Die Zukunft der Captives

Autobanken werden Mobilitätsdienstleister

Daimler Moovel Foto: Daimler AG - Global Communicatio

Die Finanzdienstleister der Autohersteller entwickeln sich zu den großen Playern im Automobilgeschäft. Sie stehen im Mittelpunkt des Mobilitätswandels, glauben die Branchenexperten von Deloitte. Sie sehen vier Szenarien für künftige Geschäftsmodelle.

Die Finanzdienstleister der Hersteller, auch Captives genannt, werden zunehmend wichtiger. Mit Leasing- und Finanzierungsmodellen kurbeln sie maßgeblich den Absatz der jeweiligen Automarken an. Schon jetzt tragen die Autobanken zu 15 bis 30 Prozent an den gesamten Konzerngewinnen der Automobilhersteller bei. Doch wie der gesamte Automobilmarkt stehen auch die Captives vor einem Wandel, wie eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte zeigt. "Das Automobilgeschäft ist wegen des Anstiegs von neuen Mobilitätsangeboten und der Elektrifizierung unter Druck", erklärt Dr. Florian Klein, Leiter des Center for the Long View bei Deloitte. Der Trend gehe weg vom Besitz eines Fahrzeugs hin zur reinen Nutzung. "Die Captives müssen sich vom traditionellen Geschäft lösen und ihr Angebot verbreitern", erklärt Sebastian Pfeifle, Leiter Global Automotive Finance Practice bei Deloitte

Die Studie liefert vier mögliche Szenarien für die Zukunft der Autobanken.

Stärkste Kraft

Captives dominieren den Markt der Finanz- und Mobilitätsdienstleister. Sie wandeln sich zu Non-Captives und steuern den Großteil der Konzerneinnahmen bei.

Regisseure

Captives sind Schnittstelle zwischen Hersteller und Kunden. Sie sind Treiber bei digitalen Mobilitätsservices und investieren in neue dienstleistungsbasierte Geschäftsmodelle. Diese tragen mit 80 Prozent zu den Autobank-Gewinnen bei.

Dienstleistungsmanager

Captives bekommen Konkurrenz durch neue Player für Finanz- und Mobilitätsdienstleistungen, weshalb sie ein komplett anderes Geschäftsmodell entwickeln. Sie spezialisieren sich auf einzelne bisher ausgeführte Dienstleistungen und bieten diese im Auftrag der Hersteller und Mobilitätsanbieter an.

Optimierer

Captives legen den Fokus auf die Optimierung ihrer vermögens­basierten Geschäftsmodelle ohne große Entwicklungsschritte. Grund hierfür: Unterschiedliche Marktanforderungen haben die Captives blockiert. Der technologische Fortschritt ermöglicht den Autobanken allerdings ein deutlich effizienteres Finanzierungs­geschäft wie zum Beispiel ein Restwertmanagement, das auf künstlicher Intelligenz basiert.

Dabei stellt sich die Frage, ob zukünftigeinige wenige Global Player den Markt dominieren oder ob es eine Vielfalt an regionalen Mobilitätsanbietern gibt. Die andere Frage dreht sich um das Eigentum des zugrunde liegenden Vermögenswertes. Sprich: Werden die Captives die Vermögenswerte, also ihre Fahrzeuge, noch besitzen oder wird regulatorischer Druck sie dazu zwingen, diese auf Dritte zu übertragen?

Die Szenarien liefern laut Klein ein verständliches Bild davon, wie sich der Markt über das nächste Jahrzehnt hinweg verändern könnte. "Das sollte eine solide Basis für die Captive-Industrie darstellen, auf der sie robuste und zukunftssichere Strategien entwickeln können", erläutert Klein weiter.

Das erste Szenario zeigt die Autobanken als bestimmende Kraft in der Branche, die gleichzeitig traditionelle Finanzdienstleistungen und neue Mobilitätsdienste organisieren. Sie tragen mit knapp 40 Prozent zu den Konzerngewinnen bei. In Szenario zwei bauen die Captives ihr Angebot an Mobilitätsdienstleistungen deutlich aus. Durch den stärkeren Fokus auf die Digitalisierung entwickeln sie sich zu "Digital Champions" wie etwa Uber oder Airbnb. Die neuen Services steuern knapp 80 Prozent zu den Autobank­gewinnen bei und nehmen somit eine stärkere Rolle ein als die klassische Absatzfinanzierung.

Das Händlernetzwerk als Vertriebskanal verliert an Bedeutung

Ein grundlegend anderes Geschäftsmodell verfolgen die Finanzdienstleister im dritten Szenario. Aufgrund von strenger werdenden Regulierungen und neuen Konkurrenten sind die Captives dazu gezwungen, sich auf einige wenige Teile der Wertschöpfung zu spezialisieren. Sie managen lediglich die Dienstleistungen im Auftrag der Hersteller und anderer Mobilitätsanbieter. Szenario vier zeigt eine nur geringfügige Veränderung der Captives im Vergleich zu heute. Doch der technologische Fortschritt führt dazu, dass die Autobanken ihr Finanzierungsgeschäft deutlich effizienter aufstellen können. Als mögliche Errungenschaft sehen die Experten von Deloitte beispielsweise ein auf künstlicher Intelligenz basierendes Restwertmanagement.

"Für deutsche Autobanken sehen wir vor allem Szenario eins und zwei als wahrscheinlich an. Daimler Financial Services bedient beispielsweise mit seinen Mobilitätsdiensten nach eigenen Aussagen bereits rund 18 Millionen Kunden jährlich und wickelt hier mehr als 115 Millionen Interaktionen ab. Der Zusammenschluss der beiden Mobilitätssparten von BMW und Daimler zeigt deutlich, dass beide Unternehmen ernsthaft am Mobilitätsmarkt der Zukunft teilhaben möchten und ihren Einsatz eher erhöhen werden, als ihn zurückzufahren", erklärt Christopher Ley, Senior Manager Automotive Finance Stra­te­gy bei Deloitte.

Allerdings wird sich nicht nur eins der Szenarien durchsetzen. Sie werden nebeneinander bestehen, da sich die verschiedenen Captives in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Entscheidend für alle Unternehmen auf dem Weg in die Zukunft ist, dass sie nicht nur in gewohntem Terrain, also Europa und Nordamerika, agieren werden. Neue Märkte in China und dem Rest der Welt mit anderen Bedürfnissen gilt es zukünftig ebenfalls zu bespielen. Außerdem wird das Händlernetzwerk als traditioneller Vertriebskanal an Bedeutung verlieren. Stattdessen sieht die Studie neue digitale Verkaufskanäle mit direktem Kundenkontakt als Zukunftsmodell. Zudem werden vermögens­basierte Geschäfte zugunsten einer erhöhten Nachfrage nach neuen Mobilitätsdienstleistungen zurückgehen.

Eigene Bezahlplattformen als Wettbewerbsvorteil

Von diesen Annahmen ausgehend erwarten die Experten, dass sechs spezielle Unternehmensfähigkeiten für die Captives von großer Bedeutung sein werden. Dabei spielt es keine Rolle, in welche Richtung sie sich entwickeln. Zum einen müssen die Unternehmen im Kerngeschäft flexibler werden. Kundenbedürfnisse, seien es die von Behörden, Unternehmen oder Privatpersonen, ändern sich laut Studie. Gewünscht sind flexible Angebote, wie zum Beispiel Pay-per-Use- oder On-Demand-Verkaufsdienstleistungen, die Festkredit- und Leasingprodukte ablösen.

Zudem zieht es die Menschen zunehmend in Ballungsräume. Geschätzt rund 70 Prozent der Menschen werden bis 2050 in Metropolregionen leben. Daher ist es für die Captives besonders wichtig, bei der Entwicklung von urbanen Mobilitätslösungen am Ball zu bleiben. Mit dem Leben in der Stadt geht auch einher, dass immer weniger Menschen ein eigenes Auto besitzen werden. Das erhöht die Nachfrage nach großen markenunabhängigen Flotten. Die Finanzierung und das Management dieser Flotten werden zu einer Hauptfunktion in der Zukunft.

Die erwarteten vermögens- und dienstleistungsbasierten Geschäftsmodelle werden, speziell in Verbindung mit autonomen Flotten, die Anzahl von Zahlungstransaktionen deutlich erhöhen. Deshalb können eigene Bezahlplattformen ein deutlicher Wettbewerbsvorteil für Captives und Hersteller werden. Doch nicht nur die Sicherung ihrer Einnahmen ist für die Zukunft wichtig. Entscheidend ist laut der Deloitte-Studie zudem die Fähigkeit, gute anpassbare Betriebsplattformen zu schaffen und zu führen. Das schließt auch mit ein, dass das Unternehmen seine Organisation anpasst, indem es beispielsweise Prozesse automatisiert oder die IT-Infrastruktur modernisiert. Datenmonetarisierung wird letztlich gleichfalls eine große Rolle spielen. Insbesondere dienstleistungsbasierte Geschäftsmodelle werden große Mengen an Fahrzeug-, Mobilitäts- oder Kundendaten erzeugen. Die Captives müssen Wege finden, diese Daten zu generieren und sie zu verwenden. Wichtig dabei ist, sich an die immer zahlreicher werdenden Richt­linien zu halten.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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