Für Unternehmen ist Verkehrssicherheit nicht nur eine Frage der Fahrzeugausstattung. Wer beruflich auf der Straße unterwegs ist, arbeitet in einem Umfeld, das sich nur begrenzt steuern lässt: Wetter, Verkehrsdichte, Zeitdruck, digitale Systeme und das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer kommen zusammen. Der Dekra-Verkehrssicherheitsreport 2026 betrachtet deshalb den „Arbeitsplatz Straßenverkehr“ als eigenständiges Sicherheits- und Arbeitsschutzthema.
Arbeitsplatz Straße als Hochrisikobereich
Der öffentliche Straßenraum ist für Millionen Menschen Arbeitsort. Dazu gehören Berufskraftfahrer, Beschäftigte auf Straßenbaustellen sowie Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten. Der 19. Dekra-Verkehrssicherheitsreport beleuchtet das Thema aus Sicht von Unfallanalytik, Verkehrspsychologie, Fahrzeugtechnik, Infrastrukturgestaltung und Gesetzgebung.
Berufskraftfahrer legen laut Dekra teils mehr als 100.000 Kilometer pro Jahr zurück. Menschen auf Baustellen arbeiten direkt im Verkehrsraum. Einsatzkräfte bewegen sich bei Notfahrten in Situationen, die kaum planbar sind. Das macht den Arbeitsplatz Straße zu einem Bereich, in dem technische, organisatorische und menschliche Faktoren eng zusammenhängen.
Müdigkeit, Stress und Zeitdruck
Zu den Risiken zählen ungünstige Witterung, hohes Verkehrsaufkommen, technische Störungen und das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer. Hinzu kommen berufliche Belastungen: Zeitdruck, unregelmäßige Arbeitszeiten, monotone Fahrsituationen, fehlende Erholungsphasen und hohe Leistungsanforderungen. Müdigkeit beeinträchtigt Reaktionsfähigkeit und Aufmerksamkeit deutlich.
Dekra verweist auf Studien, nach denen Schlafmangel das Risiko für einen Unfall um das Achtfache erhöhen kann. Als Gegenmaßnahmen nennt der Report die Einhaltung von Lenk- und Ruhezeiten sowie gezielte Gesundheitsförderung. Beides soll Übermüdung, Stress und Fehlbeanspruchung reduzieren.
Disposition beeinflusst Sicherheit
Für Fuhrparks und Transportunternehmen ist das auch eine Frage der Organisation. Eng geplante Touren, knappe Zeitpuffer und hoher Termindruck können die Belastung für Fahrer erhöhen. Disposition, Arbeitszeitgestaltung und betriebliche Abläufe haben damit direkten Einfluss darauf, wie groß der Druck im Fahrbetrieb wird.
Ablenkung durch digitale Systeme
Ein weiterer Risikofaktor ist die hohe Komplexität moderner Verkehrssysteme. Navigationssysteme, digitale Auftragssteuerung und automatisierte Fahrfunktionen können Aufgaben erleichtern, verlangen Fahrern aber auch zusätzliche Aufmerksamkeit ab. Wer mehrere Informationsquellen gleichzeitig verarbeiten muss, darf den Verkehr nicht aus dem Blick verlieren.
Dekra sieht zudem ein statistisches Problem. In vielen Systemen werde nicht ausreichend unterschieden, ob eine Fahrt privat oder beruflich erfolgt. Dadurch bleibe ein Teil des Unfallgeschehens unzureichend dokumentiert. Für gezielte Prävention ist das relevant, weil Maßnahmen nur belastbar entwickelt werden können, wenn Risiken genauer erfasst werden.
Tests zu Baustellen und Assistenzsystemen
Für den Report hat Dekra Fahrversuche und Crashtests durchgeführt. Untersucht wurden unter anderem Arbeitsstellen im Straßenverkehr mit und ohne energieabsorbierende Sicherungssysteme. Außerdem testete Dekra, wie moderne Notbremsassistenzsysteme auf mobile Absperrtafeln reagieren.
Weitere Tests befassten sich mit C-ITS-basierten Nahbereichswarnungen. C-ITS steht für „Cooperative Intelligent Transport System“ und beschreibt die drahtlose Kommunikation von Fahrzeugen untereinander, mit der Infrastruktur sowie mit nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern. Laut Dekra zeigten die Versuche eine hohe Wirksamkeit solcher Warnungen.
Parkplatzsuche erhöht Risiken
Ein eigenes Thema im Report ist die Parkplatzsituation für Berufskraftfahrer. Eine Dekra-Umfrage unter Fahrpersonal zur Sicherheitslage auf Raststätten in Deutschland und anderen europäischen Staaten zeigt: Fast zwei Drittel der Befragten müssen regelmäßig an gefährlichen Orten parken, um Ruhezeiten einzuhalten.
Mehr als die Hälfte der Befragten legt auf der Suche nach einem Parkplatz regelmäßig mehr als 20 zusätzliche Kilometer zurück. Das kann Lenkzeiten verlängern und das Unfallrisiko erhöhen. Zugleich verlieren Fahrer Zeit, geraten zusätzlich unter Druck und können geplante Ruhezeiten schwerer einhalten. Fahrzeuge stehen dann teils an ungeeigneten oder ungesicherten Orten. Dekra fordert deshalb unter anderem den Ausbau sicherer, beleuchteter und überwachter Lkw-Parkplätze.
Technische Systeme können Fahrer unterstützen und kritische Situationen entschärfen. Sie ersetzen aber keine saubere Organisation. Assistenzsysteme wirken nur dann sinnvoll, wenn sie zu realistischen Abläufen, klaren Regeln und einer funktionierenden Sicherheitskultur im Betrieb passen.

Jann Fehlauer stellte den Dekra-Verkehrssicherheitsreport 2026 in Berlin vor. Der Report beleuchtet Risiken am Arbeitsplatz Straßenverkehr und nennt Ansatzpunkte für mehr Sicherheit.
Zehn Forderungen für mehr Sicherheit
Der Report formuliert zehn Forderungen. Dazu gehören der konsequente Schutz von Arbeitsstellen im Straßenraum, eine vollständige und differenzierte Erfassung arbeitsbezogener Verkehrsunfälle, bessere Arbeitsbedingungen im Transportwesen, weniger Risiken bei Einsatzfahrten sowie die Kontrolle von Ladungssicherung, Gefahrgutvorschriften und Lenk- und Ruhezeiten.
Weitere Forderungen betreffen sichere Lkw-Parkplätze, Gesundheitsförderprogramme für Berufskraftfahrer und klar definierte Sicherheitsbedingungen für hochautomatisiertes Fahren. „Die reine Fokussierung auf technische Lösungen reicht nicht aus, wenn die Rahmenbedingungen oder menschliche Faktoren unberücksichtigt bleiben“, sagte Jann Fehlauer, Geschäftsführer der Dekra Automobil GmbH, bei der Vorstellung des Reports in Berlin.
Hier geht’s zum kostenlosen Download des Dekra-Verkehrssicherheitsreports: www.dekra-roadsafety.com








