Normalerweise sind auf dem Gelände mit seinen zahllosen steilen Auf- und Abfahrten, den gemeinen Bodenwellen und den krassen Schrägfahr-Bereichen in der Nähe des hessischen Trebur ambitionierte Motocrosser unterwegs. Aber auch die beiden aktuellen Jeep-Modelle fühlen sich in Staub, Sand und getrocknetem Matsch erkennbar wohl. Erste Runde mit dem Avenger 4xe, der einen eher kleinen 1,2-Liter-Turbo-Benziner mit 100 kW/136 PS und einem maximalen Drehmoment von 230 Nm mit einem ins Doppelkupplungsgetriebe integrierten E-Motor vorne und einem weiteren an der Hinterachse kombiniert. Die Strommaschinen leisten jeweils eher übersichtliche 21 kW/29 PS, letztlich liegt die kombinierte Leistung bei 107 kW/145 PS. Klingt nicht gerade atemberaubend. Damit sollen wir diese Hindernisse überwinden?
Was der Avenger 4xe im Gelände kann
Aber ja, das geht. Und sogar ziemlich einfach und überzeugend, schließlich sitzen wir in einem echten Jeep – auch wenn der in Europa gebaut wird. Dank der Fahrprogramme für Schnee, Sand und Matsch und dank des knackigen Reduktionsverhältnisses von 22,7:1 an der Hinterachse liefert der hintere E-Motor ein Drehmoment von bis zu 1.900 Nm an die Hinterräder. Das sorgt bei Antrieb über zwei Achsen für eine Steigfähigkeit auf Kies und Schotter von 40 Prozent, die Hinterachse alleine packt immer noch 20 Prozent Steigung – von wegen zu wenig Leistung.

Feiner Kraxler: Trotz vergleichsweise geringer Systemleistung meistert der Avenger den Offroad-Parcours souverän.
Kurzer Radstand, großer Vorteil
In Kombination mit seinem relativ kurzen Radstand von 2,56 Meter tummelt sich der nur 4,08 Meter lange Avenger auf dem Offroad-Parcours, als wäre der sein angestammtes Habitat. Reihenweise Pluspunkte holt er an spitzen Kuppen – die meistert er souverän ohne Kratzen und Aufsetzen. Dabei helfen natürlich auch bis zu 21 Zentimeter Bodenfreiheit und etwas kürzere Überhänge als bei den Fronttrieblern. In Zahlen: Böschungswinkel vorne 22, hinten 35 Grad, Rampenwinkel 21 Grad. Und die maximale Wattiefe liegt bei 40 Zentimetern.
Wo der Compass die besseren Werte hat
Im direkten Zahlenvergleich kann der Avenger dem Allrad-Compass nicht ganz mithalten. Ein Zentimeter mehr Bodenfreiheit macht noch keinen großen Unterschied, doch der größere der Kombattanten bringt es immerhin auf einen vorderen Böschungswinkel von 28 Grad und acht Zentimeter mehr Wattiefe. Der Avenger 4xe wiederum hat die Nase bei Rampenwinkel und hinterem Böschungswinkel vorn – in diesem Kapitel gibt es keinen klaren Sieger.
Warum Größe im Gelände zum Nachteil wird
Das wird besonders deutlich, wenn der Compass wegen seines deutlich längeren Radstands schon an eher unscheinbaren Kuppen aufsetzt – 22 Zentimeter mehr zwischen den Rädern machen hör- und spürbar eine Menge aus. Um keinen falschen Eindruck zu hinterlassen: Auch der vollelektrische Compass mit seinen deutlich formatfüllenderen 4,55 Metern Länge schlägt sich im glutheißen Offroad-Testgelände wacker. Ohne erkennbare Mühe meistert er die Anstiege, absolviert er für Anfänger an Bord nervenzerfetzende Schrägpassagen und lässt sich praktisch im Standgas durch den verwinkelten Kurs lotsen. Vorteil des niedrigen Tempos: Wenn vor dem Losfahren kurz der Rückwärtsgang eingelegt wird, bleibt die Frontkamera wie auch beim Avenger bis 15 km/h aktiv. So sieht man exakt, wo es lang geht, und schaut an Kuppen nicht hilflos in den Himmel.

Versteckspiel: Auch enge Durchfahrten und loser Untergrund bringen den Compass nicht aus dem Konzept.
375 PS und Allrad mit Köpfchen
Dass der Compass so ganz und gar souverän durchs grobe Geläuf peilt, ist natürlich das Verdienst seines ebenso souveränen Antriebs. Der Stromer liefert aus je einer E-Maschine vorne und hinten immerhin 275 kW/375 PS an die Räder, das Hinterrad-Drehmoment liegt dank der 14:1-Reduktion bei maximal 3.100 Nm. Klar, dass sich damit etwas anfangen lässt. Im Asphalt-Alltagsbetrieb übernimmt der vordere Motor ab 15 km/h die Arbeit, weil Fronttriebler effizienter sind. Die Kraft wird den Achsen je nach Bedarf rein elektronisch zugeteilt. Und zwar mitdenkend: Das Traktionskontrollsystem misst zum Beispiel Lenkwinkel, Gaspedalstellung und Radgeschwindigkeiten und berechnet, wie potenzieller Schlupf vermieden werden kann. Das klingt jetzt vielleicht arg theoretisch, lässt sich aber in der Praxis deutlich erfahren: Auch der 4x4-Compass macht seiner Herkunft alle Ehre.
Avenger oder Compass: Welcher passt besser?
Bleibt die große Frage: Welchen nehmen? Zunächst geht es bei der Antwort natürlich ums Geld. Der Allrad-Avenger ist als Upland ab 28.824 Euro (alle Preise netto) zu haben, der getestete 85th Anniversary kostet ab 30.168 Euro. Für den Compass 4xe muss man ebenfalls in der Version Upland mindestens 46.134 Euro hinlegen. Das sind schon mal Hausnummern, die eine erste Orientierung bei einer möglichen Kaufentscheidung geben. Und dann spielt logischerweise neben dem persönlichen Geschmack noch der künftige Einsatzzweck eine entscheidende Rolle. So bietet sich der Avenger beispielsweise als erste Wahl für Überland- und Langstreckenfahrer an, die ohne Gedanken an Ladestationen oder -strategien einfach losfahren wollen. Außerdem für alle, die zwischendurch mal aus belebten Gebieten rausfahren und gelegentlich ihren Outdoor-Ambitionen auf verschneiten Zufahrten, Schotterpisten oder Waldwegen nachgehen.
Für wen sich der Compass 4xe empfiehlt
Für alle anderen 4x4-Fans empfiehlt sich bei entsprechend gut gefülltem Bankkonto der Compass 4xe. Jäger, Förster, Menschen, die im Wald unterwegs sind, die im Alpenraum leben und häufig zugeschneite oder vereiste Straßen bewältigen müssen, zählen ebenso zur Zielgruppe wie ambitioniertere Offroader und Expeditionsteilnehmer – wenn es nicht gerade in Gebiete ohne jegliche Ladestrom-Infrastruktur geht.
Jeep Avenger 1.2 4xe e-Hybrid – Technische Daten
Viertüriger, fünfsitziger Mini-SUV; Länge: 4,08 Meter, Breite: 1,80 Meter (mit Außenspiegel: 1,98 Meter), Höhe: 1,54 Meter, Radstand: 2,56 Meter, Kofferraumvolumen je nach Motorisierung: 325/380–1.218/1.277 l. 1,2-Liter-Dreizylinder-Benziner, 100 kW/136 PS, plus zwei E-Motoren mit je 21 kW/29 PS; Systemleistung: 107 kW/145 PS, maximales Drehmoment: 230 Nm bei 1.750 U/min, Allradantrieb, Sechsgang-Doppelkupplung, 0-100 km/h: 9,5 s, Vmax: 194 km/h, Normverbrauch: 5,3-5,4 l/100 km, CO2-Ausstoß: 121-123 g/kmPreis: ab 28.824 Euro (Upland)
Jeep Compass 4xe – Technische Daten
Viertüriges, fünfsitziges Kompakt-SUV; Länge: 4,55 Meter, Breite: 1,94 Meter, Höhe: 1,68 Meter, Radstand: 2,78 Meter, Kofferraumvolumen: 550 – 1.561 Liter
Zwei E-Motoren, 157 kW/213 PS und 132 kW/179 PS, kombinierte Leistung: 275 kW/375 PS, Drehmoment: 345/232 Nm, 0-100 km/h: 5,4 s, Vmax: 180 km/h, Verbrauch: 19,5-20,7 kWh/100 km, Akkugröße: 96,1 kWh, Reichweite: 571-606 km (WLTP), Ladeleistung: 11 kW (AC)/160 kW (DC), Ladedauer DC: 20-80 % in 27 Minuten; Preis: ab 46.134 Euro (Upland)








