind die Nutzungszeiten – wann genau die Poolfahrzeuge gebraucht werden. Die Zahl der gefahrenen Kilometer kennen Fuhrparkmanagements meist gut, aber die Uhrzeiten sind der eigentliche Schlüssel für unsere Auslastungsoptimierung.
In Städten wie Köln stehen sechs-, siebenhundert Autos, dazu haben wir hunderte Ersatzfahrzeuge in kurzer Distanz für den Pannenfall – das kann sich kein eigener Pool leisten. Gebucht werden kann bis zu 365 Tage im Voraus. In stark nachgefragten Gebieten empfiehlt sich frühzeitiges Buchen, mitten in der Stadt findet man meist auch kurzfristig ein Auto. Für exklusiv reservierte Fahrzeuge vereinbaren wir einen Mindestumsatz als eine Art Break-even – alle tatsächlichen Fahrten werden davon abgezogen. Gerade am Anfang können so Kosten entstehen, die schnell wieder verschwinden. Insgesamt bleibt es günstiger als ein eigener Pool.
Wir sind seit Gründung im Jahr 2000 durchgehend mit dem Blauen Engel zertifiziert und müssen dafür jedes Jahr unsere E-Quote steigern – das wollen wir auch. Jeder unserer Stellplätze hat einen Ladepunkt. Unsere Buchungssoftware kennt die geplante Fahrstrecke und gibt ein Fahrzeug mit niedrigem Ladestand erst gar nicht frei, wenn die nächste Buchung eine hohe Reichweite braucht.
75 Prozent privat, 25 Prozent dienstlich
Lohnt sich eher ein Mischmodell aus Carsharing und Restpool, oder rechnet sich erst der komplette Umstieg – und warum kann Carsharing überhaupt günstiger sein als ein eigenes Fahrzeug?Ein Mischmodell ist überhaupt nichts Ungewöhnliches, wir starten damit fast immer, und Stück für Stück spart das Unternehmen mehr. Der Schlüssel dahinter ist die Auslastung: Dienstliche Nutzung liegt typischerweise werktags zwischen sieben und siebzehn Uhr, genau in der Zeit, in der Privatnutzende selten zugreifen. Diese Mischung aus dienstlich und privat bringt die Auslastung, die uns erlaubt, günstiger zu sein als Unternehmen es selbst können. Bei uns liegt das Verhältnis aktuell bei etwa 75 Prozent privat zu 25 Prozent dienstlich – da ist noch viel Luft nach oben, gerade für Unternehmen in gemischten Wohn- und Gewerbegebieten.







