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Firmenauto: Professor Kruse über intelligente Mobilität

Der Psychologe Peter Kruse sagt dem klassischen Firmenwagen das Ende voraus und fordert intelligente Mobilitätslösungen. FIRMENAUTO.de sprach mit dem Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen und geschäftsführenden Gesellschafter von Nextpractice, einem Unternehmen, das unter anderem die Automobilindustrie berät. Das Gespräch führte Hanno Boblenz. FIRMENAUTO.de: Immer mehr Firmen verschreiben sich einer nachhaltigen Firmenpolitik. Inwieweit haben die Unternehmen eine ökologische Vorbildfunktion? Prof. Kruse: Ich glaube nicht, dass Unternehmen wirklich eine Vorreiterfunktion wahrnehmen. Sie reagieren mehr als dass sie agieren. Ökologische Nachhaltigkeitsthemen sind im Wertespektrum der Gesellschaft nur bedeutungsvoller geworden. Irgendwann haben Unternehmen das als PR-Maßnahme erfasst und genutzt, um sich dort zu positionieren. Nachhaltigkeit ist vom Nice-to-have zum absoluten Must geworden. FIRMENAUTO.de: Ist Nachhaltigkeit also wichtiger geworden als der Profit? Prof. Kruse: Die Deutschen empfinden inzwischen den Übergang von den 80er zu den 90er Jahren als sehr negativ. Sie sind der Meinung, dass wir eine Art kulturellen Raubbau begangen haben, der so nicht mehr tolerabel ist. Die Menschen sind mit der reinen Fokussierung auf Renditeprinzipien nicht mehr glücklich, sie sehen das Prinzip Shareholder-Value inzwischen sehr negativ. FIRMENAUTO.de: Was müssen Firmen tun, damit der grüne Gedanke auf die Mitarbeiter überspringt? Prof. Kruse: Es geht darum, clevere Mobilitätslösungen zu entwickeln. Damit könnten die Firmen tatsächlich eine Vorbildfunktion für die gesamte Gesellschaft bekommen. Ist es wirklich noch nötig, Firmenwagen im klassischen Sinne zur Verfügung zu stellen? Schließlich ist das Problem der Mobilität nicht an das Produkt gebunden, sondern es ist eine Funktionsfrage. In der Gesellschaft löst sich langsam der funktionale Aspekt vom Besitzaspekt. Ich will ein Auto nicht mehr unbedingt besitzen. Ich will lieber teilnehmen an intelligenten Lösungskonzepten. FIRMENAUTO.de: Aber die Erfahrung zeigt auch: Sobald „öko“ etwas kostet, will es keiner bezahlen. Prof. Kruse: Smarte Solutions sind doch nicht teurer. Schauen Sie sich doch an, wie lange Firmenwagen häufig ungenutzt herumstehen. Das haben mir meine Kinder bei meinem eigenen Auto vorgerechnet. Diese Art von nüchterner Betrachtung von Mobilität war mir so überhaupt nicht geläufig. FIRMENAUTO.de: Der Firmenwagen ist aber immer noch ein Statussymbol. Prof. Kruse: Sicher, man ist ja mit einer bestimmten Idee des Automobils groß geworden. Doch im Moment erodiert der Statusgedankens in Bezug zum Auto. Der emotionale Mehrwert von Premium schmilzt dahin. Das schafft Raum für andere Lösungen. Fällt der Statusgedanke weg, ist es vielleicht auch nicht mehr deklassierend, wenn der Vorstand in einem Auto der Kompaktklasse vorfährt. Da hat der sich optisch zurückhaltende VW Phaeton beispielsweise Rückenwind. Das gilt auch für Audi. Die Marke profitiert davon, Teil des VW-Konzerns zu sein. Das sozial Akzeptierte, das VW anhaftet, überträgt sich positiv auf Audi. FIRMENAUTO.de: Man wirft den Premiummarken gerne vor, dass sie – zumindest was ökologische Techniken angeht – den Trend der Zeit verschlafen haben. Genügt es heute, Begehrlichkeiten nur über den Preis zu wecken? Prof. Kruse: Das mag sich etwas brutal anhören, aber das Auto rutscht aus der Kategorie der Begehrlichkeiten heraus. Premium wird generell nicht mehr so akzeptabel auf der emotionellen Seite. Das können die Hersteller nicht wettmachen, indem sie Efficiency Dynamics oder Blue Motion auf ihre Autos schreiben. Bezogen auf die Statusfunktion des Autos ändern sich die Wertemuster der Menschen grundlegend. FIRMENAUTO.de: Gibt es hier Unterschiede zwischen jungen und älteren Menschen? Prof. Kruse: Das Interesse der Jugend am Auto schwindet eklatant. Die Leute machen keinen Führerschein mehr, immer weniger junge Menschen kaufen sich ein Auto. Es ist ihnen wichtiger, wie viele Kontakte sie bei Facebook haben. Wenn die Hoheit der Autohersteller in den Kinderzimmern verloren gegangen ist, wenn die Jungs keine Autoquartette mehr spielen, dann haben wir ein richtiges Problem. FIRMENAUTO.de: Trotzdem macht es vielen Menschen noch Spaß, Auto zu fahren. Prof. Kruse: Aber auch das ändert sich. Früher galt: „Wenn ich vernünftig bin, habe ich keinen Spaߓ und andersrum. Sie kennen den Werbeslogan von Honda „Vernunft ist der neue Punk“? Inzwischen haben die Menschen Spaß daran, vernünftig zu sein. FIRMENAUTO.de: Im Klartext heißt das, man kann heute nicht mehr guten Gewissens mit dem SUV beim Kunden vorfahren? Prof. Kruse: In einem Werbespot von Greenpeace wird ein Firmenmitarbeiter von seinen Kollegen gemoppt, weil er einen großen SUV fährt. Solch ein Film hätte vor fünf, sechs Jahren Irritationen ausgelöst. Heute sagt man: „Ja, das ist nicht ganz absurd“. Wer heute noch mit dem Hummer zur Firma kommt, der hat den Schuss nicht gehört. Ich merke das, wenn ich ein Auto miete und upgegradet werde. Oberklasse-Limousinen wie einen 7er oder eine S-Klasse fahre ich gar nicht mehr gerne, damit erlebe ich echten sozialen Stress.

Foto

Foto: Torsten Zimmermann/WWW.TOZIGRAFIE.DE

Datum

5. Januar 2010
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