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Pflegedienste: Wo sich E-Autos lohnen

Pflegedienste können 94 Prozent ihrer Touren mit Elektroautos bewältigen. Der Umstieg auf E-Fahrzeuge rechnet sich aber nur, wenn Strom billiger wird.

Der Arbeitstag der Fahrer des Pflegedienstes Arbeiterwohlfahrt Alten-, Jugend- und Sozialhilfe (Awo AJS) Thüringen läuft meist gleich ab. Im Schichtdienst fahren sie täglich 350 Patienten an, die Touren sind genau festgelegt und überwiegend dieselben. Dabei legen sie nur wenige Kilometer zurück: gute Voraussetzungen für den Einsatz von E-Autos. "Elektrofahrzeuge eignen sich sehr gut für unseren Bedarf", sagt Steve Gödecke, Bereichsleiter Zentraleinkauf und IT bei der Awo AJS.

Fünf E-Autos werden bald zum Fuhrpark gehören, denn die Awo macht beim Projekt S-Mobility-Com mit. Die Beteiligten wollen über drei Jahre lang nicht nur E-Mobilität in ambulanten Pflegedienstflotten etablieren, das Ganze soll sich auch wirtschaftlich rechnen. Die fünf Unternehmen aus den Bereichen Beratung, IT, Energieversorgung und Elektronik sowie das Fraunhofer-Institut arbeiten deshalb an digitalen Lösungen für das Lademanagement in den Flotten und an der Senkung der Strompreise. Das Bundes-ministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) steuert 2,5 Millionen Euro bei.

20 Renault Zoe sollen bei fünf Diensten zum Einsatz kommen

Los geht es erstmal mit dem Praxistest: Das Thüringer Wirtschaftsministerium stellt dafür 20 Renault Zoe bereit. Fünf ambulante Dienste aus dem Erfurter Raum integrieren die Autos in ihre Flotte und berichten vom täglichen Einsatz. "Wir haben uns für den Renault Zoe entschieden, weil er in zwei Stunden aufgeladen ist", erklärt Projektleiter Frank Schnellhardt, Geschäftsführer der Beratungsfirma Innoman. Diese Ladezeit sei perfekt für die längere Mittagspause zwischen der Früh- und Spätschicht. Außerdem nutzen die meisten Pflegedienste Kleinwagen.

Warum gerade Dienste aus Erfurt und Umgebung? "Wir haben in Thüringen schon einiges zum Thema E-Mobilität auf die Beine gestellt", sagt Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) anlässlich der Projektpräsentation. Zum Beispiel das Netzwerk E-Mobility City, das Projekt Smart City Logistik, das die gesamte Transportkette mit elektronischen Lösungen unterstützt sowie das Vorgängerprojekt von S-Mobility-Com. Bei dem Vorhaben S-Mobility entwickelten die Beteiligten eine Software für E-Mobilität, die Informationen zu Verkehr, Fahrzeug und Stromnetz kombiniert. Die Ladeinfrastruktur für die neuen E-Renaults ist wegen dieser Projekte schon vorhanden.

Einer der fünf Erfurter Pflegedienste nutzt schon vier E-Autos. "Die Kunden reagieren positiv und stellen viele Fragen", sagt Uwe Kintscher, Geschäftsführender Vorstandsvorsitzender der Lebenshilfe Erfurt. Das häufige Problem der fehlenden Ladeinfrastruktur hat er nicht: "Mit sechs Ladesäulen an fünf Standorten sind wir gut aufgestellt." An der Organisation hapere es aber doch immer wieder. Welcher Mitarbeiter holt das Fahrzeug an der Ladestation ab? Wann ist welches Auto an welcher Station? Muss das Auto überhaupt vollgeladen werden? Für die alltäglichen Probleme wollen die Projektbeteiligten ein digitales Organisationstool entwickeln, das auch dabei hilft, den Einsatz der E-Autos wirtschaftlich zu machen.

Eine eigens auf die Beine gestellte Studie der beteiligten Firmen Innoman und Dako zeigt, dass in Pflegedienstflotten ein großes Potenzial für E-Mobilität steckt. Dafür haben Schnellhardt und Kollegen 50 ambulante Pflegedienste genau studiert, um auf aktuelle Zahlen verweisen zu können. Die letzte Erhebung des Statistischen Bundesamts stammt aus den Jahren 2012 und 2013, die nächste ist erst für Ende dieses Jahres geplant.

Kurze Strecken in der Stadt, das ist ideal für E-Autos

Dabei zeigten die durchschnittlichen Berechnungen: Elf Fahrzeuge kommen auf einen Pflegedienst, zwei bis drei Mitarbeiter teilen sich ein Auto, bei einer Tagestour fahren sie mit einem Fahrzeug 54 Kilometer weit. Aufgrund der geringen Reichweite wären 94 Prozent der Touren mit E-Autos zu bewältigen. An der Wirtschaftlichkeit hakt es noch: Erst ab einem Netto-Strompreis von 17 Cent pro kWh rechnen sich die Fahrzeuge. Derzeit kostet Strom in der Stunde allerdings knapp doppelt so viel, während sich die Benzin-preise in einem Rekordtief befinden. Deshalb steht auch das Erreichen niedrigerer Energiekosten auf der Projekt-Agenda.

Insgesamt gibt es laut Schnellhardt in Deutschland etwa 14.300 Pflegedienste mit rund 86.000 Fahrzeugen. »Davon könnten bis 2020 rund 30.600 Autos elektrisch fahren und sich wirtschaftlich rechnen«, erklärt der Innoman-Geschäftsführer. Vorausgesetzt, sie werden länger als vier Jahre genutzt und der Stromtarif beträgt 17 Prozent. Doch 30.600 Autos wären ein nicht zu verachtender Anteil am Ziel des Bundes: bis 2020 eine Million E-Fahrzeuge auf die Straßen zu bringen.

Das Projekt S-Mobility-Com - Wer macht mit?

Beteiligte Unternehmen: Innoman, Dako, Envia Mitteldeutsche Energie, Micronic Computer Systeme, HWK Elektronik, Fraunhofer-Insititut

Beteiligte ambulante Dienste: AWO AJS, Verein Lebenshilfe Erfurt, Volkssolidarität Erfurt, zwei weitere Dienste sollen noch dazu kommen

Ziele: Wirtschaftlicher Einsatz von E-Autos in Pflegedienstflotten, dazu IT-Lösungen entwickeln und Energiekosten senken

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und wird vom BMWi und dem Thüringer Wirtschaftsministerium gefördert

Autor

Foto

Tyton

Datum

27. April 2016
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