Alles über Reifenmanagement
Fotolia Zoom

Reifendienstleister: Der Druck steigt

Reifendrucksysteme, High-Performance-Reifen und umfangreiche Online-Services – das Geschäft der Reifendienstleister wird immer komplexer.  

Die großen Handelsketten sind gut auf Fuhrparks eingestellt. Sie bieten verlängerte Öffnungszeiten, verschiedene Servicepakete einschließlich professioneller Analysen. Dabei unterscheiden sich die Dienstleistungen im Kerngeschäft nur noch marginal. Sowohl ­Hol- und Bringservices als auch Vor-Ort-Montagen bieten alle Händler an. Das minimiert zwar Ausfall- und Standzeiten, doch wer selbst zum Reifenwechsel fährt, kann gleichzeitig weitere Services wie Inspektions- oder Wartungsarbeiten, UVV- und Führerscheinprüfungen oder Smart-Repair in Anspruch nehmen. Und dazu haben die Anbieter ihr Portfolio in den letzten Jahren massiv ausgebaut.

Hightech-Reifen sind im Kommen

Schlanke Prozesse sind aber auch im Hintergrund gefragt. Vor allem größere oder dezentral organisierte Flotten legen Wert auf Online-Reifenmanagement, differenzierte Fuhrparksteuerung, elektronische Genehmigungsprozesse, webbasierte Bestellprozesse, Terminvereinbarung sowie Rechnungsstellung, bundes- oder sogar europaweit einheitliche Konditionen und Fakturierungen. Optional bieten einige Anbieter wie die EFR (Einkaufsgesellschaft Freier Reifenfachhändler) einen Hotline-Service für den Reifenbedarf der Dienstwagenfahrer an. Das senkt den administrativen Aufwand für Fuhrparkbetreiber.

Schließlich wird das Angebot immer umfangreicher. Immerhin ist laut Bundesverband Reifenhandel (BRV) jeder vierte verkaufte Reifen ein Runflat- oder Ultra-High-Performance-Reifen. Die ­sehen nicht nur gut aus, vielmehr sind sie auf die Sicherheitsanforderungen moderner Autos abgestimmt. "Allerdings nützt das wenig, wenn die Reifen falsch montiert sind", sagt Hans-Jürgen Drechsler vom BVR. Allein in Deutschland ­seien gerade mal 700 von rund 4.500 Reifenhandelsbetrieben richtig ausgerüstet. "Ohne Fortbildung und die passenden, zertifizierten Maschinen ist eine fehlerfreie Montage und Demontage nicht möglich", so Drechsler.

RDKS erfordert spezielle Mitarbeiterschulungen

Das gilt künftig mehr denn je. Schließlich ändert sich mit der RDKS-Pflicht für Neufahrzeuge das Flottengeschäft erheblich. Grundsätzlich gibt es zwei Arten: indirekte und direkte Systeme (siehe Kasten). Damit kommen auf Werk­stätten und Reifendienstleister weitere Herausforderungen zu. "Die neue Gesetzeslage erfordert, sich mit der Technologie selbst und den unterschiedlichen technischen Angeboten verschiedener Lieferanten auseinanderzusetzen", sagt Andreas Kuhl, Key Account Manager der EFR. Die zentrale Herausforderung aber liege im operativen Geschäft. In erster Linie müssen die Reifendienstleister in spezielle Maschinen und die notwendigen Ausbildungen der Fachkräfte investieren.

So arbeitet etwa bei Fleetpartner ein ­Projektteam, welches sich um die Schulungen der Mitarbeiter und die erforderliche technische Ausstattung der ­Filialen kümmert.
"RDKS verändert die Prozessabläufe sowohl in der Werkstatt als auch bei der Kundenannahme beziehungsweise der Auftragsbearbeitung", sagt Kuhl. Schließlich müssen die Mitarbeiter genau wissen, für welches Fahrzeug welches System infrage kommt. Allein der zwingende Austausch des Sensor-Servicekits verursacht laut ­einem Experten von Vergölst Mehrkosten zwischen rund 33 und 125 Euro. Manche Sensorhersteller verlangen sogar bis zu 200 Euro. Zusätzlich muss das Bauteil neu programmiert werden. Die ­Experten von Pitstop gehen beim Reifenwechsel von rund 250 Euro Mehr­kosten pro Fahrzeug aus.

Einlagerung der Räder ist eine zusätzliche Herausforderung

Insgesamt steigt der Aufwand beim Reifenwechsel: Sensoren müssen eingebaut werden, die Mitarbeiter müssen die richtigen Drehmomente stärker beachten, sorgfältiger montieren und die durch das System verursachte Unwucht ausgleichen – der Zeitaufwand steigt und damit auch die Kosten. "Insgesamt kommen auf unsere Kunden längere Servicezeiten, eine Ein- und Ausgangskontrolle des RDKS-Systems sowie entsprechende Wartungsmaßnahmen zu", sagt Wolfgang Weigand, Vertriebs-Bereichsleiter von Servicequadrat. Dabei rechnet Arnd Metzler, Teamleiter Flotten von der First Stop Auto Service mit einem zusätzlichen zeitlichen Aufwand von 25 bis 30 Minuten pro Fahrzeug, sein Kollege von Pitstop, Lutz Bromba ist optimistischer und geht von 15 bis 20 Minuten aus.

Eine weitere Herausforderung stellt die Einlagerung der Kompletträder mit Sensoren dar. »Das muss man genau koordinieren. So müssen Batterieleistung und Sensorfunktion rechtzeitig vor dem Saisonwechseltermin kontrolliert werden, sonst kann es zu Verzögerungen in der Taktung der Bühnen während der Saison kommen«, erklärt Carsten Fischer, Leiter Key Account bei der Euromaster.

Höher Kosten müssen Unternehmen tragen

Den höheren Aufwand müssen die Fuhrparks der Unternehmen tragen. Zwar schlagen laut Euromaster die Dienstleistungen pro Rad lediglich mit fünf bis sieben Euro zu Buche, die Preise für die Sensoren seien jedoch sehr unterschiedlich. "Wir versuchen aber uns auf einen Pauschalpreis festzulegen, um die Rechnungsprüfung und die Kalkulation der Kosten transparent und kalkulierbar zu machen", sagt Fischer. Reifendienstleister Fleet Partner weist darauf hin, dass Kosten je nach Fahrzeugtyp und verbautem Sensor variieren. Der finanzielle Mehraufwand ist abhängig von der Art des verbauten RDKS. So sind bei einem indirekten, also über den ABS-Sensor messenden RDK-System, die Kosten geringer. Das macht deutlich: Fuhrparks müssen künftig wohl ein ­größeres Budget für den Faktor Reifen einplanen.

Sparen am falschen Ende

Um wenigstens einen kleinen Teil wieder einzusparen, verzichten bereits einige Flotten darauf ihre Räder wuchten zu lassen. Damit sollen Kosten gespart werden, doch das, so betont Lothar Kerscher, vom BVR, sei »Sparen am falschen Ende«. Hier warnt der Bundesverband Reifenhandel: »Flottenbetreiber und Leasinggesellschaften treten zunehmend massiv mit der Forderung an uns heran, beim Reifenwechsel das Auswuchten nicht mehr bezahlen zu wollen – beziehungsweise die Räder nicht mehr auswuchten zu lassen«, berichtet Kerscher. Bereits eine Unwucht von zehn Gramm wirke sich wie Hammerschläge aus, zudem verschleißen Reifen und Fahrzeug schneller. Der Reifenfachverband habe seine Mitglieder dringend aufgefordert, sich schriftlich bestätigen zu lassen, dass sie auf eigenes Risiko auf das Auswuchten verzichteten.
Trotz großer Herausforderungen und steigendem Kostendruck der Unternehmen scheint die Branche gut gerüstet. So haben alle Reifendienstleister angegeben, ihre Mitarbeiter speziell geschult und mit dem notwendigen Equipment und Maschinen ausgestattet zu haben.

Was das Gesetz vorschreibt

Mit der EU-Neuverordnung sind Reifendruckkontrollsysteme für alle neu zugelassenen Autos nun Pflicht. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass zwischen 40 km/h und der maximalen Fahrzeug-Höchstgeschwindigkeit bei einem Luftverlust von 20 Prozent oder bei einem Mindestdruck von 1,5 bar eine Druckverlustwarnung erfolgen muss. Grundsätzlich gibt es zwei Arten: direkte und indirekte Systeme. Die indirekten Systeme sind günstiger, da sie die ohnehin im Fahrzeug verbauten Sensoren etwa das ABS nutzen. Direkt arbeitende Systeme sind aufwendiger und teurer, weil in jedem Rad ein Sensor verbaut ist. Trotz des enormen Aufwands ist RDKS eine sichere Sache. Laut einer Dekra-Umfrage kontrollieren nur 20 Prozent der Autofahrer den Reifendruck bei jedem Tankstopp, der Löwenanteil der Fahrer checkt den Reifendruck nur zweimal pro Jahr oder vor längeren Fahrten.
 

Autor

Foto

Karin und Uwe Annas fotolia

Datum

22. März 2015
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Alle Tests +++
+++ Alle News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.

  • Alle Bereiche
  • Branche
  • Auto
  • Management
  • ecoFleet
  • Recht/Steuer
  • Service
  • Firmenauto des Jahres